Von Tom Mustroph
06.03.2012

Wonach soll man streben?

»Photograph 51« wirft in der Wissenschaftsszene der frühen 1950er Jahre Fragen auf

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Wissenschaft im sozialen Kontext

Theater und Wissenschaft sind hierzulande weitgehend getrennte Bereiche. Während bildende Künstler sich seit einigen Jahren auch für natur- und vor allem biowissenschaftliche Forschungen interessieren - erinnert sei nur an Eduardo Kac' genetisch verändertes Kaninchen - hält sich die Hinwendung von Dramatikern, Schauspielern und Regisseuren zu den sogenannten harten Wissenschaften in engen Grenzen. »Im anglophonen Sprachraum ist das ganz anders. Da werden Wissenschaftsstücke sogar mit Stipendien gefördert. Das ist eine ganz lebendige Szene«, schaut Günther Grosser, Leiter und Regisseur des English Theatre Berlin, mit Bewunderung und auch einer Prise Neid nach Großbritannien und in die USA. Weil sein Kreuzberger Theater sich nun aber der englischsprachigen Dramatik verpflichtet fühlt, ist dieser Umstand auch ein Glück. Mit Unterstützung der Mikrobiologin und Leibniz-Preisträgerin Regine Hengge - Spezialgebiet Stressabwehrstrategien von Bakterien - bringt er seit 2010 eine ganze Reihe von Wissenschaftsstücken heraus. Jüngstes Projekt ist »Photograph 51«.

Es widmet sich einer eher unrühmlichen Episode im Wissenschaftsbetrieb. Denn die Biologen Watson und Crick bemächtigten sich heimlich der Forschungsergebnisse der Röntgenfotografie-Spezialistin Rosalind Franklin und entwickelten anhand des ominösen Fotos Nr. 51 ihr Modell der Doppelhelix des menschlichen Genoms. Franklins Anteil dabei spielten sie herunter. Sie erhielten später den Nobelpreis - eine Ehrung, die der früh verstorbenen Franklin versagt blieb. »Photograph 51« ist daher zunächst ein Schurkenstück im Wissenschaftsmilieu.

Hochnäsige Kerle marginalisieren eine Frau, um später von ihr zu profitieren, ohne ihr jedoch die gebührende Anerkennung zu gewähren. Individuelle Charakterzüge gehen dabei Hand in Hand mit dem kulturellen und sozialen Kontext am Kings College der 50er Jahre in London. Frauen ist etwa der Eintritt zum institutseigenen Klub und damit auch das dortige Mittagessen versagt.

Neben dieser Ebene enthält das Stück von Anna Ziegler aber auch geradezu philosophische Einsichten zur Lebensführung. Wonach soll man streben? Wie soll man sich zu Kollegen verhalten? Was ist eigentlich Glück?, lauten die Fragen.

Darüber hinaus ist »Photograph 51« ein Lehrstück über Wissenschaft. Detailliert werden die Schritte zur Entdeckung der Struktur des menschlichen Genoms nachvollzogen. Das beschert dem Theater einen regen Zuspruch höherer Schulklassen, der durch ein speziell entwickeltes Workshop-Programm zusätzlich befeuert wird. Und es offenbart sich ein ganz wichtiger und auch reizvoller Unterschied zwischen dem rationalen Feld der Wissenschaft, in dem Experimente stets genauso wiederholt werden können, und dem sozialen Kontext, in dem jedes Ereignis Folgen zeitigt und eben nicht umkehrbar ist. Dem Versuch von Franklins Kollegen Wilkins, ihrer beider Begegnung einfach noch einmal neu beginnen zu lassen, mutet daher ein hoher Grad von Verzweiflung an. Das private Unglück der Wissenschaftler - Franklin und Wilkins vereinsamen Tür an Tür, Crick läuft die Ehefrau davon und Watson kann vor lauter Wissenschaft nur von Beziehungen träumen, hat aber keine Zeit, sie auch zu leben - steht in starkem Kontrast zu ihrer Souveränität im Beruf.

Grosser inszeniert dies als ein Kammerstück in einem klaren, aus Kreisen geformten Raum (Bühne: Thomas Fitzpatrick). Ein gelungener Abend, auch für jene, die gerade nicht in der Schule Genetik im Fach Biologie haben.

6.-10.3., 20 Uhr, ETB, Fidicinstr. 40, etberlin.de

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