Von Karin Leukefeld, Damaskus
31.03.2012

Eine Stadt kämpft um Normalität

Zwischen Bürgerkrieg und Alltagsmühen - der Damaszener Vorort Harasta im März 2012

Schulhoflärm und Markttreiben in Harasta - doch die Panzer und Checkpoints an allen Ecken der Stadt rufen jedem Besucher in Erinnerung, dass von normalem Leben keine Rede sein kann.
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Bürgermeister Adnan al-Wasr erwehrt sich der ausländischen Reporter.

Der Rückstau auf der Stadtautobahn von Damaskus ist lang. Um nach Harasta, einem Vorort der Hauptstadt, zu kommen, müssen die Fahrzeuge sich wie durch ein Nadelöhr durch einen Kontrollpunkt schlängeln, den die Armee am Eingang des Ortes eingerichtet hat. PKWs, Busse, Laster und kleine Lieferwagen werden kontrolliert, auf denen Bauern aus dem Umland Obst und Gemüse nach Harasta zum Markt bringen.

Ein schweres Panzerfahrzeug parkt in der Einfahrt einer Polizeistation. »Ich wette, der hat noch nie einen Schuss abgefeuert«, meint der türkische Reporter auf dem Nebensitz. Die syrische Armee verfüge nicht über genügend gepanzerte Fahrzeuge, also nutze sie diese Panzer, mit denen sechs, sieben Soldaten sicher transportiert werden könnten, erklärt der Kollege, der seit Jahren in Syrien arbeitet. In Brennpunkten der militärischen Auseinandersetzungen würde die Armee von Scharfschützen der bewaffneten Aufständischen angegriffen.

Von Scharfschützen berichten auch Aktivisten der Opposition in ihren täglichen Stellungnahmen im Internet und gegenüber ausländischen Medien. Nur sagen sie, Zivilisten würden von Scharfschützen der Sicherheitskräfte und der Armee ermordet. Weil er »nicht berichtete, was die Zentrale hören wollte«, wurde der Kollege des türkischen Fernsehsenders monatelang nicht eingesetzt. Stattdessen schickte man einen anderen Reporter, der zwar weniger berichtete, was er vor Ort sah und erfuhr, womit er aber die Erwartungen des Fernsehsenders besser bediente.

Die Fahrt nach Harasta ist vom Informationsministerium organisiert. Nach den Kämpfen mit bewaffneten Aufständischen Anfang Februar scheint der Ort seinen alten Rhythmus wiedergefunden zu haben. Die Menschen versuchen, ihrem Alltag nachzugehen. Tagelöhner warten auf Arbeit, Händler breiten ihre Waren aus, Hausfrauen schlendern an den Geschäften vorbei. Schulkinder strömen nach dem Unterricht durch die Innenstadt, lachend und staunend betrachten sie die Busse mit den Journalisten, die an ihnen vorbei durch die schmalen Straßen fahren. Einzig die vielen Militärkontrollen deuten darauf hin, dass in Harasta der frühere Alltag noch längst nicht wieder eingekehrt ist.

Vor dem Bürgermeisteramt bleiben die drei Busse stehen, Fernsehteams, Fotografen und Reporter schwärmen aus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist zwischen Mauern aus Sandsäcken ein großer Militärposten aufgebaut. Die Soldaten wirken entspannt, geben Passanten Auskunft, regeln den Verkehr, der angesichts der Journalistenmeute immer wieder zum Stocken kommt.

Eine Gruppe Schüler umringt das Team der chinesischen Kollegen und genießt es offensichtlich, vor der Kamera zu posieren. Er habe nichts zu sagen, meint dagegen ein junger Mann mir gegenüber, der an einem Stand Nüsse verkauft. Demonstrativ verschränkt er die Arme vor dem Bauch und blickt in die andere Richtung. Verlegen zuckt der Begleiter vom Informationsministerium mit den Schultern. Eine ältere Frau ist mit prall gefüllten Tüten unterwegs. Das Leben werde besser, sagt sie, Gott möge die Menschen schützen. Sie sei sehr müde, entschuldigt sie sich dann und geht weiter. Mehr Glück gibt es bei einer Gruppe von Frauen, die Jüngste spricht Englisch und ist gern bereit, mir meine Fragen zu beantworten. Sie sei die letzten Wochen meist zu Hause gewesen, sagt die Frau. Höchstens die Kinder habe sie zur Schule gebracht. Den Gang zum Amt oder zum Arzt habe sie verschoben, um nicht unnötig auf der Straße zu sein, wo es unsicher gewesen sei. Unter dem langen Mantel der jungen Frau blitzt ein farbenfroher Rock hervor, ihr Gesicht ist von einem eng anliegenden Kopftuch eingerahmt. Englisch habe sie in den Golfstaaten gelernt, sagt sie. Ihr Mann habe dort gearbeitet.

