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Von Martin Hatzius
20.03.2012

Die Welt hat sich verkleidet

Bunte Kostüme, hohle Masken und ernste Spiele, wohin man schaute - die Leipziger Buchmesse 2012

Am Anfang war - nein, nicht das Wort -, am Anfang war weißes Papier. Eines der Bücher, die auf der Leipziger Buchmesse sehr präsent waren, heißt »Weiße Magie«. Der Feuilletonist Lothar Müller hat eine faszinierende Kulturgeschichte des Papiers geschrieben. Dass die Erfindung des Buchdrucks ein Schlüssel war, die Klostertore des Mittelalters aufzustoßen und hinauszutreten in das Licht der Neuzeit (das etwa so gleißend gewesen sein muss wie die durchs Leipziger Glasdach schießenden Frühlingssonnenstrahlen), gehört zum Allgemeinwissen.

Wenn Müller nun der »Schwarzen Kunst«, also dem Druckhandwerk, die »Weiße Magie«, also das Medium Papier in dessen fast 2000-jährigen Gewordenheit, gegenüberstellt, erweitert er den Blick auf die Entwicklung der Schriftkultur über den Beginn des »Gutenberg-Zeitalters« hinaus. Vom Erfindungsort China aus als Fernhandelsprodukt zunächst in den arabischen Raum gelangt (wo es eine bedeutende Rolle für die Verbreitung des Korans spielen sollte), gelangte das Papier erst im 13. Jahrhundert, 200 Jahre vor dem Bau der ersten Druckerpresse, nach Europa, um schließlich im bürgerlichen Zeitalter, nachdem die Papiermaschine hergestellt worden war, seine bis eben anhaltende Blütezeit zu erleben.

Geht die »Epoche des Papiers« nun, da allerorten auf Bildschirmen gelesen wird, auf ihr Ende zu?

Wenn man alle Bücher, die in Leipzig ausgestellt worden sind, übereinanderstapelte, man hätte einen Turm gebaut, der weit in die abwesenden Wolken ragt. So selbstverständlich 2012 mit iPads und E-Books hantiert wird, wenn es um das geschriebene Wort geht, so unangefochten verteidigt das bedruckte Papier seine Position. Lothar Müller bezeichnet uns heutige Leser und Schreiber als »Mischwesen«, die in einer Phase der »Gleichzeitigkeit« leben: Digitales und Analoges durchdringen einander. Auf dem Desktop gelöschte Dateien verschieben wir in den vituellen Papierkorb. E-Mails, deren Beantwortung wir nicht vergessen wollen, drucken wir aus.

Papier, sagt Lothar Müller bei der Vorstellung seines Buches auf dem Blauen Sofa in der Glashalle, war und ist »Bedingung der Möglichkeit von Vielem«, nie aber hat es allein Geschichte geschrieben. Die »Magie« der weißen Seite offenbart sich erst, wenn Menschen sie füllen: mit konstruiertem und rekonstruiertem Erleben, Fühlen, Denken, mit Manifestationen ihres Seins und ihres Wollens. Eine Buchmesse ist eine Wortmesse.

Eines von Müllers Verdiensten ist der nachdrückliche Hinweis auf die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen bedrucktem und handschriftlich beschriebenem Papier. Was damit gemeint ist, formulierte der Historiker Timothy Snyder, für sein Buch »Bloodlands« mit dem diesjährigen Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet, in seiner Dankesrede: »Ein Buch wie dieses wäre nicht möglich gewesen ohne die Zettel, die Menschen aus Bussen warfen, als sie zu ihrer Hinrichtung außerhalb von Warschau oder Vilnius gefahren sind.«

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht als Ideengeschichte, sondern als Geschichte von Menschen zu erzählen, eine »Beschäftigung mit der Vergangenheit, die von der Würde des Individuums ausgeht« (Snyder) - dieser historische Ansatz war in Leipzig gleich mehrfach preiswürdig. Einen Tag, nachdem Snyder und Ian Kershaw für ihre Arbeiten geehrt wurden, die sich mit unterschiedlichen Fragestellungen zum Zweiten Weltkrieg befassen, erhielt Jörg Baberowski den Sachbuch-Preis der Leipziger Buchmesse für seine Studie zu Stalins Gewaltherrschaft (»Verbrannte Erde«). Die Auseinandersetzung mit den »Totalitarismen« Stalins wie Hitlers rückte so in den Messemittelpunkt.

