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Von Uwe Sievers
02.04.2012

Wir sind im Digitalzeitalter, Freunde!

Offener Brief von Tatort-Autoren ruft Protestwelle im Netz hervor

51 Drehbuchautoren der ARD-Serie »Tatort« richten massive Vorwürfe an die Grünen, die Piratenpartei, die LINKE sowie an die Netzgemeinde allgemein. Sie kritisieren deren Verständnis des Urheberrechts, befürchten Enteignung. Zuerst reagierte die Netzgemeinde. Ein Sturm der Entrüstung ist losgebrochen.

Unter Anspielung auf illegale Downloads und Tauschbörsen werfen die Drehbuchautoren in einem polemischen Brief den drei Parteien und der »Netzgemeinde« vor, eine »Umsonstkultur in den Rang eines Grundrechtes« zu heben, was Rechtsverstöße »zum Freiheitsakt hochjazzt«. Die Adressaten werden aufgefordert, »sich von ein paar Lebenslügen zu verabschieden«, so etwa von einer »demagogischen Gleichsetzung von frei und kostenfrei«. Die Menschenrechte garantierten keineswegs einen kostenfreien Zugang zu Kunst und Kultur.

Den Konflikt sehen die Autoren zwischen Urhebern und Nutzern und stellen sich auf die Seite von Sony, Universal, Bertelsmann und GEMA. Deshalb kritisieren sie an der Politik der Parteien die Trennung in Urheber und »böse Verwerter«, dabei seien Letztere doch »die Geldgeber, die eine Idee erst realisierbar machen«. Von der Verwertungsindustrie kommen denn auch die Versuche, über internationale Handelsabkommen und Verträge die Freiheit des Internets einzuschränken, zum Beispiel mittels des Anti-Produktpiraterie-Abkommens ACTA.

Die Autoren fordern, »nicht jede Missbrauchskontrolle bei Providern und Usern gleich als den definitiven Untergang des Abendlandes an[zu]prangern«. Die Bürger müssten sich »einige Einschränkungen ihrer Rechte gefallen lassen«.

Umgehend reagierten »51 Hacker des Chaos Computer Clubs (CCC)« auf den Vorstoß der 51 Krimi-Autoren: »Auch wir sind Urheber«, klärten sie diese in ihrer nicht minder polemischen Antwort auf. »Wir sind Programmierer, Hacker, Gestalter, Musiker, Autoren von Büchern und Artikeln.« Nicht Urheber und Nutzer stünden sich gegenüber, »sondern allenfalls prädigitale Ignoranten mit Rechteverwertungsfetisch auf der einen Seite und Ihr und wir auf der anderen, die wir deren Verträge aufgezwungen bekommen«.

Die CCC-Aktivisten richten ihre Kritik auch an die Politik, die eine Neuregelung des Urheberrechts versäumt hat, was zu einem »Abmahn-Unwesen« geführt habe. An den Nutzern liege es jedenfalls nicht, denn »wo es Wege gibt, stressfrei und ohne Gängelungen Werke zu fairen Konditionen zu beziehen, werden diese ausgiebig genutzt«. Sollte die derzeitige Schutzfrist des Urheberrechts von 70 Jahren ab dem Tod des Autors verkürzt werden, befürchten die Tatort-Autoren »enteignet« zu werden. Der CCC erwidert: »Das ist das Digitalzeitalter, Freunde, wir wissen nicht mal, wie wir digitale Daten ein ganzes Jahrhundert lang bewahren sollen.« Enteignend sind jedoch die Knebelverträge von Verwertungsindustrie und Verlagen, die Urheber zur Abtretung aller Rechte zwingen.