Harasta ist eine der viele Ansiedlungen, die wie Satelliten die syrische Hauptstadt umringen. Hier lebten normalerweise 60 000 Menschen, erklärt Bürgermeister Adnan al-Wasr Reportern, die einen dichten Belagerungsring um seinen Schreibtisch gezogen haben. An Wochentagen, wenn Ämter und Krankenhäuser, Schulen und Märkte geöffnet seien, kämen mehr als 100 000 Menschen in den Ort. Strom sei rationiert, auch die Telekommunikation funktioniere noch nicht wieder einwandfrei. Acht Kontrollpunkte habe die Armee eingerichtet. Sie versuche so, das Eindringen bewaffneter Gruppen in den Ort zu verhindern. Nach etlichen Interviews, die von den verschiedenen Fernsehteams mit dem Bürgermeister gemacht werden, zieht der Journalistentross weiter.

Nächstes Ziel ist eine Realschule. Auf der Kreuzung vor dem Gebäude ist ein Kontrollpunkt stationiert, gerade ist Wachwechsel. Soldaten winken freundlich in die Kameras. Aus der Schule klingt Kinderlachen und -schreien, eine Tafel am Eingang erinnert an bessere Zeiten in Syrien. 2008 wurde das Gebäude mit Hilfe des UN-Flüchtlingshilfswerks und der EU grunderneuert, die große Zahl von Syrien aufgenommener irakischer Flüchtlingskinder hatte zu Hilfsgeldern für die Schulen geführt. Seit Beginn der Unruhen im März 2011 aber sind alle Projekte gestoppt, ausländische Helfer wurden abgezogen.

Die Kinder gehen in Schichten zur Schule, weil die Klassenkapazität für die mehr als 1000 Jungen und Mädchen nicht ausreicht. Eine Woche kämen die Mädchen aller Klassen am Morgen zum Unterricht und die Jungen am Nachmittag, die nächste Woche sei es umgekehrt. Man versuche, »die Routine für die Kinder aufrecht zu erhalten«, erzählt eine Lehrerin. Nur wenigen seien Angst oder Unruhe anzumerken und wenn, versuche man, sich diesen Kindern besonders zu widmen.

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Vormittags haben die Jungen Schule, nachmittags die Mädchen – und nächste Woche umgekehrt.

Andere Lehrerinnen möchten nicht mit den Journalisten reden. Demonstrativ wenden sie sich ab, einigen Gesichtern ist deutlich anzumerken, wie sehr sie die offizielle Vorführung ihrer Schule ablehnen. Mit großen Augen blicken dagegen die Mädchen in die Kameras, die sich von allen Seiten auf sie richten, nach wenigen Minuten bittet die Lehrerin aber, den Unterricht fortsetzen zu können.

Am nächsten Tag, dieses Mal ohne offizielle Begleitung, geht es in den Norden des Landes. Ziel ist Deir Mar Elian, das Kloster des Heiligen Elian mitten in der Wüste. »Sie sind hier falsch, nach Deir Mar Musa müssen Sie die Autobahn nehmen.« Freundlich, aber bestimmt weist der Soldat am Kontrollpunkt kurz vor dem kleinen Ort Al Qutfaieh den Fahrer an umzukehren. »Wir wollen nicht nach Der Mar Musa, wir wollen nach Deir Mar Elian«, antwortet der Fahrer und trifft auf ungläubiges Schweigen. »Wo liegt das denn?«, will der Soldat wissen. »Bei Qaryatayn«, gibt der Fahrer zurück, »auf dem Weg nach Palmyra«. »Kennst Du den Weg, Bruder?«, fragt der Soldat mit gerunzelter Stirn. »Ja, ja, früher bin ich oft mit Touristen dorthin gefahren.«

