Von Gunnar Decker
13.04.2012

Der Schrei der Welt

Mehr als ein Historienfilm: Konrad Wolfs »Goya«

Goya malte diesen Nebel am Ende auch - aber mit dem Schatten der Hölle, und um dieses Schatten willen. Leben = Nebel.«
Reinhold Schneider

Zwei Dialogsätze, die diesen Film charakterisieren. Der erste: »Du bist so wenig Sancho Pansa wie ich Don Quichotte bin.« Der zweite: »Ich bin Maler, ich habe nichts mit der Politik zu tun.« Zwei Irrtümer auf dem Weg zur Wahrheit in den Bildern Francisco de Goyas. Und auch in denen Konrad Wolfs, als er 1971 »Goya« nach Lion Feuchtwangers Roman in einer deutsch-sowjetischen Koproduktion drehte?

Konrad Wolf hatte sich von Anfang an als Regisseur politisch definiert. Aber am Ende wurde auch er mehr und mehr zum Don Quichotte, der mit den Windmühlenflügeln der Politbürokratie kämpfte. Doch ist der Weg von der Politik zur Kunst vielleicht noch weiter, als wenn man sich für unpolitisch hält? Zumindest ist er hindernisreicher, auch gefährlicher, denn der Künstler muss eigenen Gesetzen folgen, nicht denen seiner politischen Überzeugung. »Goya« ist wohl der erste Film, in dem Wolf diesen Konflikt auszutragen versucht: Was macht die Kunst zur Kunst?

»Goya« ist ein bildmächtiger Film, ein Tableau, in dem das katholische Spanien mit all seinem dunklen und blutigen Prozessionskitsch gezeigt wird - mit einer mächtigen Inquisition, während in Frankreich bereits die Revolution von 1789 stattgefunden hat. Aber die modernen Ideen lassen sich auch hier nicht aussperren. Voltaire wird überall gelesen. Die alte Macht gerät in Rückzugskämpfe, noch vermag sie Kritiker zum Abschwören zu zwingen. Und Goya als anfangs eher konventioneller Hofmaler, erst unter Karl III. und dann unter Karl IV., ist mittendrin. Blutige Szenen aus dem Irrenhaus. Der Künstler sieht sich vor der Macht stehend, die brutal demonstriert, dass sie immer noch über Leben und Tod herrscht. Er zieht den Kopf ein.

Der Künstler will malen, er ist kein allzu mutiger Mensch. Aber er will das zeigen, was er sieht und in einer Form, die ihm eingegeben ist. Da ist er jenseits aller Rücksichten auf sich. Man sollte sich diesen Film wieder ansehen - ebenso wie Tarkowskis »Iwan Rubljow«, der das gleiche Thema behandelt - und wird dann von der Wucht seiner Vielschichtigkeit getroffen werden. Ja, der Maler steht vor den Mächtigen und soll sich vor ihnen beugen und darf gleichzeitig seine Kunst nicht verraten. Da liegen die Analogien offen - die von Konrad Wolf lange verdrängte Erfahrung des Stalinismus, Erinnerung an Tribunale, der Inquisition ähnlich, diese ganze Machtornamentik - gewiss. Heute ist es nicht mehr die ideologische Gewalt, die dem Künstler die Kehle zudrückt, sondern der nicht minder brutale Markt - ein viel effektiverer Zensor.

Aber beim nochmaligen Sehen dieses großen Films scheint mir die Wolf beherrschende Frage doch eine andere zu sein: Was ist das Geheimnis des Schöpferischen, egal in welcher Zeit? Die Zeit, die Außenwelt ist dem Künstler nie von Vorteil, und wenn es ihm eine Zeit lang doch so scheint, wird es sich irgendwann als Irrtum herausstellen. Kunst resultiert aus einem Dennoch aller scheinbaren Tagesvernunft gegenüber. Diese rät dem Klugen, lieber still zu sein und das zu tun, was man von ihm verlangt. Dafür wird er von der Macht belohnt, kommt vielleicht, wenn er es geschickt anstellt, zu Ansehen und Reichtum - und wird nicht verketzert und nicht vernichtet. Warum also muss er Dinge tun, die ihn selbst gefährden? Ist er so mutig? Handelt er aus einer politischen Überzeugung heraus? Dieser kann man abschwören, aber kann man auch einem Bild abschwören?

Hier kommen sie ins Spiel bei Goya - und Konrad Wolf nimmt sie sehr ernst: die Dämonen. Als er 1810 die »Desastres de la Guerra« malte, waren das mehr als nur Szenen eines schrecklichen Krieges - es waren Urbilder des Schreckens selbst. Ebenso in dem Gemälde »Die Erschießung der Aufständischen« - hier tritt eine Innenwelt nach außen, sehen wird bereits etwas, das Edvard Munch mit »Der Schrei« erst viel später ausdrücken wird: Das Symbol einer Zeit, die schlimme Gegenwart vor dem Hintergrund aller Zeiten. Ein archaisches Schauspiel. Darum auch immer der Stierkampf, den Wolf unbedingt im Film haben wollte - und zwar authentisch in Spanien gedreht. Aber in Franco-Spanien durfte ein Konrad Wolf aus der DDR keinen Film machen. Also schickte er - unter falscher Flagge - ein Kamerateam nach Spanien, getarnt als westdeutsche Dokumentarfilmer zum Thema Stierkampf (Markus Wolf war nun mal Konrad Wolfs meist unsichtbarer Bruder und manchmal auch hilfreich). Die Szenen sind für den Film tatsächlich unverzichtbar.

Die Bilder Goyas wurden mit den Jahren immer dunkler, immer apokalyptischer: »Saturn, einen seiner Söhne verschlingend« und sein wohl verstörendstes Selbstzeugnis als Künstler, der in Abgründe - zugleich der Welt und der eigenen Seele - blickt: »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer«. Man kann den Titel auch anders übersetzten, dann heißt es »Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer«. Es sind sehr moderne Alpträume, es ist ein neuer Realismus, der hier geboren wird. Und wenn man diesen über vierzig Jahre alten Film sieht, der gar nichts von seiner Wucht eingebüßt hat, dann ahnt man, wie sehr sich Wolf mit der Figur Goyas identifiziert hat, wie sehr ihm dieser zum Selbsthelfer wurde, um eine neue Welt - die hinter der Oberfläche liegende - zu betreten und sich den Dämonen zu stellen.

Reinhold Schneider sah in Goyas letzten Bildern einen »furchtbaren, nicht mehr verständlichen Fluch«. Doch, Konrad Wolf, glaube ich, hat ihn verstanden.

Im Rahmen der Konrad-Wolf-Retrospektive in Berlin: »Goya«, heute, 19 Uhr, Kino Toni (Max-Steinke-Str. 43 / Antonplatz), Paul Werner Wagner im Gespräch mit Angel Wagenstein, Iris Gusner und Rolf Hoppe; 18.4., 20.30 Uhr, Bundesplatz-Kino (Bundesplatz 14), anschließend Gespräch mit Erika Richter, Gunther Scholz und Doris Borkmann.

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