Mit politischer Naivität verkennen die Autoren die verschiedenen Positionen der drei Parteien. Der CCC greift die Pauschalkritik auf und verweist auf die Unterschiede: »Mit grünen Kulturpolitikern zu reden, ist wie mit einer Wand. Sie haben in den letzten Jahren keine einzige zeitgemäße Idee zum Verwertungsrecht umsetzen können und eine konservative Grundhaltung. Die Piraten haben keine Kulturpolitikerinnen. Die linken Kulturpolitiker sind ganz entgegen anderslautender Gerüchte die mit Abstand progressivsten.«

Inzwischen finden sich zahllose Beiträge in Blogs, Foren und den Social Media. Unter diesen macht auch das folgende Argument die Runde: »Autoren sagen, ich schaue Tatort, ohne dafür zu zahlen. Die Realität sagt, ich schaue keinen Tatort und zahle trotzdem«.

4 Kommentare

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  • Eton / 02. Apr 2012 10:33

    Re: Wir sind im Digitalzeitalter

    Auch im Digitalzeitalter gibt es keine F E U N D E.
    Vielleicht gelingt es aber den Autoren, ihre Rechteverwerter dahingehend zu beeinflussen, dass sie nicht GEGEN das, sondern MIT dem Internet und seinen Möglichkeiten arbeiten! Solange Einfallslosigkeit und Profitgeilheit nichts weiter als Klagen und Unterlassungserklärungen gebären, wird die Netzgemeinde immer wieder Wege finden, Kontrollen und Maßregelungen zu unterlaufen. Die klügeren Strategien scheinen jetzt schon erfolgreicher zu sein.

  • Rotspoon / 02. Apr 2012 11:31

    Richtig, @eton

    Das ist das Schöne und Gute am Internet: Sie können auch hier V-Leute einsetzen, aber sie sind leicht zu enttarnen. Und was die Urheber betrifft, vor denen hat mich schon meine Großmutter, geboren 1878, gewarnt, wenn wir wieder mal umziehen mußten: Junge, laß die Standuhr stehen und warte, bis jemand mit anfaßt. Aber vom geistigen Eigentum hielt sie gar nichts. Sie hat es immer mit uns geteilt.

  • Eton / 02. Apr 2012 12:31

    Re: Digitalzeitalter mit ohne Großmutter

    Eine kluge Frau, deine Großmutter, @Rotspoon ! Meine sagte immer: "Jung, schau genau hin und denke dann nach!"
    Musik, Videos und Bücher sind auch nur eine Ware. Kunden machen daher das, was man ihnen systematisch beigebracht hat: nur zum niedrigstmöglichen Preis kaufen.
    Da aber viele ohne eigenes Dazutun an der Ware mitverdienen wollen, beißt sich hier der Schwanz in den Hund.
    Bands und Studios, die sich erfolgreich gegen Knebelverträge wehrten, haben eigene Produktionen ins Netz gestellt (sogar komplette Alben und Filme in HD) und können trotzdem davon leben – weil die User das durch Online-Kauf zu fairen Bedingungen honorierten. Hier kann man sich gut informieren (und mehr!):
    www.gemafrei-portal.de/
    Ansonsten Creative-Commons-lizensierte Software suchen!
    www.klicksafe.de/fileadmin/media/documents/pdf/Broschren_Ratgeber/Freie_Musik_im_Internet.pdf (Seite 13 ff)

  • Berndchen / 02. Apr 2012 12:58

    Re: Re: Wir sind im Digitalzeitalter

    Dass die Plattenindustrie z.B. den digitalen Anschluss gehörig verpasst hat und ihre Reaktion auf ihr eigenes Verpenntsein jetzt so ausfällt, beweist: sie haben wohl das gezogen, was man kiezdeutsch eine "Arschkarte" nennt. Übrigens zur Erinnerung an alte Zeiten: Wir haben regalweise Kassetten mit Musik aus dem Radio bespielt. Hat auch keinen gejuckt. Das war sogar erwünscht - es gab explizit Mitschneidesendungen.
    Aber es ging halt trotzdem nichts über eine Originalplatte...

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