Von Irene Constantin
07.03.2012

Einzig wärmt die Musik

Christoph Loy inszenierte Leoš Janáceks »Jenufa« an der Deutschen Oper Berlin

Kalkweiß, klinisch rein ist die Gefängniszelle, in die die Küsterin geführt wird. In ihrem grauen Wollkostüm sitzt sie am Tisch und gibt sich Rechenschaft. Sie, eine vom ganzen Dorf geachtete Frau, die als Witwe ihr Leben in die Hand nahm und die schöne Stieftochter Jenufa mit Liebe und Konsequenz erzog, wurde zur Mörderin.

Am Ende wird sie sich eingestehen müssen, dass sie nicht aus dem selbstlosen Motiv handelte, die Ehre und das Glück Jenufas mit dem Mord an deren neugeborenem unehelichen Kind verteidigt zu haben, sondern altem Hass und dem eitlen Bedacht auf die eigene Reputation nachgegeben zu haben. Stück um Stück weiten sich die Durchblicke zu ihren Erinnerungen: Der Hintergrund der Zelle öffnet sich allmählich und gibt den Blick ins Weite frei.

Ein Kornfeld reicht bis zum Horizont, eine Reihe hölzerner Telegrafenmasten weist noch darüber hinaus. Das mährische Dorf ist die Welt. Menschen drängen sich in den Sinn der Küsterin, kommen in ihre Zelle. Da ist Jenufa, etwas vulgär gekleidet im weit ausgeschnittenen roten Kleid und den hochhackigen roten Schuhen, da ist die elegante Schwiegermutter der Küsterin, die Mühlenbesitzerin Buryja, und da sind zwei junge Männer, ihr Neffe und Buryjas Enkel Števa und Števas Halbbruder Laca. Und plötzlich sieht sich die Küsterin selbst in ihrer eigenen Geschichte.

Števa, der junge Trunkenbold und Verschwender ekelt sie an. Mit dem Bruder seines Vaters war sie verheiratet. Er war hübsch wie Števa, er trank, er schlug sie und brachte sie in Armut. Dass ihre Jenufa und Števa Buryja nun ein Paar sind, dass das Mädchen ihm gefallen will, erneuert den Albtraum, den die Küsterin erlebte. Sie verbietet die Hochzeit. Als aber Števa die schwangere Jenufa wirklich nicht heiratet, als Laca, der Jenufa seit Langem liebt, des Kindes wegen als weiterer Bewerber zurückschreckt und als der gesunde Säugling überdies noch die verhassten blauen Augen der Buryjas aufschlägt, fasst die Küsterin den Entschluss zum Kindesmord. Jenufa liegt derweil betäubt im Fieber. Schwangerschaft und Entbindung blieben dem Dorf bisher verborgen.

Regisseur Christoph Loy stellt in seinen Seelenerkundungen zu Musik von Leoš Janácek die Küsterin in den Mittelpunkt, aber er geht durchaus nicht nur ihren verborgenen Motiven nach. Die anderen Opernfiguren werden mit derselben Genauigkeit geführt. Loy interessieren vor allem die Ver-Wandlungen der Figuren. Der großspurige Mühlenerbe Števa wird klein und kleiner und bleibt schließlich stumm und ratlos, selbst die naive Karolka kauft ihm den Schneid ab. Jenufa - intelligent, sinnlich, wird in ihrer Not hysterisch und rechthaberisch, schließlich liebend und vergebend, fast weise. Immer umstrahlt sie ein Licht in dieser Inszenierung. Laca vermag seine bösartigen Aggressionen zu bemeistern. Er lässt sich am Ende von Jenufa an die Hand nehmen und geht mit ihr aus der geöffneten Zelle hinaus. Kein goldenes Kornfeld breitet sich vor dem Paar aus wie im ersten Akt, keine trostlose Winterreise-Ödnis wie im zweiten, sondern jenes tiefe Schwarz, das auf der Bühne die Vorbedingung aller Möglichkeiten ist.

Christoph Loy vermeidet das tragische wie das glückliche Ende und ist damit Janáceks liebevollem Blick auf das menschliche Sowohl-als-auch seiner Figuren nahe. Die den krausen Seelen gegenüber kontrapunktisch zu denkende Eleganz der 60er-Jahre-Kostüme von Judith Weihrauch und Dirk Beckers Bühnen-Psycho-Labor präzisieren Loys Personenführung. Ganz ungeschützt und kristallin klar agieren die Figuren vor aller Augen.

Ihre Deckung und wärmender Mantel ist die Musik. Janácek schmiegt sie um jedes Wort und damit um jede Seelenregung. Ohne Rücksicht auf sinfonische Prinzipien insistiert Janácek auf die einmal gefundene, genau richtige Phrase für ein Wort, einen Gedanken, einen Zustand. Er wiederholt einfach. Er wird laut, wenn die Figuren laut werden, ohne Gesang ist ihm das Orchester unwichtig. Allein der archaische Farbenreichtum entfaltet sein üppiges Eigenleben im Orchestergraben. Donald Runnicles am Pult des Orchesters der Deutschen Oper arbeitete die knapp charakterisierten Grundstimmungen für die einzelnen Akte genau heraus, um dann sehr beweglich und hellwach den Singstimmen zu folgen. Bejubelte Lebendigkeit im Orchester.

Die Solistenbesetzung bot puren Glanz. Jennifer Larmore sang eine junge, gar nicht so überstrenge Küsterin, deren stimmfahler Absturz in die Gemütskrankheit umso erschreckender ausfiel, Michaela Kaune gab der Titelfigur mit ihrer leuchtenden Stimme eine wunderschöne weiche Wärme, schließlich eine lichte, zurückhaltende Zärtlichkeit. Vorzüglich auch die beiden Tenöre, der helltönende Joseph Kaiser als beweglich übermütiger Števa und Will Hartmann als ein im eigenen Gefühlsgefängnis verhärteter Laca, der ganz allmählich erst Klang und Wärme findet. Nadine Secunde erheiterte als aufgetakelte Bürgermeistersfrau und die großartige Hanna Schwarz entriss die alte Buryja dem Klischee der mümmelnden Alten, gab ihr endlich einmal wirklichen Gesang, der die reichste Frau des Dorfes beglaubigt. Beifall für alle, Jubel für die Regie: seit Langem eine Seltenheit in der Deutschen Oper.

Nächste Vorstellungen: 8., 10., 16.3.

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