Aber die kommen ja nicht mehr nach Syrien, murmelt der Fahrer vor sich hin. Als der Soldat nach ausgiebiger Kontrolle des deutschen Passes die Straße freigibt, ruft er ins Fahrzeug: »Willkommen, gute Fahrt!«

Die Landstraße führt in Richtung Nordwesten. Olivenhaine und Wohnsiedlungen rechts und links der Straße, westlich zieht sich das Qalamoon-Gebirge nach Norden. Auf einem Berg östlich der Straße erhebt sich ein stattliches Gebäude, das sich als privates Krankenhaus eines Scheichs aus Dubai entpuppt, der es aber nie genutzt haben soll. Nach einiger Zeit gehen die Felder und Plantagen zurück. Die Landschaft verwandelt sich in eine Steppe, die Badia, über die Hirten, in wärmende Tücher und Mäntel eingehüllt, große Herden Schafe und Ziegen treiben. Im nächsten Dorf kommt der Wagen abrupt zum Stehen, um einen Schwerstbehinderten die Straße überqueren zu lassen. Der Mann hat sich auf alle viere niedergelassen. Seine Schuhe hat er über die Hände gestreift, mit denen er sich mühsam vorwärts zieht. Die leblosen Beine schleifen über den Asphalt hinterher.

Syrien - ein Land großer Widersprüche. Biblische Landschaften und überwältigende Gastfreundschaft stehen in scharfem Kontrast zu dem gewaltsamen Vorgehen, mit dem staatliche Sicherheitskräfte und bewaffnete Gruppen sich seit Monaten bekämpfen. In diesem Tal ist außer erhöhter Militärpräsenz davon nichts zu sehen. Die Märkte in den wenigen Ortschaften sind mit Obst und Gemüse reich bestückt. Wie überall im Land warten vor den Tankstellen lange Menschenschlangen mit Kanistern auf Brennstoff.

Sanktionen und Wirtschaftskrise würden zwar auch der Regierung schaden, sagt der frühere Weltbankökonom und Wirtschaftsberater Nabil Sukkar. Am meisten treffe es aber den Mittelstand und die Bevölkerung, die keine Rücklagen haben. Der Ölsektor sei durch die EU-Sanktionen weitgehend lahmgelegt, doch andere Staaten kauften Syriens Exportprodukte wie Textilien, Pharmaka, Obst und Gemüse. Stabilisierend wirke sich die geringe Auslandsverschuldung aus.

Ein anderer wichtiger Aspekt, der die Wirtschaft noch aufrecht erhalte, sei, dass sich durch die Liberalisierung in den letzten zehn Jahren ein starker Privatsektor entwickelt habe. »Mit 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts federt er erheblich die Wirtschaftskrise ab. Hätten wir vor 20 Jahren diese Krise gehabt, als es kaum einen Privatsektor gab, wären die wirtschaftlichen Folgen viel gravierender gewesen,« so Sukkar.

Durch zwei regen- und schneereiche Winter wurde die Agrarwirtschaft gestärkt, Syriens wichtigster Wirtschaftssektor. Die Selbstversorgung sei gesichert, und in den ländlichen Gebieten, wo es die meisten Unruhen gebe, könnten die Menschen Arbeit und Einkommen finden, mein Sukkar. Doch jeder Tag ohne politische Lösung verschärfe die Krise. In seinem unabhängigen Beratungsbüro für Entwicklung und Investitionen musste Sukkar die Hälfte der Mitarbeiter entlassen und in kleinere Räume umziehen. Die meisten seiner Kunden - darunter internationale Banken und Unternehmen, Universitäten, UN- und europäische Organisationen - haben Syrien verlassen. Er hoffe sehr, dass die Krise und das Blutvergießen gestoppt würden und dass Opposition und Regierung gemeinsam eine friedliche Lösung finden könnten. »Es wäre gut, wenn Europa Syrien wieder unterstützen und Syrien wieder mit Europa zusammenarbeiten würde. Aber ich möchte auch ganz klar sagen, dass die Sanktionen nicht dazu beitragen, das Regime zu stürzen. Ich hoffe, Europa denkt noch einmal darüber nach und verhängt keine weiteren Sanktionen gegen Syrien.«