Von Peter Strutynski
07.04.2012
Gastkolumne

Ostermärsche müssen sein

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Peter Strutynski. Der Kasseler Friedensforscher ist Sprecher des Friedensratschlags (www. ag-friedensforschung.de)

Als am vergangenen Samstag rund 70 Menschen in Potsdam bei eisigen Temperaturen, stürmischem Regen und Hagel auf die Straße gingen, um für »Frieden, Abrüstung und gegen Atomtransporte!« zu demonstrieren, mag mancher am Sinn der Ostermärsche zu zweifeln begonnen haben. Lohnt der Aufwand der Vorbereitung, wenn am Ende doch nur so wenige kommen? Meine Antwort: Es lohnt sich.

Noch nie in der 52-jährigen Geschichte der Ostermärsche (die erst nach der Wende auch im Osten Fuß zu fassen versuchen) haben sich die FriedensaktivistInnen von wechselnden Teilnehmerzahlen beeindrucken lassen. Die Ostermarsch- und Friedensbewegung ist - wie andere soziale Bewegungen auch - einem politischen Aktivitätszyklus unterworfen, der sich wenig beeinflussen lässt. Seit zehn Jahren wissen wir eine satte Mehrheit der Bevölkerung gegen den Afghanistankrieg hinter uns - doch bei Demonstrationen der Friedensbewegung spiegelt sich das bei weitem nicht wider. Dass die Friedensbewegung dennoch am Thema dran bleibt und immer wieder in die Öffentlichkeit geht, macht Sinn. Vor allem die dezentral in über 100 Städten und kleineren Orten stattfindenden Ostermärsche werden wahrgenommen: von Passanten, ZeitungsleserInnen, Rundfunk- und Fernsehkonsumenten. Gewiss: Die Berichterstattung fällt mitunter hämisch aus, doch im Großen und Ganzen finden unsere Anliegen Eingang in Medien, die Millionen Menschen erreichen.

In diesem Jahr geht es wieder um den nicht enden wollenden Afghanistan-Krieg. Gerade die jüngsten Ereignisse (Koranverbrennung, Amoklauf) haben deutlich gemacht, dass dieser Krieg in einer Sackgasse steckt. Viele Regierungen denken inzwischen darüber nach, die Truppen noch vor dem versprochenen Abzugstermin 2014 zurückzuholen. So oder so ist die Bilanz des nun zehneinhalb Jahre dauernden Krieges derart desaströs, dass die Kriegsallianz sich nur noch sorgt, wie sie aus diesem Konflikt wieder herauskommt, »ohne das Gesicht zu verlieren«. Dabei kann von »Gesicht« keine Rede sein, sondern es geht um die Fratze des Krieges. Die endlich abzulegen, den Krieg zu beenden und die Interventionstruppen abzuziehen, gebietet die Vernunft. Doch die Politik ist häufig nicht dort, wo die Vernunft ist.

Während die NATO den Krieg in Afghanistan weiterführt, denken ihre Strategen schon über neue Kriege nach. Im Visier sind Syrien und Iran, zwei Staaten im Nahen/Mittleren Osten, die sich gegenüber den westlichen Führungsansprüchen unbotmäßig verhalten, so dass unverhohlen ein Regimewechsel gefordert und alle Register der Eskalation gezogen werden. Das Drehen an der Sanktionsspirale gegen Syrien - woran sich die EU an vorderster Front beteiligt - und die verschärfte Kriegsrhetorik gegenüber Iran bringen den Konflikt immer näher an einen Krieg heran. Die Folgen wären vieltausendfacher Tod von Menschen, radioaktive Verseuchung großer Landstriche in Iran, die durch Bombardierung von Nuklearanlagen herbeigeführt würde, weitere Eskalation des Bürgerkriegs in Syrien (die Intervention verhülfe der aufständischen »Freien Syrischen Armee« zu einer »Luftwaffe«) und Destabilisierung der ganzen Region.

Wenn neue Kriege drohen, wenn das Völkerrecht gebrochen wird, wenn Waffenexporte Kriegsparteien aufrüsten, wenn die Bundeswehr in eine Interventionsarmee »transformiert« wird, wenn Schulen und Hochschulen militarisiert werden - gibt es ebenso viele Gründe, Ostern auf die Straße zu gehen.

Siehe: Ostermärsche der Friedensbewegung