11.04.2012

Kims Satellit

Kommentar von Detlef D. Pries

Pjöngjang bereitet sich auf den »Tag der Sonne« vor, den 100. Geburtstag des 1994 verstorbenen, jedoch zum »ewigen Präsidenten« erklärten Staatsgründers Kim Il Sung. Nicht nur die Nordkoreaner sollen das Ereignis gebührend begehen, also nach der von Kim begründeten Landessitte, die auf einzigartige Weise Farbenpracht mit militärischem Drill verbindet. Auch die übrige Welt soll zumindest Kenntnis nehmen von der Modernität des Landes der Morgenfrische. Deshalb will man in den Tagen um den 15. April einen Beobachtungssatelliten in die Erdumlaufbahn schießen.

Mit Fug und Recht ist zu bezweifeln, dass Nordkorea nichts dringender brauchte als einen solchen Satelliten. Die täglichen Nöte und Wünsche der Mehrheit von 24 Millionen Nordkoreanern wären aus der Nähe wesentlich genauer zu beobachten als aus dem All. Sparte man sich die kostspielige Vorführung, ließe sich womöglich auch mancher dieser Wünsche erfüllen. Immerhin betont Pjöngjang den friedlichen Charakter des Raketenstarts und überrascht durch ungekannte Offenheit: Ausländische Journalisten durften die Startrampe besichtigen, auch japanische Spezialisten waren geladen, mussten aber auf Geheiß ihrer Regierung absagen. Denn Japan sieht sich bedroht, ebenso wie Südkorea und selbst die USA. Es handle sich bei dem Satellitenstart um einen »provokativen Akt«, nämlich den verdeckten Test einer Langstreckenrakete, die irgendwann auch einen atomaren Sprengkopf tragen könnte. Möglich ist das in der Tat - wie jede Weltraumunternehmung der etablierten Mächte auch militärisch verwertbar ist.

Der UN-Sicherheitsrat hatte Nordkorea nach dem zweiten Atomversuch vor drei Jahren aufgerufen, Tests »unter Verwendung ballistischer Raketentechnologie« zu unterlassen. Doch Pjöngjang beharrt auf seinem »Recht« auf einen Satelliten und wird - wie alle Erkenntnis über die Kim-Dynastie lehrt - nicht darauf verzichten. Schon weil der junge Thronerbe Kim Jong Un Durchsetzungskraft beweisen muss, um seine Machtbasis zu stärken. Dafür setzt er selbst die versprochenen US-amerikanischen Nahrungsmittelhilfen aufs Spiel. Das mag manche Besorgnisse hervorrufen, doch lassen sich mögliche Gefahren nicht durch hysterische Reaktionen der vermeintlich Betroffenen bannen. Vernunft und Erfahrung gebieten stattdessen Besonnenheit und immer neue Dialogangebote.