Von Michael Lenz, Singapur
23.03.2012

Kampf gegen Tabaklobby

WHO ruft zur Solidarität mit Antiraucherkampagnen auf

Die Weltgesundheitsorganisation sagt den Tabakkonzernen den Kampf an. Diese versuchen Staaten mit strengen Gesetzen vor den Kadi zu zerren.

Funktionäre der Vereinten Nationen sind normalerweise selbst bei strittigsten Themen Anhänger der »Das Glas ist halb voll«-Sicht. Ein Kompromiss zwischen Streithähnen, selbst auf allzu kleinem Nenner, ist für die UN-Diplomaten immer noch besser als gar keine Einigung. Umso erstaunlicher ist es, dass es bei Margaret Chan mit der Diplomatie vorbei ist. Mit dem Mut einer Löwin, der Zähigkeit einer Marathonläuferin und dem Witz einer Showmasterin kämpft die Chefin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gegen die globalen Tabakkonzerne.

Die 15. Weltkonferenz Tabak oder Gesundheit (WCTOH), die noch bis zum Wochenende in Singapur stattfindet, ist für Chan so etwas wie das Feldlager der weltweiten Antitabaklobby vor der großen Schlacht. 2600 Wissenschaftler, Regierungsvertreter, Ärzte und Aktivisten aus mehr als 100 Ländern beraten über das Vorgehen gegen das Rauchen, dessen Gesundheitsrisiken seit Langem belegt sind. Nach Angaben der WHO sterben weltweit jedes Jahr mehr als sechs Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. Das seien mehr Tote als durch Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen. Die Zahl der Raucher weltweit beziffert die UN-Organisation auf mehr als eine Milliarde; 35 Prozent davon lebten in China.

Den Delegierten ist bewusst, dass die Tabakmultis mächtige und skrupellose Gegner sind. Deshalb macht Margaret Chan mit Witz, kessen Sprüchen und eloquenten Attacken Mut. Der Beifall im stark klimatisierten Saal des Suntech-Konferenzzentrums ist frenetisch, als die aus Hongkong stammende Chinesin ausruft: »Wenn wir zusammenstehen, dann kann die Branche nicht überleben.«

Dass die Tabakkonzerne vor nichts zurückschrecken, zeigt das Beispiel Australien. Im nächsten Monat beginnt »down under« ein Gerichtsverfahren, dessen Ausgang von entscheidender Bedeutung für die Zukunft der Branche, des Rauchens und der Antiraucherkampagnen weltweit sein könnte. Der US-Riese will die »Plain-Package«-Politik Australiens zu Fall bringen. Ab Dezember sollen hier Zigaretten nur noch in Einheitspackungen verkauft werden, die zu 75 Prozent mit Warnungen in Wort und Bild vor den Gesundheitsgefahren des Rauchens bedruckt sein werden. Auf den dem Rest darf der Markenname der Zigarette stehen, aber nur noch in einheitlicher Schriftgröße und Schriftart. Logos, Farben und Schriftzüge von Marlboro & Co sind verboten.

Die Tabakkonzerne lassen von Wahlspenden bis zur Finanzierung von vermeintlich unabhängigen Organisationen wie dem »Verband der australischen Einzelhändler« in ihrer Abwehrschlacht nichts unversucht. Philip Morris hat sogar seine australische Tochter an Philip Morris Asia verkauft, um auf der Grundlage eines Handelsabkommens zwischen Australien und Hongkong klagen zu können.

Vor den Kadi haben die Konzerne mit Uruguay, Norwegen und der Türkei drei weitere Länder mit einer erfolgreichen und strengen Antiraucherpolitik gezerrt. Alleine von dem kleinen lateinamerikanischen Staat Uruguay verlangt Philip Morris zwei Milliarden Dollar Schadenersatz. Grundlagen der Klagen sind nationale Gesetze und der Vorwurf des Verstoßes gegen internationale Handelsabkommen.

Chan kritisiert scharf den Versuch der »widerlichen« Tabakkonzerne, auf dem Klageweg die Antiraucherkampagnen zu Fall zu bringen: »Der Feind, die Tabakbranche, unterminiert die Anstrengungen vieler Länder, ihre Bürger zu schützen.« Es gehe den Konzernen bei diesen Klagen in erster Linie darum, Zeit zu gewinnen und durch die Bindung von Kräften und Geldmitteln die Antitabakkampagnen zu torpedieren.

Chan kann den massiven Kampagnen, vor allem gegen Australien aber auch Gutes abgewinnen. »Sie sind deshalb so vehement dagegen, weil sie Angst haben, dass das ›Plain-Packaging‹ funktionieren und von vielen Ländern übernommen werden wird«, ruft sie den Delegierten in Singapur zu und schwört diese auf Solidarität mit den Australiern ein: »Benutzt Twitter, Facebook und Blogs zur Unterstützung - Australien muss ein Erfolg werden.«

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