Von Jirka Grahl, London
07.04.2012

Monarchie im Alltag

In 111 Tagen beginnen die Olympischen Spiele zum dritten Mal in London, das sich als »großartigste Stadt der Welt« beweisen will

Ein schmales dreigeschossiges Haus in Spittalfield, East End, London: Schwere Vorhänge vor ungeputzten Fenstern. Hier und da blendet einfallendes Sonnenlicht das Auge. Sonst Dunkelheit, Punkte von Kerzenlicht. Es riecht nach Rauch, nach Winteräpfeln und Putz. Auf dem Tisch liegt angebrochenes Brot, daneben ein Stück reifer Käse, Krümel bedecken den samtenen Teppich. An der Wand hängt eine frischerlegte Ente, im schmalen Kamin glimmt ein einsames Kohlenstück. Zwei beleibte Touristinnen verziehen angewidert die Miene vor einem dutzendfach geflickten, schmutzverschmierten Wams, dass scheinbar der Dienstbote im Dachstübchen zum Lüften aufgehängt hat.

Das »Dennis Severs House« ist ein Geheimtipp für London-Besucher: Für 20 Pfund kann man hier mit allen Sinnen Geschichte spüren. In einem hugenottischen Seidenweberhaus, das der US-Künstler Severs zu einer Art Zeitkapsel umfunktioniert hat. Alles wirkt, als hätten die Hausbewohner die Räume eben erst verlassen. Wer nach dem Rundgang wieder ins Großstadttreiben eintaucht, spürt den Fortschritt körperlich. Den Lärm, die Eile, den Smog.

Der Besucher gedenkt: Hier im Vereinigten Königreich nahm einst die Industrialisierung ihren Anfang, der Kapitalismus setzte von hier aus zu seinem Siegeszug an, dank Dampfmaschine, Eisenbahn und einem Übermaß an Arbeitskräften - eine jahrhundertelange Geschichte von Gewinnern und Verlieren, von Fortschritt und Ausbeutung, von Glück und von Unglücken.

1000 Boote paradieren auf der Themse

Zumindest im Selbstverständnis der Briten ist ihr Land noch immer weltbewegend. Und die Londoner können sich im Jahr 2012 kaum entscheiden, welches Ereignis denn nun von größerer Tragweite ist: Die Tatsache, dass Queen Elizabeth II. ihren Untertanen tatsächlich ein »Diamond Jubilee« beschert? 60 Jahre auf dem Thron - das schafften vor ihr nicht viele Herrscher! Das ganze Commonwealth wird Anfang Juni feiern, in Großbritannien gibt es einen extra freien Tag. Am 3. Juni wird der Queen auf der Themse gehuldigt: mit der größten Bootsparade seit 350 Jahren. 1000 Boote, an der Spitze der Prozession die Königin in der rot-gold geschmückten »Royal Barge«.

Oder ist es doch Olympia, mit dem Great Britain die Welt in Erstaunen versetzen kann? Nach 1908 und 1948 werden die Spiele 2012 ein drittes Mal in London ausgetragen. Noch keiner anderen Stadt wurde diese Ehre bisher zuteil, und dementsprechend geben sich die Londoner alle Mühe mit Olympia, das sie 2005 in einer denkwürdigen Entscheidung gegen beachtliche Konkurrenz (Paris, Madrid, New York, Moskau) zugesprochen bekamen.

9,3 Milliarden Pfund (11,5 Milliarden Euro) werden nun für die Spiele der XXX. Olympiade und die darauffolgenden XIV. Paralympischen Sommerspiele ausgegeben. Das ist zwar nur ein knappes Drittel jener 30 Milliarden Euro, die China 2008 für die Spiele von Peking ausgab, aber die Summe ist in Zeiten wie diesen dennoch gewaltig. Londons Bürgermeister Boris Johnson verkündete denn auch stolz, man werde nicht weniger als »die großartigsten Spiele in der großartigsten Stadt der Welt« veranstalten.

Wer die Großartigkeit in Augenschein nehmen möchte, fährt am besten mit der Londoner Dockland-Bahn DLR zur Station Pudding Mill Lane, tief im Osten der Stadt. Kahl wirkt die Haltestelle der führerlosen Hochbahn, und viel zu eng. Es ist windig. Der Bahnhof wird während der Spiele geschlossen sein, doch in diesem Frühjahr landen dort all jene Besucher, die einen Blick auf das neuerrichtete Olympiagelände namens werfen wollen.

