Von Hans-Dieter Schütt
02.04.2012

»Es ist fürchterlich«

theater 89 in der Berliner Akademie der Künste: »Das Ende der SED«

Mehr Possen, Jenossen! (FRANK CASTORF)

Die Fakten sind bekannt, Legendenverfasser und Enthüller gingen beizeiten an ihr Werk, das Heulen der Reißwölfe haben wir gehört, die Tagebücher der wahren und falschen Helden sind veröffentlicht, die Kommissionen gaben Bericht. Im geschichtlichen Fluss, der ungerührt weiterströmt, bleibt der Herbst 1989 eine unglaubliche Zehntelsekunde Revolution, die einen Staat stürzte.

Alles ging sehr rasch. Auf einem Berliner Balkon hatte Liebknecht einst die deutsche Räterepublik ausgerufen, auf einem Prager Balkon düpierte der Westdeutsche Genscher jene östliche deutsche Republik, die sich nach vierzig Jahren keinen Rat mehr wusste. Daheim zog Honecker die Konsequenz: lieber Wasserwerfer als nachweinende Tränen. Überhaupt stieg das Wasser, stieg und stieg. So soffen wir ab, wie wir da auf dem Trocknen saßen.

»Das Ende der SED - Die letzten Tages des Zentralkomitees der SED« heißt der Theaterabend des »theaters 89« in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Naumann-Stiftung. Was von neun Schauspielern gestaltet wird, basiert auf Auszügen aus dem gleichnamigen Buch von Hans-Hermann Hertle und Gerd-Rüdiger Stephan, erschienen im Christoph Links Verlag: Ton-Mitschnitte der letzten Tagungen des Hauptgremiums der diktierenden Partei. Reden, Beschwörungen, Beschwichtigungen, Zwischenrufe, gereizte Sticheleien, ein noch nie erlebter Ausdrucks- und Ausbruchstanz getroffener Nerven. Ein Selbstrettungsdrama, bei dem nur die Betroffenen nicht begriffen: Da war nichts zu retten.

Die Zeit sorgt für Kälte im Gemüt, die komischen Wirkungen des Ganzen sind nicht zu leugnen. So bietet sich das Präsidium des ZK zunächst als neunköpfige Stoffpuppen-Galerie dar, dunkelgrüngraue Einheitsanzüge wie Uniformen; Augen, aber blicklos; Gesichter rosarot betupft, Haut wie Aquarelle, auf denen das Wasser die Farbe verdrängt; wirre Kopflose. Wer will, kann in dem einen Kopf vielleicht sogar Honecker erkennen, sein Geist lebte ja weiter, obwohl der Kaiser soeben von seinem Stuhl gestoßen worden war - gleich würde der Dienerpulk aufschreien: »Ich bin betrogen worden!« Ja, von eigener Gläubigkeit.

»Wir haben das nicht gewusst!«, schrillt es. Ein Schmerz. Aber was wollte man denn wirklich wissen? Hier, in der Abschottung. In der Proklamationskirche. Man plapperte mit und nach, was von oben gefordert wurde, man geriet dabei kaum in Nöte - und so verlernte man, das Unerwünschte zu sagen - wo es doch so sehr Not getan hätte. Nicht für die längst grundfalsch laufende Sache, sondern für den eigenen Charakter.

Schauspieler räumen jetzt einige der toten Figuren weg, setzen sich zwischen die restlichen Lemuren. Aber Leben kommt nur mühsam auf. Es hatte hier nie wirklichen Zutritt. Die Inszenierung von Hans-Joachim Frank protokolliert - und kommentiert. Sie bietet authentisches Material, ist zugleich aber Fiktion. Kabarett und Krisenskizze. Das Wirkliche formt sich in zwei spannenden Stunden zu jener gespenstisch und grotesk anmutenden Unwirklichkeit, die sich als Kern vieler geschichtlichen Umwälzungen offenbart: Übertölpelte wollen Ordnung schaffen und vergrößern so das Chaos; ausgerechnet die Verwirrung versucht mit gebundenen Händen die Lage zu dirigieren.

Dies ZK, eine ideologische Knebelstube aus wohlfeil nickendem Schweigen, verwandelt sich nun in einen rumorenden Freiheitsraum, in dem Aufwallung und Disziplin, Moral und Machtkalkül, Einheitsbemühen und Zerrüttung fiebrig und unsteuerbar durcheinanderwirbeln. »Mein Leben ist zerbrochen« - »Ich habe geglaubt!« - »Die Massen machen uns Beine und wir reden von führender Rolle!« - »Du sagst zu wenig Ich und zu viel Ihr!« - »Wir hatten zu viel Macht, die wir gar nicht ausfüllen konnten!« Lauter (Selbst-)Erkenntnisse wie ein Geröllschlag, unter dem der Mensch mit ungeschützter Stirn steht.

Wehte neuer Geist ins Hause oder stümperte da doch nur die abgepresste Versöhnung herum, Versöhnung mit dem Unabänderlichen draußen auf der Straße? Männer und (wenige) Frauen treten erregt oder (noch immer) selbstsicher oder mühsam nach Worten suchend ans Rednerpult. Betonierte oder glühende Gesichter. Man benutzt erregt ein Saalmikrofon. Einwürfe auch aus den Publikum. Man spricht einander mit den Vornamen an, Egon, Harry, Heinz, Günter, aber es legen sich mehr und mehr Schichten aus Fremdheit, Misstrauen, Lauerstimmung zwischen die Genossen.

