Von Valie Djordjevic
31.03.2012

Recht auf die Kopie

MEDIENgedanken: Internet und Urheberrecht

Die digitale Revolution bedeutet einen ähnlichen Umbruch wie die Erfindung des Buchdrucks. Ist der Urheber der alleinige Schöpfer eines Kunstwerks? Ist Abschreiben eine Kunst? Wie sollen Künstler ihr Brot verdienen?

Das Urheberrecht: vor zehn Jahren war es noch ein Nischenthema, heute brennt es allen auf den Nägeln. Facebook-Nutzer kriegen Abmahnungen, weil sie Disneyfiguren als Profilbildchen benutzen, die sogenannte Contentindustrie (Medienunternehmen) stöhnt über illegale Downloads von Filmen und Musik, die Urheber (nach denen das Recht benannt wurde) fühlen sich nicht respektiert - weder finanziell noch ideell. Alle sind unzufrieden.

Schuld daran ist das Internet - jedenfalls gefühlt. Durch das Netz haben wir Zugriff auf vielfältigste Arten kultureller Äußerungen und Informationen über die Welt und aus aller Welt. Wie war noch mal der Name von dem Musikstück, von dem mir grade eine Zeile in den Kopf schießt? Wie heißt die Hauptstadt von Kirgistan? Wo krieg ich das Manga-Fanzine her? Ich google mal schnell. Natürlich hinterlässt das Spuren in der Art und Weise, wie man denkt, schreibt, lebt. Man kann sich Magazine aus Japan und aus Südamerika bestellen, von denen man vor dem Internet nicht einmal gehört hat. Man lernt Leute kennen, mit denen einen das Interesse an bestimmten Themen verbindet - gesehen hat man sich zwar nicht, aber vielleicht demnächst.

Das Internet hat unser Leben verändert und wir können uns kaum noch vorstellen, wie es vorher war. In Deutschland sind laut ARD/ZDF-Onlinestudie mehr als 73 Prozent der Bevölkerung online - in der Altersgruppe unter 49 Jahren 90 Prozent und bei den Jugendlichen zwischen 14 und 19 sogar 100 Prozent. Das Urheberrecht aber ist trotz dieser fundamentalen Veränderungen seit 1965 weitgehend gleich geblieben (die beiden Reformen, erster und zweiter Korb genannt, von 2003 und 2006 haben es nicht grundsätzlich verändert). Es ist ein Recht, das als Folge des Buchdrucks entstanden ist - eine andere Medienrevolution, die vor 500 Jahren die Wissensordnung umkrempelte. Vorher wurden Bücher mit der Hand abgeschrieben, und wenn ein Mönch meinte, einen Fehler gefunden zu haben, so korrigierte er ihn einfach, und wenn etwas fehlte, so ergänzte er es. Geschichten wurden mündlich weitererzählt - und im Erzählen verändert. Märchen und Sagen wurden von Generationen von Erzählern gemeinsam geschrieben.

Der Buchdruck erlaubte es, Bücher exakt zu reproduzieren - und das auch noch relativ günstig. Das Urheberrecht entstand in der Folgezeit aus den Druckerprivilegien. Denn schon bald nach der Einführung der Druckerpresse gab es Raubdrucke: Findige Verleger druckten erfolgreiche Werke nach und verkauften sie billiger. Das ging auf Kosten der ursprünglichen Verleger, die das Risiko auf sich genommen und den Autor honoriert hatten, ohne zu wissen, ob sich die Investition lohnen würde. Um dieses Problem zu lösen, entwickelte sich das Urheberrecht als Investitionsschutz für Drucker. Daraus entstand später - vor allem in Kontinentaleuropa - die Vorstellung, dass das Werk mit dem Urheber durch ein unzerstörbares Band verbunden ist. Erst durch diese Entwicklungen konnte »das Kunstwerk« im modernen Sinne entstehen und in der Folge die Vorstellung des Urhebers als alleinigem, originären Schöpfer.

Die ältere Idee des gemeinsamen Ursprungs von Geschichten ist jedoch immer noch lebendig. In der Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts spielen Collage und Assemblage, Übernahme und Zitat eine große Rolle. Alfred Döblin nahm Zeitungsartikel, Liedtexte und Werbesprüche in seinen Roman »Berlin Alexanderplatz« auf; Thomas Mann plünderte für »Doktor Faustus« die Musiktheorie Arnold Schönbergs. In der Bildenden Kunst stellte Duchamps gewöhnliche Haushaltsgegenstände aus, John Heartfield kritisierte mit seinen Collagen die Politik der 1920er. Die Beispiele lassen sich beliebig erweitern: Andy Warhol, Max Ernst, Vladimir Nabokov, Elaine Sturtevant, Cindy Sherman... Der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem sieht im Kopieren, im Abschreiben und Abmalen das grundlegende Verfahren von Kunst. In seinem Essay »Autoren aller Länder, plagiiert Euch« schreibt er: »Der Kern, die Seele [...] allen menschlichen Ausdrucks ist das Plagiat.« Alle Ideen seien aus zweiter Hand, da sie sich aus dem kulturellen Kontext speisen, in dem der Autor lebt.

