Von Lilian-Astrid Geese
02.04.2012

Rätsel um die Moebus-Zelle

»Ein tiefer Fall«: Bestsellerautor Bernhard Kegel hat einen neuen Wissenschaftskrimi verfasst

Ein wenig behäbig, moralisierend schleicht er daher, Bernhard Kegels zweiter Roman um den Kieler Meeresbiologen Hermann Pauli, aber doch spannend genug, um dran zu bleiben. Es geht um Wissenschaftsbetrug und zwei tote Doktoranden aus der Arbeitsgruppe des berühmten Zellforschers Frank Moebus.

Zwei Jahre ist es her, dass dieser die nach ihm benannte Moebus-Zelle auf dem Gackel-Rücken im Nordpolarmeer entdeckte. Doch trotz großzügiger Ausstattung mit Forschungsmitteln hat er seit der ersten Publikation zum Thema weder weitere Artikel vorgelegt, noch die Zellen zur Fortsetzung der Forschung an andere Wissenschaftler weitergegeben. Während diese zunehmend verärgert rätseln, warum der Star der deutschen Schattenbiologie immer neue Ausreden erfindet, um die Zellen nicht zu teilen, bemüht sich die Kieler Kripo unter Leitung von Kommissarin Anne Detlefsen um die Aufklärung der beiden mysteriösen Todesfälle auf dem Campus: Zwei Assistenten aus Moebus' Arbeitsgruppe an der Christian-Albrechts-Universität - der brave Familienvater Johannes Hilpert und der ehrgeizige Moritz Barthelmess - kommen auf brutale Weise offenbar nach einem Streit im Labor ihres Chefs ums Leben. Vielleicht war ein dritter Mann im Spiel. Daniel Kambacher, Paulis Assistent und militanter Gegner der synthetischen Biologie, könnte involviert sein. Oder Elisabeth, Frank Moebus' Schwester in Lübeck. Ihr Mann, Bennie Bartelt, ist ein alter Freund von Moebus' Kollege Hermann Pauli, mit dem er gerade die Rockband Electric Hookers wiederbelebt. Und Pauli ist es, der die Leichen findet. Verwicklungen gibt es viele um den »tiefen Fall«, der Kegels Roman den Titel gibt: Marion, Paulis Tochter, verliebt sich in Kambacher; die Kommissarin wirft ein nicht nur dienstliches Auge auf den Vater; und irgendwo in der Arktis kämpft sich ein Schiff des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts durchs Eis, um Moebus mit neuen Zellen zu versorgen.

Dubios bleibt die Rolle der Wissenschaft, die der alternde Protagonist des Krimis - Hermann Pauli - ebenso verkörpert, wie sein junger, ambitionierter Kollege Moebus, der skrupellos und emotional verarmt mehr am eigenen Renommee als an biologischen Erkenntnissen interessiert ist.

Pauli ist der träge, selbstzufriedene Mainstream, den der Autor entlarven will: Knapp vor der Rente, mag er keinen Wirbel (mehr) verursachen. Vom in Neuseeland entdeckten Riesenkalmar abgesehen, kann ihn nichts wirklich (mehr) begeistern oder entsetzen. Weder die wieder einmal aus einer Beziehung geflohene Tochter, die sich mitsamt ihrem zweijährigen Sohn Emil spontan bei ihm einnistet, noch die Avancen der fleißigen Frau von der Kripo. Dass ein Mann beim ersten Rendezvous vor dem Sex einschläft, spricht Bände.

Pauli ist ein Mitläufer. Einer von denen, ohne die Korruption und Betrug in der Wissenschaft genauso wenig funktionieren können wie in Politik oder Wirtschaft. Immer nur zugeben, was ohnehin jeder weiß, ist eine beliebte Methode, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Keglers Versuch, daran in der Form eines Wissenschaftskrimis zu erinnern, ist durchaus geglückt. Es gibt ein paar »Regiefehler«, und manche der gelegten Spuren gehen unterwegs verloren, aber insgesamt kann man »Ein tiefer Fall« aber als soliden und sachkundigen Krimi aus der Feder des Berlin-Brandenburger Biologen und Sachbuchautors Bernhard Kegel loben.

Bernhard Kegel: Ein tiefer Fall. Roman. Mare Verlag. 505 S., geb., 19.90 €.

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