Von Hans-Gerd Öfinger, Frankfurt
12.03.2012

Wenigstens Schlecker-Ehrensold

Von Entlassung bedrohte Frauen formulierten bei einem Aktionstag in Frankfurt am Main ihre Forderungen

600 Schlecker-Beschäftigte zogen am Sonnabendnachmittag durch die Innenstadt der Mainmetropole Frankfurt. Zum »Hessischen Frauentag bei Schlecker« aufgerufen hatte die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di.
2b1e344c73d4a6eb09e519df6594bba2.jpg

»Sanierung nicht auf unsere Kosten« oder »Ehrensold für die Schlecker-Entlassenen« forderten die überwiegend weiblichen Schlecker-Beschäftigten der Drogeriekette, die dem Ruf von ver.di zum Aktionstag am Samstag gefolgt waren. Allen kämpferischen Parolen zum Trotz standen vielen der Frauen aus Hessen und Rheinland-Pfalz Zukunftsängste ins Gesicht geschrieben. Nicht »wie ein Kaninchen auf die Schlange starren« wollen sie. So stand es im Aufruf des südhessischen ver.di-Bezirks. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz sei bei der Erarbeitung und Durchsetzung seines Sanierungsplans »nicht so sehr an gesetzliche Bestimmungen gekettet, dass er überhaupt keine Handlungsfreiheit mehr besitzt«.

»Alle Erfolge im Schlecker-Konzern haben wir nur durch Druck von unten erreicht«, erinnerte die Darmstädter Betriebsrätin Katja Deuser an den jahrelangen Kampf um die Gründung von Betriebsräten, Tarifverträge und den Stopp konzerninterner Leiharbeit, der dem Konzern mit Sitz in Ehingen an der Donau und seinem publikumsscheuen Chef Anton Schlecker 2009 negative Schlagzeilen gebracht und selbst den Bundestag beschäftigt hatte. »Anton, wir haben dich reich gemacht. Dass du gehst und wir bleiben, ist mehr als gerecht«, so die Gewerkschafterin: »Wir dürfen nicht zulassen, dass die Schleckers mit ihren geschätzten 2,2 Milliarden Euro Vermögen scheinbar unberührt bleiben.« Nicht nur die bisherige Konzernleitung, sondern auch etliche regionale Führungskräfte, die die Belegschaft systematisch drangsaliert hätten, müssten den Hut nehmen. »Wir vergessen nicht, wie sie uns behandelt haben«, so die Betriebsrätin. ver.di-Landesleiter Jürgen Bothner bezeichnete die Insolvenz als »betriebswirtschaftliche Quittung für die Uneinsichtigkeit der Schlecker-Manager«.

Unterdessen geht das Ringen um bundesweit rund 30 000 Arbeitsplätze weiter. Dem Vernehmen nach sollen über 12 000 Beschäftigte gehen und mit einer dreimonatigen Kündigungsfrist und einer Abfindung in Höhe von 2,5 Monatsgehältern abgespeist werden. Um allen Entlassenen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu geben und den Absturz in Hartz IV zu ersparen, müssten sich Bund und Länder für den Erhalt der Arbeitsplätze und Bürgschaften für Transfer- und Qualifizierungsgesellschaften einsetzen, fordern die Gewerkschafter. Bereitschaft angedeutet hätten bisher die Landesregierungen in Baden-Württemberg, Hamburg, Thüringen und dem Saarland. »Wenn Schlecker ein Autobauer wäre, hätte die Politik längst eingegriffen«, stellte Janine Wissler von der hessischen Linksfraktion bei der Frankfurter Abschlusskundgebung fest. Die Politik dürfe die Schlecker-Frauen nicht im Regen stehen lassen. »Hessen muss die Frage genau so ernst nehmen wie Opel«, erinnerte Gernut Grumbach, Vizechef der Hessen-SPD, an das publikumswirksame Engagement der CDU-FDP-Landesregierung für den krisengeschüttelten Fahrzeugbauer im Jahre 2009.

Das Tauziehen um die Liste der bedrohten Filialen und die Bildung einer Transfergesellschaft wird in den kommenden Tagen in eine entscheidende Phase eintreten. Seit einer Woche verhandeln der Schlecker-Gesamtbetriebsrat und ver.di mit Geiwitz. Die nächste Verhandlungsrunde ist für den morgigen Dienstag angesetzt. Am Donnerstag soll auf einer gemeinsamen Betriebsversammlung für alle südhessischen Schlecker-Bezirke berichtet werden. Schlecker könne nicht auf Hilfe von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hoffen, meldete unterdessen die »Welt am Sonntag«.