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Von Andrea Klingsieck, Paris
02.04.2012

Gift macht Bienen orientierungslos

Wissenschaftler fanden Mechanismus, wie Neonicotinoid-Insektizide Nützlingen schaden

Seit dem massenhaften Bienensterben am Oberrhein im Jahre 2008 weiß man, dass Pestizide Bienen und Hummeln umbringen können. Studien aus Frankreich und Großbritannien konnten jetzt aufklären, wie das geschieht.
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Hummel beim Nektarsammeln

Neonicotinoide waren einmal der letzte Schrei für den Schutz von Maispflanzen vor Insektenfraß. Doch seit 2008 dürfen sie in Deutschland wegen ihrer Bienenschädlichkeit nur noch mit Ausnahmegenehmigung eingesetzt werden. Wie zwei Studien in der Online-Ausgabe des US-Fachblatts »Science« jetzt zeigen, sollten diese Genehmigungen besser nicht mehr erteilt werden. Die Autoren um Mickaël Henry vom französischen Agrarforschungsinstitut INRA in Avignon berichteten auf einer Pressekonferenz in Paris über ihre Untersuchungen der Wirkung von Neonicotinoiden.

Die Forscher hatten dafür mit Zahnkleber winzige Radio-Chips (RFID) auf den Rücken von 653 Honigbienen befestigt und verabreichten einem Teil dieser Bienen Thiamethoxam, ein vielbenutztes Neonicotinoid-Insektizid. »Die Menge entsprach dem, was Bienen auch in ihrer natürlichen Umgebung über Blütennektar aufnehmen«, erläutert Henry. Dank der RFID-Chips konnten erstmals die Flugwege jeder einzelnen Biene verfolgt werden. Bereits nach kurzer Zeit stellten die Forscher fest, dass die mit dem Pestizid kontaminierten Bienen »mit einer sehr viel höheren Wahrscheinlichkeit nicht in ihren Bienenstock zurückkehrten - und somit starben - als jene Bienen, die dem Produkt nicht ausgesetzt worden waren«. Das Forscherteam kam zu dem Schluss, dass die Bienen wegen des Pestizids »höchstwahrscheinlich die Orientierung verloren hatten«.

Ein englisches Forscherteam unter der Leitung von Penelope Whitehorn und Dave Goulson von der University of Stirling hat sich für den Effekt von Neonicotinoiden auf Hummeln (siehe Lexikon) interessiert, wichtige Pflanzenbestäuber, die ebenfalls stark dezimiert wurden. Das Forscherteam hat Hummel-Kolonien mit dem Bayer-Produkt Imidacloprid kontaminiert. Auch hier entsprach die Dosis dem, was die Insekten in der Natur aufnehmen können.

Die Hummeln waren in einer abgeschlossenen Umgebung untergebracht. Nach sechs Wochen wog die kontaminierte Hummel-Kolonie acht bis zwölf Prozent weniger als eine nicht kontaminierte Vergleichsgruppe. Vor allem hatten die kontaminierten Hummeln 85 Prozent weniger Königinnen hervorgebracht. »Dies hat natürlich erhebliche Folgen für die Fortpflanzung der Hummeln«, betont Goulson.

Die Ergebnisse beider Studien erregen insofern Aufsehen, als sie erstmals beweisen, dass Pestizide auch weit unter der letalen Dosis verheerende Folgen für verschiedene Bienenarten haben können. »Unsere Untersuchungen stellen die derzeitigen Genehmigungsprozeduren von Pestiziden in Frage«, bestätigt Henry. Der französische Landwirtschaftsminister hat bereits angekündigt, er werde das Pestizid Cruiser OSR (Thiamethoxam) verbieten, falls die nationale Gesundheitsbehörde ANSES diese Ergebnisse bestätigt.

Hummeln

Lexikon

Die Hummel (Bombus) ist eine Gattung der Bienen mit weltweit etwa 500 Arten, von denen ca. 30 in Mitteleuropa heimisch sind. 16 Arten allerdings stehen in Deutschland auf der Roten Liste. Hummeln zählen zu den staatenbildenden Insekten, wobei die äußerlichen Unterschiede zwischen Königin, Drohnen und Arbeiterinnen nicht so ausgeprägt sind wie bei den Bienen. Da die relativ gedrungenen Hummeln weniger kälteempfindlich sind, bestäuben sie bei der Nahrungssuche über einen längeren Zeitraum Blüten.

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