Von Harald Lachmann
23.03.2012

Verlockender Listenplatz

Allein in Sachsen gibt es zehn Aspiranten für den Welterbestatus - dabei ist die Bewerbung riskant

36 deutsche Städte, Regionen und Projekte stehen auf der Welterbeliste der UNESCO. Dutzende weitere streben den Titel an - allein in Sachsen sind es derzeit zehn. Geht es schief, tragen ihre Protagonisten das Risiko meist allein.

Dresden nimmt erneut Anlauf. Gut zwei Jahre nach dem Debakel um die Waldschlößchenbrücke, wegen deren Bau die UNESCO der sächsischen Hauptstadt den Welterbestatus für das Elbtal wieder entzog, will man nun die Dresdener Gartenstadt Hellerau auf die Renommierliste bringen. Denn diese gilt als die erste, vollständigste und radikalste Umsetzung des britischen Gartenstadtgedankens in Deutschland.

Ob dies gelingt, ist strittig. Zum einen buhlen noch neun andere sächsische Projekte um jenen Titel - darunter die Altstädte von Görlitz und Meißen, die Montanregion Erzgebirge und die Umgebindehäuser in der Oberlausitz. Zum anderen gibt es auch bundesweit zahlreiche Bewerber. Hierzu zählen der Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel, die 107 Meter hohe Müngstener Eisenbahnbrücke bei Wuppertal, die Hamburger Speicherstadt und das angrenzende Obstanbaurevier Altes Land. In Bayern gibt es gleich acht Aspiranten, darunter das Opernhaus in Bayreuth.

Aachener Dom seit 1978

Vielerorts ist man zudem noch recht sauer auf den Dresdner Brückenbau. Mancher orakelte, er habe die deutschen Chancen auf Neuaufnahme weiterer Kulturstätten ins Welterbe deutlich verschlechtert. Dass dem nicht so ist, zeigte sich indes 2011.

Denn obgleich auf einer UNESCO-Jahrestagung in der Regel nur zwei Aspiranten pro Land bestätigt werden, erhielten im vergangenen Jahr sogar drei deutsche Anwärter den Zuschlag: Deutschlands Buchenwälder, das Fagus-Werk im niedersächsischen Alfeld, das als frühes Beispiel der architektonischen Moderne gilt, sowie die prähistorischen Pfahlbauten der Alpenregion. Im Grunde erteilte die UNESCO damit sogar weitaus mehr deutschen Regionen ihren Ritterschlag. Denn jene Wälder liegen in Brandenburg, Thüringen, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern, und die Pfahlbauten baute man einst gleich an 24 verschiedenen Orten ins Uferwasser.

Damit verfügt allein die Bundesrepublik über 36 Welterbestätten. Als erste war 1978 der Aachener Dom gekürt worden, 1981 folgten der Dom zu Speyer sowie die Residenz und der Hofgarten in Würzburg. Ostdeutschland kam dann 1990 mit den Schlössern und Parks von Potsdam und Berlin ins Rennen. Mittlerweile befindet sich ein Drittel des deutschen Welterbes in den neuen Ländern. Hierzu zählen die Bauhaus-Stätten in Dessau und Weimar, Luthers Wirkungsorte in Eisleben und Wittenberg, das Klassische Weimar, die Berliner Museumsinsel, die Wartburg sowie das Dessau-Wörlitzer Gartenreich. Und es ist nach wie vor lukrativ für Kommunen und Regionen, sich den UNESCO-Stempel anheften zu können. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass man dabei zwar keine zusätzliche Pfründe erwarten darf, wohl aber eine Reihe Auflagen für die Stadtplaner. Denn klappt es mit dem Welterbetitel, wartet überall viel Arbeit - für Generationen.

»Die größte Herausforderung ist es, den Wert der Welterbestätten für alle Zeit zu erhalten«, sagt die deutsche UNESCO-Expertin Mechtild Rössler. Zu spüren bekam man das zuletzt in Köln, wo angedachte Innenstadtbauten den Welterbestatus des Doms zu gefährden drohten. Und nun auch in Regensburg: Seit Jahren verschiebt man - abgeschreckt durch Dresdens Beispiel - ein Brückenprojekt über die Donau, erhofft sich hierfür erst das beifällige Nicken der UNECSO.

Garantien verweigert

Doch dem Ego ambitionierter Stadtoberer und enthusiastischer Bürgerinitiativen sind derartige Probleme ebenso wenig abträglich wie dem wirtschaftlichen Kalkül von Touristikern. Da schreckt auch nicht das komplizierte Bewerbungsprozedere. Schon das Verfahren, um in die Vorschlagsauswahl des Landes und dann weiter auf die nationale Liste zu gelangen, sei lang, warnt der sächsische Denkmalexperte Hartmut Ritschel. Und habe man dies geschafft, erfolge alles Weitere gewissermaßen auf eigenes Risiko.

Die Dresdner Regierung, welche die Waldschlößchenbrücke gegen kommunale Bedenken maßgeblich durchgedrückt hatte, signalisiert auch jetzt keinerlei Selbstbescheidung: Innenminister Markus Ulbig (CDU) verweigerte erst unlängst wieder alle Garantien dafür, dass das Land künftig auf umstrittene Bauprojekte in den für eine UNESCO-Kandidatur ausgewählten Gebieten verzichten werde. Jeder Antragssteller müsse vorab schon selbst »Risiken und Chancen einer Bewerbung genau abwägen«, sagte er.

Informationen im Netz: www.unesco.de/welterbe-deutschland