Von Harald Lachmann
02.04.2012

Unternehmen Gottesberg

Im Erzgebirge sind Geologen großen Zinnvorkommen auf der Spur. Der Bergbau steht vor einer Renaissance

Das Erzgebirge wird wieder seinem Namen gerecht. Hier wie auch im angrenzenden Vogtland lagern gewaltige Rohstoffschätze. Ihre Erschließung lohnt wieder, seit die Marktpreise drastisch steigen. Der sächsische Gottesberg birgt womöglich das größte Zinnerzvorkommen der Welt.
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Michael Conrad hat den Platz an der Sonne. Doch er merkt es gerade nicht. Zum einen pfeift der Wind gehörig an der Spitze der Bohrlafette, zum anderen muss er sich konzentrieren: Mit einer langen Zange justiert er etwas an der Winde des Seilkernbohrgeräts.

Geschafft! Er klettert herab. Es kann weitergehen. Bohrmeister Norman Henkel wirft das Aggregat an. Conrad und Norman Lange, der dritte im Trupp, wissen ohne viele Worte, was sie tun haben am Rohrgestänge. Jeder Griff sitzt, trotz der schweren Handschuhe.

»Die Zeit drängt!«, ruft Henkel aus seinem Führerstand herüber. Der Gottesberg erweise sich zum Glück bisher als sehr dankbares Gestein zum Bohren: fast nur Granit sowie Greisen, also jene körnigen, grauen Quarz- und Glimmerschichten, in denen das Zinn lagert. 15 bis 20 Meter schafften sie da schon am Tag; einige hundert Meter tief sind sie schon im Berg drin.

Wobei die Tage für den Bohrtrupp aus Thüringen derzeit 24 Stunden lang sind. In drei Schichten rücken sie dem Fels zu Leibe. Nur in jener eisigen Phase, als das Quecksilber teils weit unter 20 Grad minus rutschte, mussten sie pausieren. »Denn ab 10 Grad minus friert das Spülmittel für die Bohrkrone ein«, erläutert Henkel, während er Knöpfe drückt, Hebel bedient und behutsam mit zwei Joysticks manövriert.

Er weiß, wie sehr der Mann an den Steuerhebeln den Bohrerfolg in der Hand hat. Ständig kontrolliert er Andruck, Drehmoment, Spüldruck, Spülungsrate und Bohrfortschritt. Selbst kleinste Unregelmäßigkeiten entgehen ihm nicht. Letzten Herbst bohrte sein Trupp in Sibirien - am weltgrößten Trinkwasserbrunnen für die Stadt Chabarowsk.

Gleichmäßig frisst sich die mit Kunstdiamanten besetzte Bohrkrone in den Berg. Die Arbeitsbühne, auf der Conrad und Lange hantieren, vibriert leicht. Auch die Geräusche, die das Bohrgerät erzeugt, haben nichts von einem Presslufthammer. Es klingt eher wie ein Lkw im Standlauf. Nur hin und wieder, wenn Gestängeteile aneinander schlagen, scheppert es.

Das sei auch gut so, befindet Jörg Reichert, der eben vorfährt. Gut gelaunt winkt er den Männern von der Brunnenbau Conrad GmbH aus Bad Langensalza zu. »Wir bohren hier ja praktisch im Vorgarten des nächsten Grundstücks«, sagt der Chefgeologe der Deutschen Rohstoff AG (DRAG), die gleichzeitig im erzgebirgischen Geyer die Zinnvorkommen prüft. In Kürze will man überdies in Storkwitz bei Delitzsch auf Seltene Erden stoßen. All dies geschehe im öffentlichen Raum. »Da ist man schon auf das Wohlwollen der Anrainer angewiesen«, so Reichert, der auch Chef der neu gegründeten Sachsenzinn GmbH ist.

Anders als bei anderen Explorationsunternehmen treffen die Erzerkunder im Erzgebirge und Vogtland durchweg auf Verständnis. Schon in der Bürgerversammlung, zu der man das ganze 100-Seelen-Dorf Gottesberg geladen hatte, »gab es kaum eine kritische Frage«, erinnert sich Reichert. Die Leute hier lebten seit Generationen mit dem Bergbau, fast jeder habe einen Knappen oder Steiger in der Familie. »Hier passt einfach alles!«

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Norman Henkel mit einer Bohrkrone

