Von Karlen Vesper
06.03.2012

»Ich wollte kein Komplize sein«

Wie aus dem deutschen Maat Hans Heisel ein Résistancekämpfer wurde

Er lebt in einer kleinen, aber feinen Anderthalb-Zimmer-Wohnung und hat einen fantastischen Blick auf den Main. Hans Heisel in Frankfurt ist einer der letzten noch lebenden deutschen Résistancekämpfer. Heute vollendet er sein neuntes Lebensjahrzehnt.
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Der »doppelte Hans« – Heisel in seiner Wohnung in Frankfurt am Main

Er ist Siebzehn, hat gerade Laborant bei Bayer Leverkusen gelernt, als er zur Kriegsmarine eingezogen wird, am 1. Januar 1940. Er wird zum Fernschreiber ausgebildet und Ende Juni nach Paris abkommandiert. Innerhalb von drei Wochen hat die deutsch-faschistische Wehrmacht Frankreich besiegt und besetzt, der Grande Nation die größte Schmach in ihrer Geschichte bereitet.

Hans Heisel kommt zur Marinenachrichtenabteilung West, die ihren Sitz im Marineministerium am der Place de la Concorde hat. Die französische Hauptstadt gefällt ihm. »Ich hatte es noch nie so gut in meinem Leben.« Hans flaniert auf den Boulevards der Seine-Metropole, flirtet mit Französinnen, lässt sich den guten Wein schmecken. »Ich war kein Anhänger der Nazis, aber auch kein Gegner«, sagt er rückblickend.

Begegnungen

Mit einem Friseur in einer Seitenstraße der Champs Elysée kommt Hans ins Gespräch. Mit wachsender Vertrautheit gewinnt die Unterhaltung Tiefe. Der gebürtige Elsässer sät erste Zweifel. »Ich war ja nicht nur neugierig, neugierig ist ja jeder mehr oder weniger, aber ich war auch unvoreingenommen. Ich habe alles Neue, was ich sah und hörte, aufgesaugt.« Hans erfährt vom Coiffeur, dass die Franzosen keineswegs beglückt sind über die Anwesenheit deutscher Soldaten. »Er hat mir natürlich nicht offenbart, dass er Mitglied der Résistance und Kommunist ist.«

Wesentlich soll eine weitere Begegnung werden. Hans hat eine Freundin, »ein junges hübsches Mädchen. Sie wollte aber mit mir nicht in Uniform durch Paris spazieren.« So fragt Hans also seinen Friseur, ob er ihm einen guten Schneider empfehlen könne und bekommt einen Namen und eine Adresse genannt. Beim Maßnehmen und Anprobieren in der Rue du Faubourg St. Honoré horcht ihn der Schneider, ein Jugoslawe, vorsichtig, aber wirkungsvoll aus. Hans denkt nun über Dinge nach, die ihn zuvor nicht berührten. Über den Schneider kommt Hans in Kontakt zu einer illegal in Paris lebenden Deutschen. Sie nennt sich Maria. Sie stärkt die Zweifel, die Hans seit seinen Gesprächen mit dem Friseur und dem Schneider plagen. »Ich begann mich zu fragen, welche Rolle ich in diesem Krieg spielte, und kam zu der Erkenntnis, dass ich Komplize einer staatlich organisierten Verbrecherbande war. Daraus zog ich die Schlussfolgerung, gegen Hitler zu kämpfen. Im Krieg muss man jeden Tag damit rechnen, sein Leben zu lassen. Da wollt ich schon wissen, wofür ich sterbe.«

Anfang 1941 kommt ein Neuer in seine Dienststelle: Arthur Eberhard, ein Sozialdemokrat aus Wuppertal, von Beruf Sänger. Mit ihm besucht der Sohn einer alleinerziehenden Putzfrau in Paris erstmals Konzerte und Opern. Arthur öffnet Hans die Sinne für französische Kultur und Geschichte. Und er gewinnt ihn für die Résistance. Später wirbt Hans einen neuen Mitstreiter an: Kurt Hälker aus Duisburg, gelernter Polsterer, Funker im Marinestab.

Das Attentat

Primäre Aufgabe der Freunde des drangsalierten und ausgeplünderten französischen Volkes ist die Verteilung von Flugblättern. »Das musste mit großer Umsicht erfolgen«, berichtet Hans Heisel. Die aufklärenden Zettel hinterlegen die deutschen Antifaschisten vor allem in den Toiletten der Soldatenheime und in von Wehrmachtsangehörigen bevorzugt aufgesuchten Lokalen. »Man rollte das Toilettenpapier auf, steckte die Flugblätter dazwischen und wickelte das Ganze wieder auf«, erläutert Hans Heisel. Diese Aktionen bleiben freilich nicht unbemerkt. Eines Tages, in der Gaststätte des Fliegerheims, fliegt Hans fast auf. Er hat sein »Geschäft« wie üblich beendet und will das »stille Örtchen« gerade verlassen, als ein Toilettenwärter ihn am Arm packt und festhält: »Er hatte bemerkt, dass die Papierrolle dicker als normal war und wollte mich anzeigen.« Hans zückt seine Pistole, drückt sie dem Gegenüber auf die Brust und entreißt ihm die Rolle. »Dann rannte ich los. Ich habe diese Lokal nie wieder betreten.«

Von Vorteil wird sich für Hans die zufällige, bizarre Bekanntschaft mit einem Abwehroffizier erweisen. Es waren im Marinestab Flugblätter gefunden worden. »Entrüstet berichtete mir der Abwehroffizier davon.« Hans täuscht Ahnungslosigkeit vor, gibt sich gleichfalls empört und begleitet den Sicherheitsoffizier bei seiner Fahndung nach dem Täter - nach sich selbst.