Eher am Rande indessen, am kleinen Stand des Laika-Verlags, war ein neues Buch des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek zu entdecken, das sich der Debatte über die »Schreckensgeschichte« des 20. Jahrhunderts von anderer Seite nähert. In »Totalitarismus. Fünf Interventionen zum Ge- und Missbrauch eines Begriffs« schält Žižek ideologische und strategische Funktionen des Wortes »Totalitarismus« heraus: Es soll die liberaldemokratische Hegemonie garantieren und jeden Versuch einer Transformation der bürgerlichen Gesellschaft schon im Ansatz ersticken, argumentiert Žižek.

Von einer umgekehrten Transformation, nämlich dem am eigenen Leibe kaum merklichen, schleichenden Wandel der Menschen selbst, handeln viele Romane dieses Frühlings. Ihre Botschaft, frei nach Büchner: Der Kapitalismus frisst seine Kinder. Aus Individuen werden hier Apparate, vornehmlich in modernen Büros, die ihr Menschsein in den Dienst von Unternehmen, Karteikästen und vermeintlichen Erfolgsstrategien stellen. Sein Romanheld Joe Winkler, bemerkte Enno Stahl bei einer Lesung aus »Winkler, Werber«, lebe in einem »Verblendungszusammenhang«: »Er merkt gar nicht, dass er ein falsches Leben führt«. Ganz ähnlich geht es der Protagonistin Renate Meißner, einer Versicherungsangestellten, in Thomas von Steinaeckers Roman »Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen«. Die moderne Arbeitswelt als Parallelwelt, deren Masken allmählich mit ihrem Träger verwachsen - und deren Sprache sich immer weiter von der Wirklichkeit entfernt. Von den medial multiplizierten Worthülsen, die aus Konzern- und Politbetrieb ins öffentliche Bewusstsein dringen, war denn auch die Rede bei Steinaeckers Gespräch mit Wolfgang Herles auf dem Blauen Sofa. Herles: Ob Frau Merkel so, wie wir es aus den Nachrichten kennen, auch zu Hause spricht?

Make-Up ist in Leipzig überall. Am schönsten leuchtet es in den Gesichtern Hunderter Jugendlicher, die hier Jahr für Jahr in schrillen Manga-, Zombie- und historischen Kostümen die Glashalle fluten. Fleisch gewordene Fantasiegestalten, einen Tag lang aus Büchern und Filmen geflohen, um mit Hilfe ihrer Digitalkameras wieder Papier, Erinnerung zu werden. Das Rollenspiel dieser Cosplayer ist ein kleines Kunstwerk. Die tatsächlichen Schicksale der Schüler, die sich hinter all der Schminke verbergen, verlieren an Bedeutung - und nehmen eine andere an. Bedenklich wird es erst, wenn Gesicht und Maske sich nicht mehr unterscheiden lassen.

Ein probates Mittel, die allgegenwärtige Maskerade zu entlarven, ist die Maske selbst. Wolfgang Herrndorf, in Leipzig ausgezeichnet für seinen Roman »Sand«, fällt mir ein. In sein Blog hat er ein Foto gestellt, das ihn in jenem Pinguinkostüm zeigt, in dem er sich selbst in die Neuropsychiatrie eingewiesen hat, Diagnose: Glioblastom. Von Günter Walraff stammt der Satz, man müsse sich »verstellen, um die Wahrheit herauszufinden«. Auch Feridun Zaimoglu, der auf der Messe seinen neuen Roman »Ruß« vorstellte, hat sich dezent verkleidet: Er trägt als Armreif eine Handschelle. Es ist die Hand, mit der er weiße Seite um Seite beschreibt, handschriftlich, in Zügen und Hotels. »Das Schreiben macht mir keinen Spaß«, sagt der rastlose Autor, immer unterwegs zur nächsten Lesung, zur nächsten Geschichte. »Aber ich liebe es.«

Die Verwechslung von Autor und Figur durch einen Rezensenten hat Christian Kracht jüngst in den Verdacht gestellt, mit totalitärem Gedankengut zu liebäugeln. In Leipzig fiel Kracht durch »demonstrative Anwesenheit« auf (Lothar Müller, »Süddeutsche Zeitung«). Schweigend durchschritt er die Kulissen, las ein einziges Mal öffentlich aus seinem »Imperium«. Alle Diskussionsveranstaltungen sagte er ab. Das wirkte kokett. Es war aber für Christian Kracht die einzige Möglichkeit, die Souveränität der Literatur zu behaupten. Und im Zirkus zumindest nicht den Affen zu geben.

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