Im Internet steht dieser kulturelle Reichtum mit ein paar Mausklicks zur Verfügung. Wir können ihn zitieren, uns von ihm inspirieren lassen, ihn remixen und neu zusammensetzen. Dazu müssen wir nicht einmal Künstler sein. 14-jährige machen Musikvideos aus Harry-Potter-Filmszenen, Hobby-Musiker mischen zwei Musikstücke neu zusammen, Bürger schreiben über ihr Stadtviertel und zitieren aus Zeitungsartikeln. Das sind eigentlich Dinge, die zunächst positiv besetzt sind - Menschen engagieren sich, betätigen sich kreativ, schaffen neue Werke. Leider verstoßen sie aber genau damit nicht selten gegen das Urheberrecht, auch wenn sie keinen Profit mit ihren Werken machen.

Das Urheberrecht ist entstanden, als das Veröffentlichen einer Minderheit vorbehalten war. In einer digitalisierten und vernetzten Welt entspricht es nicht mehr den Erfordernissen. Deshalb hat die Diskussion über das Urheberrecht Fahrt aufgenommen. Auf der einen Seite sind da die Rechteinhaber - das sind nicht nur Urheber, sondern vor allem die Verlage, die Musik- und Filmindustrie -, deren Geschäftsmodelle sich ändern müssen, wenn sie in dieser neuen Welt überleben wollen. Sie wollen ihre Rechte gesetzlich festschreiben lassen. Aus dieser Richtung kommen die Versuche über internationale Handelsabkommen und Verträge, die Freiheit des Internet einzuschränken - zum Beispiel mit ACTA. Auf der anderen Seite wollen sich die Netzgesellschaft und die Nutzer die Freiheiten nicht nehmen lassen und gingen im Februar 2012 zu Hunderttausenden auf die Straße.

Geht es nach manchen Rechteinhabern - und dem Urheberrecht, das in den Reformen eher verschärft wurde als gelockert - so darf man mit digitalen Daten weniger machen als mit analogen. Kopieren etwa ist dank technischer Maßnahmen zu einem Spießrutenlauf geworden. Dem entgegen steht die Praxis. Jeder Kopierschutzmaßnahme folgt der Crack, den man im Internet finden kann. Das kann man verurteilen - und viele Urheber fühlen sich »ins Gesicht gepinkelt«, wie der Musiker Sven Regener es dieser Tage etwas drastisch formulierte. Trotzdem hat die Digitalisierung nicht nur Türen geschlossen, sondern für viele Netznutzer neue Möglichkeiten für Kreativität eröffnet.

Wenn man annimmt, dass die digitale Revolution einen ähnlichen Umbruch bedeutet wie die Einführung des Buchdrucks werden sich alle Maßnahmen, das Kopieren einzudämmen, als fruchtlos erweisen (oder als Kollateralschaden schlimmstenfalls alle Freiheiten des Netzes kosten). Dann sind alle Verschärfungen der Gesetze und die Verfolgung von »Raubkopierern« verlorene Zeit. Zeit, die man nutzen könnte, funktionierende Regelungen zu finden, die den gewandelten Interessen von Urhebern und Nutzern gerecht werden. Schließlich ist das Urheberrecht entstanden, um einen Ausgleich für diese Interessen zu schaffen. Nicht jeder, der die Möglichkeiten des Internet nutzt, ist ein Verbrecher. Gleichzeitig müssen Urheber für ihre Werke fair entlohnt und nicht per Total-Buy-Out ums letzte Hemd gebracht werden. Das Urheberrecht verschärfen - wie es manche in der Verwerterindustrie am liebsten sehen würden - und alle »Raubkopierer« in den Knast schicken, wird unsere Kultur nicht reicher, sondern ärmer machen.

Es gibt keine Patentlösungen: das Thema ist komplex, denn es brennt an vielen Stellen. Eine Möglichkeit, um Künstler fair an den Nutzungen zu beteiligen, die im Netz geschehen, wäre eine Kulturflatrate oder eine andere Abgabe ähnlich der Abgabe für Leermedien und Kopiergeräte. Genauso wichtig ist es aber, die Nutzung urheberrechtlich geschützter Werke zu vereinfachen. In einer Welt, in der wir von Bildern und Medien umgeben sind, muss es möglich sein, diese für eigene Werke zu nutzen, ohne Angst zu haben, dass der Anwalt vor der Tür steht. Dies kann nur geschehen, wenn im Urheberrecht die Regeln für das Nutzen fremder Inhalte geändert werden. Das kann über eine »Fair Use«-Regel passieren, wie es sie im anglo-amerikanischen Copyright gibt, oder aber über andere Schrankenregeln, die gegenwärtig noch nicht existieren. Das gilt nicht nur für die Künste: Auch in Bildung und Wissenschaft kritisieren Experten, dass die Regeln für die Nutzung von Werken zu eng gespannt sind.

Die Beispiele zeigen: Der Bedarf ist groß. Die Angst aber auch: Urheber haben Angst um ihr Einkommen, Nutzer haben Angst, in ihrer Freiheit eingeschränkt zu werden. Freiheit der Nutzung ist aber immer auch Freiheit der Schöpfung: Denn - noch einmal Jonathan Lethem - Künstler werden durch Kunst zur Kunst bekehrt.

Die Autorin ist Redakteurin und Gründungsmitglied von iRights.info, einem Webangebot zum Thema Urheberrecht in der digitalen Welt. Die Internetplattform wurde 2006 mit dem Grimme Online Award in der Kategorie Information ausgezeichnet. Mehr dazu im Internet unter www.irights.info.