Schwieriger und gefährlicher ist ein anderer Auftrag. »Die Résistance hatte stets einen großen Bedarf an Waffen.« Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Fündig werden Hans und Arthur in den Schwimmbädern der Wehrmacht, in den Umkleideräumen hängen Uniformen, Koppel und Pistolen. Während der eine Schmiere steht, bedient sich der andere. »Einmal haben wir auf einen Schlag 20 Waffen erbeutet«, sagt Hans Heisel stolz. Im September 1943 hat eine Genossin mit Deckname »Mado« eine dringlichste Bitte. Sie benötigt eine Waffe, und zwar sofort. Hans bedauert: »Es tut mir schrecklich leid, ich kann erst morgen eine besorgen.« Doch sie insistiert: ›Das ist zu spät, ich brauche sie unbedingt heute noch.« Hans übergibt ihr seine Dienstpistole. »Das war eigentlich idiotisch. Wenn man bemerkt hätte, dass ich mit leerer Pistolentasche rumlaufe, wäre ich in arger Bredouille gewesen.« Es gelingt ihm jedoch, sich rasch Ersatz zu besorgen. Jahre nach dem Krieg erfährt er, dass mit seiner Waffe Julius Ritter erschossen worden ist, am 28. September 1943. Der SS-Standartenführer war in Paris der Satrap von Fritz Sauckel. Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz. Ritter zeichnete verantwortlich für die Rekrutierung und Deportation französischer Zwangsarbeiter.

Das Attentat war von einer vornehmlich aus jüdischen Résistancekämpfern bestehenden Gruppe unter dem Befehl von Missak Manouchian verübt worden. Auf offener Straße, in der Rue Pétrarque im 16. Arrondissement. »Beteiligt war auch ein deutscher Genosse, Leo Kneler«, weiß Hans Heisel. Die Rache der Besatzer ist grausam. 50 Geiseln werden »als Vergeltung« erschossen. Manouchian fällt im November der Gestapo in die Hände und wird mit 22 Gefährten am 21. Februar 1944 auf dem Mont Valérien exekutiert.

Nach der Eröffnung der Zweiten Front am 6. Juni 1944 wächst die Unsicherheit und Angst unter den Okkupanten. Paris gleicht einem aufgeschreckten Bienenstock. Maat Hans hat die kühne Idee, handstreichartig das Kommando im Marineministerium zu übernehmen. »Das war natürlich völlig unrealistisch, jugendliche Naivität«, gesteht der Veteran.

So sehr Hans sich über die Landung westalliierter Truppen in der Normandie freut, so betrübt ist er, da nun die Verbindungen zu den Genossen abreißen. »Ich bin wie ein Löwe in seinem Käfig hin- und hergelaufen. Wie komme ich hier raus?« Hans findet einen Weg. Er entdeckt ein nicht angeschlossenes Fahrrad, schwingt sich kurzentschlossen auf den Drahtesel und fährt los. Er hört noch, wie ihm die Wachhabenden hinterherrufen: »Halt, wo willst Du denn hin?« Hans brüllt zurück: »Ich komme gleich wieder, habe einen Auftrag.« Zügig radelt er zum Friseur, in dessen Laden für ihn alles begann. »Der war zum Glück noch da. Ich sagte ihm: ›Ich bin desertiert.‹« Das ist er geistig schon längst, nun ist der Schritt auch faktisch vollzogen. Der Friseur steckt seine Uniform samt Soldbuch in den Ofen, verbrennt alles und gibt Hans Zivilkleidung. Dann schickt er ihn zum Schneider, der ihm einst den Anzug nähte. Der Jugoslawe bringt Hans zu seinen Leuten. »Und dann ging es los.«

»Klarsfeld find ich gut«

Der Aufstand in Paris bricht am 19. August 1944 aus. Hans ist mitten drin, kämpft mit den Jugoslawen. »Das war eine ganz tollkühne Truppe.« Am 25. August ist Paris befreit. Ein Freudentag. »Das war wunderbar. Ganz Paris war auf den Beinen, die Menschen tanzten auf den Straßen, lachten und weinten, fielen sich in die Arme ...«, erzählt Hans Heisel und ergänzt. »Aber schöner noch war die Befreiung selbst. Da war eine Atmosphäre, wie es sie wohl nur noch in der Großen Französischen Revolution gab. Männer, Frauen und Kinder fällten Bäume, rissen die Pflastersteine auf, schleppten Matratzen und Mobiliar auf die Straßen und bauten Barrikaden.« Nach dem Sieg schließt sich Hans zusammen mit seinem Freund Kurt dem 1. Regiment von Paris an, das unter dem Kommando des legendären Colonel Fabien steht, der eigentlich Pierre Georges heißt, von Beruf Bäcker ist und der FKP angehört; er wird im heutigen Frankreich als Held geehrt.

Hans Heisel ist in der Résistance Mitglied der KPD geworden; in Adenauers Staat wird wegen Tätigkeit für eine verbotene, illegale Partei zu 15 Monaten Haft verurteilt. Was sagt er zur Nominierung von Beate Klarsfeld als Bundespräsidentin? »Klarsfeld - find ich gut! Eine solche couragierte Frau, die gegen alte und neue Nazis kämpft, kann Deutschland nur gut tun.«

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