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Von Kay Wagner, Brüssel
09.03.2012

Brüssel lässt Ostdeutschland allein

Kaum Aussicht auf EU-Unterstützung für eine »demografische Brücke« zur Verhinderung des Lehrermangels

In den neuen Bundesländern werden die Lehrer knapp. Die EU, die Strukturanpassungen in anderen Bereichen finanziell unterstützt, will aber nicht helfen: Bildung ist vor allem Ländersache.

Man wird den Kultusministern der ostdeutschen Länder später nicht vorwerfen können, dass sie es nicht versucht hätten: Mit der Bitte um Unterstützung durch die EU waren Mathias Brodkorb aus Mecklenburg-Vorpommern und Christoph Matschie aus Thüringen auch im Namen ihrer Kollegen aus Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt nach Brüssel gereist, um dort für ein dringendes Anliegen des ostdeutschen Schulwesens zu werben. Nämlich um Unterstützung in der Krise, die sich durch den demografischen Wandel im Schulwesen abzeichnen wird.

Ganz konkret geht es um Lehrer. Sie werden bald Mangelware sein in den neuen Bundesländern. Knapp 50 Prozent der derzeit aktiven Schulpädagogen sind 50 Jahre und älter, gerade mal zwölf Prozent jünger als 40 Jahre. Die Zahlen, die Sachsens Staatsminister Roland Wöller bei einer Veranstaltung in die Landesvertretung seines Freistaats in Brüssel bei der EU vorlegte, verdeutlichten Problem: Scheiden die älteren aus, fehlt es an genügend Nachwuchs.

Die Situation ist ein spätes Ergebnis der deutschen Vereinigung. Ältere Lehrer wurden weiter beschäftigt, für junge Lehrer gab es oft keine Stellen, oder sie fanden Schulen im Westen attraktiver. »Was wir brauchen, ist eine demografische Brücke«, fasste Wöller die Lösung zusammen. Damit gemeint ist eine Vorbereitungszeit auf den Mangel, der sich abzeichnet. Heute schon und in den kommenden Jahren müssten mehr junge Lehrer eingestellt werden, obwohl man sie eigentlich noch nicht brauche. Doch dadurch werde gewährleistet, dass genügend Pädagogen vorhanden seien, wenn die ältere Generation in den nächsten zehn bis 20 Jahren abtreten wird.

»Bei der EU gab es immer Geld, um Brüche und Wandel zu finanzieren«, sagte Matschie. Ein solcher Umbruch der gesellschaftlichen Struktur stehe in Ostdeutschland bevor. Eine Förderung für die Zeit, zu der sich ein Lehrermangel abzeichnet, bis zu dem Punkt, an dem sich die Lehrer-Situation auf ein normales Verhältnis wieder eingependelt habe.

Doch es wird sehr schwierig werden, solche Gedanken erfolgreich bei der EU durchzusetzen. In bildungspolitischen Fragen hat die EU kaum Kompetenzen. Viel mehr als Förderprogramme für den grenzüberschreitenden Austausch von Schülern, Studenten, Auszubildenden und Lehrern kann die Union nicht organisieren. Die bei dem Diskussionsabend anwesenden Vertreter aus EU-Parlament und EU-Kommission machten das deutlich. Selbst über den Topf, in dem finanzielle Mittel für den Strukturwandel in europäischen Regionen verwaltet werden, sei nur sehr schwer an Geld für das angesprochene Problem zu kommen.

Für die Kultusminister waren das schlechte Nachrichten. Sie fürchten, dass ihre Bundesländer allein nicht die Mittel aufbringen können, um zusätzliche Lehrer einzustellen. Die Folge wäre genau der Lehrermangel, den sie vermeiden wollen. Und dann gäbe es eine Kettenreaktion: zu wenig Lehrer gleich große Klassen gleich schlechter Unterricht gleich wenig motivierte Schüler gleich sinkendes Niveau und steigende Quote der Schulabbrecher. »Es ist toll von der EU, bis 2020 die Zahl der Schulabbrecher verringern zu wollen, die Länder aber dabei alleine zu lassen«, sagte Brodbeck frustriert auf die Antworten der EU-Vertreter.

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