Von Hans-Dieter Schütt
07.03.2012

Erinnerung an eine Zukunft?

Europa und Exil

Der ungarische Schriftsteller Akos Kertész bat um Asyl in Kanada. Der jüdische Roman- und Drehbuchautor, 79, kam vor einigen Tagen in Montreal an. Darf man dies bitterer deuten, als es vielleicht angemessen ist?

Die Flucht aus einem europäischen Staat, der ins Rechtsextreme driftet, gehört zu den wesentlichen Handlungssträngen des 20. Jahrhunderts. Jene Weltoffenheit, die mit dem Gedanken der Klassik das Griechische und Italienische auf neue Weise ins kontinentale Bewusstsein pflanzte, wandelte sich im totalitären Zeitalter brutal zur umfassenden Exilbewegung. Neben Seumes heiterem Syrakus-Seufzer »Ach, wie lieblich winkt mir eine Fremde, die mich fortlockt, ohne mir Heimat zu nehmen« steht Stefan Zweigs Schmerz der großen Überfahrt: »Reisen ist mir zum Inbegriff der Entwurzelung geworden, und alle Bewegung führt, um des Lebens Erhalt, doch nur immer ins Heimatlose.«

Zwischen beiden Zitaten liegen - speziell deutsche - Zeiten, die vor hysterischen Gesinnungsschüben bebten, und in denen der Patriot zum Nationalisten mutierte, der Mehrheitsgründende zum Minderheitenjäger wurde und der Gemeinsinnige in die Meute eintrat. Die Flieh-Kraft wuchs sich nach 1933 zur großen Initiative derer aus, die frühe Ahnungen oder Geld oder Glück oder genügend Angst (oder alles zusammen) hatten, um sich aus bisherigem Leben loszureißen. Und die eine Ungewissheit im Fremden jener Gewissheit vorzogen, im Deutschland Hitlers todgeweiht zu sein.

Der Dichter Stephan Hermlin wird sich später, auf DDR-Boden, vehement dagegen wehren, die Flüchtlinge, die Notsituation, den erzwungenen Heimatverlust im Dritten Reich gleichzusetzen mit der Praxis des Reisepasses und der regulären West-Ausreise im SED-Staat. Ja, und dennoch: Auch das sozialistische System hat seine sehr eigene Geschichte des inhumanen Aderlasses. Aber so wenig es die Vielfalt des Totalitären erlaubt, unterschiedliche Systeme auf einen vereinfachenden Nenner zu bringen, so ging allen Fluchtbewegungen, die aus Wehr gegen eine unfreie, peinigende Gesellschaft erwuchsen, auch eine jeweils besondere Anfangsstimmung voraus.

Das Exil des ungarischen Autors Kertész erinnert merkenswert an jene Atmosphäre vor und zu Beginn der großen nationalistischen Weltenwende Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre des letzten Säkulums. Natürlich: Die Nachricht dieser Flucht ist ein singuläres Ereignis, sie hat zweifelsfrei etwas rein Symbolisches, und die Abkehr von Ungarn erfolgt ohne mit der Hitlerzeit unmittelbar vergleichbare Beizeichen. Es ist durchaus (noch?!) etwas anderes, ob man Anfang des 21. Jahrhunderts oder achtzig Jahre früher aus Europa nach Übersee ausweicht.

Aber liegt sie nicht dennoch schon wieder länderübergreifend in der Luft: die vage fragende Ahnung von bedrohlichen Zeiten? Diese Wechselstimmung zwischen Bagatellisierung und Überzeichnung des sozialen, politischen Darwinismus? Man nimmt so eine vereinzelte Meldung zur Kenntnis und ertappt sich bei atmosphärischen Hochrechnungen, die sich mehren. Raum greift die lähmende Fühlung, antidemokratischen Prozessen ausgesetzt zu sein. Könnten sie nicht plötzlich (wieder) in etwas umschlagen, das wir momentan noch nicht für möglich halten (wollen)?

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