Ein Blick unter die Arbeitsbühne zeigt: Der Bohrer schneidet den Erzkörper im Granit nicht senkrecht an, sondern um 30 Grad versetzt. Die Planung für das Projekt orientiert sich an einem Lagerstättenmodell, das drei Jahrzehnte alt ist. Denn im Grunde betrieben sie hier nur Bestätigungsbohrungen für die DDR-Erkundungen, erzählt Reichert: »Die Lagerstätte hier wie die in Geyer sind sehr solide erkundet.«

Warum dann erneut Bohrungen? Reichert grient. Zum einen trauen wohl manche Investoren aus dem asiatisch-australischen Raum den Befunden aus planwirtschaftlichen Zeiten nicht recht, sinniert er. Zum anderen habe man seinerzeit mit anderer Technologie und kleinerem Gerät gebohrt. Die 101 Millimeter starken Bohrkerne, die Henkels Mannschaft heraufholt, seien aussagefähiger als die 60er Kerne von damals. Und für die Tin International Ltd. in Brisbane, die die DRAG für die Schatzhebung in Sachsen bereits gründete, zählten nur Analyen auf Basis des international verbindlichen JORC-Standards.

Reichert verfeinerte das alte Modell und legte die Bohrtiefen fest. Unterm Gottesberg dringt der Bohrtrupp an drei Stellen exakt 400 Meter weit in den Fels. Der Geologe weiß, dass ein späterer Aufschluss in diesen Teufen finanziell herausfordert. Doch er hält es für lohnend. Die Zinnpartikel im Erz seien hier sehr groß: »Sie eignen sich ausgezeichnet für die Weiterverarbeitung«, sagt er, während er zur Arbeitsbühne hinaufsteigt. Gleich rechts neben der die Treppe liegen flache Kästen mit runden Gesteinsproben. Es sind die Bohrkerne, die in den letzten Stunden gezogen wurde.

Der Geologe nimmt einen in die Hand und nickt bestätigend. »Hier, diese feinkörnigen Partien«, weist er auf grauen Stellen im Material, »das ist Greisen-Erz. Darin ist das Zinn enthalten.« Behutsam streicht er über die Oberfläche des rund einen Meter langen Stücks. Beim Gottesberger Vorkommen gingen sie von einem Zinngehalt zwischen 0,24 und 0,3 Prozent aus, so Reichert. Aus einer Tonne Erz ließen sich also bis zu drei Kilo Zinn auslösen. Beachtlich, wenn man hört, dass es bei Gold oft kaum ein Gramm je Tonne ist.

Ein neuer Bohrkern kommt ans Tageslicht. »Meter für Meter schaffen wir eine lückenlose Dokumentation über die Stärke der Erzzone«, sagt Michael Conrad, auch ein alter Haudegen. Mit Überraschungen müsse man freilich immer rechnen, erzählen die drei. Gerade das schräge Anbohren sei nicht ohne. Zwar verspreche es eine höhere Aussagekraft, doch es erleichtere das Bohren nicht gerade. »Da driftet der Bohrer schnell mal weg...«

Bis Ostern sollen alle Bohrungen beendet sein. »Zeit ist hier richtig Geld«, weiß Geologe Reichert. Doch er scheint guter Dinge - nicht nur, dass sie es schaffen, sondern auch was das Ergebnis der Erkundungen betrifft. Er schließt nicht mehr aus, dass sie die DDR-Prognosen sogar noch nach oben korrigieren. Schon jetzt wird unter dem 800 Meter hohen Gottesberg das womöglich größte Zinnvorkommen der Welt vermutet: 120 000 Tonnen des gefragten Wertmetalls. Nach heutigen Marktpreisen rund 2,7 Milliarden Euro.

Anja Ehser teilt die Zuversicht ihres Chefs. Bei ihr in einer einstigen Industriebrache am Rande der Chemnitzer City landen alle Bohrkerne. Sie und ihre Kollegin Sandy Bülow müssen die zuvor in Viertel aufgesägten Bohrproben optisch sichten und anschließend loggen, wie es Geologen nennen. Zur Linken ihr Laptop, vor sich das Bohrschema aus DDR-Zeiten und in der Rechten ein Niton-Gerät, mit dem sich zügig der Metallgehalt im Bohrkern scannen lässt: Was dem Laien im ersten Moment etwas monoton erscheint, erlebt die junge Leipzigerin als kleines Abenteuer. Denn jede Probe sei anders, sagt sie. Sie früher als jeder andere, wie viel Zinn da im Stein schlummert. »Manchmal ein ganzes Prozent«, verrät sie.

Letzten Aufschluss gäben Analysen in Schweden und Kanada, erklärt Jörg Reichert. »Ich denke, im Sommer wissen wir es genau.«

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