20.03.2012

Mélenchon mischt den Wahlkampf auf

Französischer Linksfrontkandidat proklamiert die Bürgerrevolution

Zur Unterstützung des französischen Präsidentschaftskandidaten der Linksfront, Jean-Luc Mélenchon, sind am Sonntag Zehntausende Menschen durch Paris gezogen.

Paris (AFP/dpa/nd). Mit Fahnen der Linksfront und der Kommunistischen Partei und unter Rufen wie »Widerstand, Widerstand« zogen Mélenchons Anhänger zum zentralen Place de la Bastille, dem historischen Platz der Französischen Revolution. An dem Marsch nahmen nach Angaben der Veranstalter mehr als 100 000 Menschen teil.

Bei einer anschließenden Kundgebung rief Mélenchon zu einem »Aufstand der Bürger« auf. Der Marsch stelle den Beginn einer »Bürgerrevolution« dar, sagte der Linken-Politiker vor der Menschenmenge. Er wolle »ein neues Kapitel« in der französischen Geschichte aufschlagen.

Mélenchon bot den Menschen in Griechenland, Spanien, Portugal und Italien, die »unter Unterdrückung« durch europäische Sparmaßnahmen litten, seine Unterstützung an. Es war die bisher größte Kundgebung des laufenden Wahlkampfes.

Die Linksfront ist ein Verbund linker Parteien, darunter die Kommunistische Partei. Mélenchon hatte in den jüngsten Umfragen deutlich an Zustimmung gewonnen. Im Wahlkampf konzentrierte er sich bislang vor allem auf verbale Angriffe gegen die Reichen, die französische Elite und die Sparmaßnahmen, was bei vielen Wählern gut ankam.

In Umfragen überschritt Mélenchon zuletzt die symbolisch wichtige Zehn-Prozent-Marke. Laut einer Umfrage vom Sonntag käme Mélenchon in der ersten Wahlrunde am 22. April auf elf Prozent.

Im französischen Präsidentschaftswahlkampf werden insgesamt zehn Politiker zum Kampf ums höchste Staatsamt antreten. Aussichten, in die Stichwahl am 6. Mai zu kommen, werden bisher dem um seine Wiederwahl antretenden Präsidenten Nicolas Sarkozy sowie seinem sozialistischen Kontrahenten François Hollande zugetraut.

Die konservative Pariser Zeitung »Figaro« kommentierte nach der Großkundgebung Mélenchons: »Im linken Lager steigt Jean-Luc Mélenchon auf. Und der Zulauf für François Hollande bröckelt. ... Jean-Luc Mélenchon zwingt François Hollande nun dazu, sich klar links zu positionieren - und zwar lieber mehr als weniger links.«

Die Zeitung »Le Progrès« aus Lyon schrieb: »Dieser Bürgeraufstand nährt sich aus der Krise und dem Sparkurs. Er hat seine Wurzeln im Nein zur EU-Verfassung von 2005, das unsere Politiker mit spitzfindigen Verträgen umgangen haben, um die EU wieder auf ultraliberalen Kurs zu bringen. Der Schrei des Volkes erhebt sich, um Ungleichheiten anzuklagen, die immer größer geworden sind und so zu Ungerechtigkeit geführt haben.

Mélenchon vereint die Entrüstung jener auf sich, die links von der Linken stehen. Sein Aufstieg wird den zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahl für Nicolas Sarkozy erschweren. Denn er verfügt im konservativen Lager nicht über eine so große und zuverlässige Stimmenreserve. Kein Kandidat kann es sich erlauben, die Kundgebung an der Bastille zu missachten. Mélenchon mischt den Wahlkampf auf.«