Stephanie Hielscher
26.03.2012

Schattenbanken

Von Rudolf Hickel

Kaum werden lizenzierte Banken ein wenig an die Kandare genommen, da gewinnt ein Zocker- und Krisenzentrum außerhalb der Bankenkontrolle an Bedeutung. Es sind finanzstarke Schattenbanken, die dabei sind, die nächste Systemkrise einzuleiten. Es handelt sich um Finanzinstitute, die bankenähnliche Geschäfte ohne Lizenz und damit ohne Kontrolle vorantreiben. Sie sammeln allerdings nicht nur Kapital, stellen Finanzmittel zur Verfügung und vermitteln Kredite. Vielmehr übernehmen sie genau die Zockergeschäfte, die durch die Bankenregulierung eingeschränkt werden. Hinzu kommt der Eigenhandel, also Geschäfte ohne Kundenauftrag, die bei den Geschäftsbanken eingeschränkt werden sollen. Bei all diesen Geschäften wird der brüchige Hebel Kreditfinanzierung eingesetzt. Mit minimalem Einsatz eigener Finanzmittel wird ein riesiges Rad schnell gedreht. Schattenbanken haben nur den Zweck, sich der Absicherung riskanter Geschäfte durch Eigenkapital nach Basel III zu entziehen.

Im Dunkel der Finanzwelt operieren Geldmarkt-, Index- und andere Investmentfonds. Im Mittelpunkt stehen die mächtigen Hedgefonds, die Anfang 2012 über 2260 Milliarden Euro Vermögen managen. Die Expansion dieser auf rein kreditfinanzierte Spekulationen konzentrierten Geierfonds wird durch Ex-Banker geschürt. Vornehm wird die Flucht aus dem offiziellen Bankensektor in den unkontrollierten Schatten als Regulierungsarbitrage bezeichnet. So hat Greg Lippmann, der bei der Deutschen Bank an der Wall Street für unseriöse Spekulationen »in der Schlangengrube voller Gier« steht, seine Geschäfte in den Hedgefonds Libremax ausgelagert. Und der ehemalige Eigenhandelschef von Goldman Sachs gründete inzwischen in Hongkong den Azentus Capital-Hedgefonds.

Derzeit ist der Finanzstabilitätsrat dabei, Ausmaß, Instrumente und Folgen der Schattenbanken zu erfassen. Seit 2002 hat sich das Umsatzvolumen der Schattenbanken auf über 60 Milliarden Euro verdoppelt. Herangewachsen ist ein neues Epizentrum der Krisenanfälligkeit. Wenn Spekulationen platzen, droht eine Systemkrise. Betroffen wären die Anleger, wie Pensions- und Publikumsfonds. Das gesamte System würde in den Strudel geraten. Denn lizenzierte Banken sind mit den Schattenbanken verbandelt. Am Ende würde wieder einmal die Realwirtschaft belastet.

Die Hydra, die immer wieder neue Köpfe produziert, gilt es auszuschalten. Dazu bedarf es des Muts, die Schattenbanken entweder Regeln und Kontrollen zu unterwerfen oder sie zu schließen. Der für den Binnenmarkt zuständige EU-Kommissar kündigte kürzlich Maßnahmen an. So sollen durch die Übernahme der CRD4-Vorschriften zur Regulierung - vor allem die strengen Eigenkapitalvorschriften - Schattenbanken transparent und kontrollierbar gemacht werden. Zum anderen müssen Verbindungen zu den lizenzierten Banken offen gelegt und gekappt werden. Nun müssen den Ankündigungen auch Taten folgen. Sicher wird sich Großbritannien, das seine Finanzplätze ohne Rücksicht auf Kollateralschäden hegt und pflegt, dem Reglement nicht unterwerfen. Umso wichtiger ist es, dass viele andere dabei sind. Jedenfalls sollte Deutschland beim Kampf gegen eine neue Krise unmissverständliche Zeichen setzen.

In der wöchentlichen nd-Wirtschaftskolumne erläutern der Philosoph Robert Kurz, der Ökonom Harry Nick, die Wirtschaftsexpertin Christa Luft und der Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel Hintergründe aktueller Vorgänge.

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