Viel ist nicht zu sehen. Das Areal ist aus Sicherheitsgründen abgeriegelt, jedes einfahrende Fahrzeug wird penibel untersucht. Allein eine Aussichtsplattform namens »The View Tube« erlaubt einen Blick auf das Gelände des »Olympic Park«: Auf das neue Olympiastadion für 80 000 Zuschauer, auf die Handballhalle namens Copperbox (Kupferhalle), auf die schwebenden Flügel des Aquatic Center, das die Stararchitektin Zaha Hadid entworfen hat. Und auf das Medienzentrum, in das fünf Jumbojets nebeneinander passen würden, Flügel an Flügel. Auch das Velodom ist an seiner Fassade aus Lärchenholz sofort zu identifizieren. Dazwischen viel Beton, etwas Rasen, ein paar Bäume und Hecken.

Ein Ungetüm aus rotem Stahl

Neben dem Stadion erhebt sich ein stählernes 115 Meter hohes Ungetüm in den Londoner Himmel, das den Besucher rätseln lässt: Ist es ein Turm? Eine Achterbahn? Ein umgestürzter Riesenkran? »Arcelor Mittal Orbit« heißt das 23 Millionen Euro teure Bauwerk, es ist Großbritanniens größtes Kunstwerk, gesponsort vom indischen Milliardär Lakshmi Mittal. Der Legende nach hat Bürgermeister Boris Johnson den Inder bei irgendeinem Event zufällig auf der Toilette getroffen. Johnson soll gefragt haben, was Mittal für die Spiele tun wolle. Der Milliardär, der in London lebt, überlegte nicht lange. Und heraus kam am Ende dieser rotgestrichene Aussichtsturm, von dem manche glauben, er werde nach Olympia mehr Besucher haben als das Riesenrad »London Eye« in der City.

London, die große alte Hauptstadt, will mit Olympia dringend ihre Modernität beweisen. Kein leichtes Unterfangen in einem so traditionsbewussten Land. Als vor zwei Wochen am Tower die Mannschaftstrikots von »Team GB« präsentiert wurden, war der Aufschrei groß: Wie kann sich Modedesignerin Stella McCartney erlauben, den »Union Jack« derart zerstückeln? Und überhaupt: So viel Blau, so wenig Rot: Sieht ja aus wie ein schottisches Trikot!

In Sachen Stadtentwicklung bringt Olympia unumstritten die gravierendsten Neuerungen. Der »Olympic Park« mit dem Olympische Dorf liegt in East London. Die Gegend hatte einen schrecklichen Ruf. »Hier wären sie am helllichten Tag nicht hingefahren«, sagt Mark Belber. »Zu dreckig und viel zu unsicher.« Belber begleitet als »Guide« jene wenigen, ausgesuchten Besuchergruppen, die mit Sondererlaubnis im Bus auf das Gelände kommen.

Wohnen im neu erblühten Osten der Stadt

East London war immer die Schmuddelecke der Stadt. Seit Jahrhunderten wird hierhin verlegt, was Dreck macht und stinkt - auf dass es der Westwind weit weg trage: Einst waren es die Gerber, Färber, Seifenkocher und Köhler, die hier arbeiteten. Kurz vor dem Umbau beherbergte die Gegend Chemiebetriebe, Müllverbrennungsanlagen, Fischräuchereien und Abstellgleise für Güterwagen der Royal Docks. Das Gelände namens »Lea River Navigation« rund um das schmutzige Flüsschen Lea war Industriebrachland, ehe hier Olympia einzog. Denn alle verarbeitende Industrie hat London längst verlassen, heute prägen Banken, Verlage, Tourismus und der Hafen das Wirtschaftsleben der Stadt.

Schon längst sind auf dem Olympiagelände alle 250 alten Gebäude abgerissen und 1,4 Millionen Tonnen kontaminiertes Erdreich aufbereitet. IOC-Präsident Jacques Rogge war letzte Woche zu Besuch und zeigte sich begeistert, wie weit die Londoner schon sind. Die Bauarbeiten sind fast beendet und wenn die 10 500 Olympiastarter und die 4500 Teilnehmer der Paralympics die Appartments Ende Sommer verlassen haben, soll ein völlig neues Stadtviertel entstanden sein. Zur Hälfte sollen die Wohnungen des Olympischen Dorf dann im sozialen Wohnungsbau vermietet werden (»decent home standard«). Die andere Hälfte der 2800 Wohnungen wird zu Eigentumswohnungen. Eine Firma aus dem Ölstaat Katar hat die Immobilien erworben.

Ob die Katarer dabei ein gutes Geschäft machen, ist noch ungewiss. Das steinerne Antlitz der riesigen Stadien und Sporthallen lässt die Gegend kalt und weitläufig wirken, indes wird das Viertel auch nach Olympia noch »Park« heißen. Die Marketingleute werden nicht müde, daran zu erinnern, dass es sich bei dem zweieinhalb Quadratkilometer großen Areal um »den größten Parkneubau in Europa seit 1850« handelt. »Queen Elizabeth Olympic Park« wird er künftig heißen, und die wichtigsten Ereignisse aus dem Jahr seiner Eröffnung im Namen tragen. Monarchie im Alltag, Olympia inklusive.