Der neue Parteichef lächelt nahezu unentwegt ins Auditorium, seine ganz eigene Art Tapferkeit. Nur einmal entfährt es ihm: »Es ist fürchterlich! Es ist fürchterlich!«

Die Inszenierung polemisiert nicht hämisch, sie denunziert nicht. Sie besitzt eine klug dosierte Intelligenz parodistischer Anklänge. Die An-Zettelung der Maueröffnung etwa: Schabowskis O-Ton, dazu die Mundbewegungen des Schauspielers, der sein Politbüromitglied souverän zwischen betont hochmütiger Lässigkeit, posensatter Bedeutsamkeit und schlichter Verunsicherung ausbalanciert.

Die Aufführung nimmt Erschütterungen ernst; sie enthüllt bärbeißiges Hardlinertum (des einzigen Militärs im Präsidium), lässt sich aber auch vom Verständnis für einen Klassenstandpunkt leiten, der aus leidvollen proletarischen Erfahrungen im 20. Jahrhundert rührt. Am ergreifendsten die Rede des ZK-Mitglieds Bernhard Quandt, Jahrgang 1903, der die »Verbrecherbande« des alten Politbüros »standrechtlich erschießen« lassen will (der Vorsitzende schlägt die Hände vors Gesicht). Das ganze Dilemma in einer Person: die Verknotung von Idealismus, kampfgeopfertem Leben und frostklirrender stalinistischer Problem»lösung« (vielleicht wäre die Wirkung noch herzgreifender, erschreckender, wenn Bernhard Geffke nicht hypernaturalistisch das überlieferte Weinen Quandts übernehmen würde, sondern beim Reden einfach nur erstarrend tonlos bliebe).

Zu den O-Tönen von der Bornholmer Straße am 9. November (»Wir wollen rüber!«) steht der vorsitzende Lächelnde für Momente allein vorm Präsidium der Puppen, nein: einsam, wie kosmosverloren, und sehr ernst. Am Schluss, nachdem die horrenden Schuldensummen der DDR auf dem Tisch liegen und sich im ZK lähmendes Entsetzen ausbreitet über das jahrelang durchgepeitschte System aus Planlüge, Korrekturverboten und buchhalterischer Ignoranz, wird der neue Parteichef rufen: »Wenn ein Staat an den Rand des Ruins gebracht wird, ist das ein Verbrechen!« (In einem Dokfilm, der heute n der ARD läuft, wird Margot Honecker zum Wirtschaftsversagen meinen: »Ist einfach nicht wahr.«)

Stimmig zu den einzelnen Auftritten: der Gesang der Singakademie Frankfurt (Oder), Leitung: Rudolf Tiersch. Lieder von der Nationalhymne über »Auf auf zum Kampf« (der Militär im Präsidium singt hartlippig mit!) bis zu Brechts Kinderhymne. Oft klingt die Musik wie Morricones »Spiel mir das Lied vom Tod«, und keiner könnte sagen, das passe nicht.

Die Idee dieser Theaterversion einer - in ihren Details längst erledigten - politischen Rechnungslegung liegt im Porträt des Wirrwarrs. Der ist übertragbar auf den gefahrvollen Moment, der aller geschichtlichen Bewegung innewohnt: Mit dem irrigen Bewusstsein, auf der Seite des geschichtlich Gesetzmäßigen zu stehen (und daraus erwachsender Selbstgewissheit von Vernunft und Rechtebesitz), kann sehr schnell auch das Maß der Willkür wachsen, die jede Vernunft wieder aufhebt.

Als im Sommer 1989 die Stacheldrähte zwischen Ungarn und Österreich per Drahtscherenhilfe aus ihrer Spannung geknallt waren, da hatte etwas begonnen, das sein frappierend akutes Gleichnis in den Sätzen des Jakob Ben Moses Ha-Lewi aus dem 14. Jahrhundert hat, zu lesen an einer jüdischen Synagoge in Prag: »Plötzlich um Mitternacht erhob sich ein entsetztes Geschrei inmitten des großen Heeres Edom (Kreuzfahrer). Und alle des Heeres flohen, aufgescheucht vom Geräusch eines fallenden Blattes, ohne dass ein Mensch sie verfolgt hätte. Und sie ließen all ihren Reichtum und ihr Vermögen liegen und taten dem Land keinen Schaden mehr.«

Das Geräusch eines fallenden Blattes: »Wir sind das Volk!« Und jenes aufgescheuchte Überlebte namens ZK erhob ein entsetztes Reparatur-Stottern, das noch einmal wie der Reichtum einer geretteten Heilslehre klingen sollte - dann dankte es hurtig ab und tat »dem Land keinen Schaden mehr«.

Dem Land, das es bald nicht mehr geben sollte. Diktatur-Ende. Utopieverlust. Die Singakademie stimmt Becher und Eisler an: »Deutschland, meine Trauer, du mein Fröhlichsein.« Beides, unbedingt beides.

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