Von Andreas Boueke, Kairo
13.04.2012

Kairos koptische Müllsammler

Ein Frauenorden setzt sich für die Ärmsten ein

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In Espet El Nakhl lebt man im und vom Müll.

Im Norden der Achtmillionenstadt Kairo sind die meisten Straßen staubig und nicht asphaltiert. Früher war diese Gegend eine grüne, fruchtbare Oase. Daran erinnert heute nur noch der Name: Espet El Nakhl, Ort der Palmen. Doch statt der Palmen sind Hochhäuser aus dem Boden geschossen, bis zu 15 Stockwerke hoch. Viele der billig gemauerten Gebäude sind nur halb fertig und unverputzt. Trotzdem werden sie von Dutzenden Familien bevölkert, zusammengepfercht auf engstem Raum.

Der Ruf eines Muezzins schallt durch die Gassen. Auf dem Sandboden legen Bäcker ihr Brot aus. Ein kleines Mädchen bietet schrumpliges Gemüse zum Verkauf an. In diesem bunten Chaos fallen die sauberen, ordentlich verputzten Wände des Salam Centers schon von Weitem auf. Die Bildungseinrichtung wird von einem koptischen Schwesternorden betrieben. Die christlichen Kopten sind die größte religiöse Minderheit in der muslimisch geprägten Gesellschaft Ägyptens.

Hinter dem eisernen Tor des Zentrums liegt eine kleine Gartenanlage. Die Oberin des Salam Centers, Schwester Maria, schiebt ein Kind auf einem Rollstuhl über den gepflasterten Fußweg. »Draußen sind die Straßen voller Menschen«, sagt sie, »es gibt keine Pflanzen, nichts, wo sich die Kinder erholen könnten. Hier erleben sie eine friedliche, ruhige Atmosphäre. Sie sehen Bäume und wir bringen ihnen bei, wie sie in ihrer Wohnung selbst eine Pflanze aufziehen können.«

In der grauen Schwesterntracht

Schwester Maria trägt die graue Tracht der sozial engagierten Nonnen. Die Angehörigen aller anderen koptischen Frauenorden sind als schweigende Nonnen in Schwarz gekleidet. Über ihrer Tracht tragen die Schwestern des Salam Centers eine weiße Schürze. Die verdeckt eine Tasche, in der sie allerlei Dinge verstauen können: Stifte, Papier, manchmal sogar einen Hammer. Die Schürze zeigt, dass die Frauen arbeitende Nonnen sind, dass sie einen Dienst an der Welt leisten. Um die Taille ist ein Gürtel geschlungen, genauso wie bei den Mönchen, als Verweis auf das Alte Testament, in dem es heißt, Gottes Volk solle sich gürten, um allzeit bereit zu sein.

Für Schwester Maria ist das selbstverständlich. Angesichts von 2800 Kindern, die die Schule des Salam Centers besuchen, muss sie ständig bereit sein, Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen. Aber ihr ist auch wichtig, dass den Kindern nicht nur Bildung geboten wird, sondern auch Ruhe und Abwechslung von ihrem sonst eintönigen, aber anstrengenden Leben.

Die vom Abfall der Millionenstadt leben

»Ein Junge, der morgens Müll sammeln geht, muss um fünf Uhr aufstehen und den Esel zäumen«, berichtet sie. »Dann fährt er mit dem Karren von Haus zu Haus, um Müll einzusammeln. Mittags kommt er zurück in diese Gegend und überlässt Frauen und Kindern den Müll zum Sortieren. Dann fährt er noch mal los. Falls der Junge schon elf oder zwölf Jahre alt ist, geht er nachmittags vielleicht in eine Kaffeebar und trinkt Tee. Einige rauchen auch Bango, das ist Marihuana. Das ist das Leben der Kinder, die nicht zur Schule gehen.«

Das größte Gebäude des Salam Centers ist das Krankenhaus. Seit 30 Jahren wird es mit Spendengeldern finanziert. Der pensionierte Pastor Günter Meyer-Mintel kommt immer wieder nach Esbet el Nakhl, um das Projekt zu begleiten. An die vielen Treppen, die zum Dach des Krankenhauses führen, hat er sich gewöhnt, genauso wie an den Blick, der sich von dort aus bietet. »Ich sehe hier ein Gebiet von Müllhütten«, beschreibt er. »Sie sind aus Fässern gebaut, die man aufgeschnitten und platt gemacht hat. In viele der Hütten kann man hineinsehen. Die Menschen hier arbeiten mit dem Müll. Nachts ziehen sie durch die Stadt und sammeln ihn ein. Hier öffnen und sortieren sie ihn nach Plastik, Glas, Blech, Stoffresten und organischen Abfällen, die an die Tiere verfüttert werden.«

Die Bewohner der Müllsammlergemeinde stammen ursprünglich aus Oberägypten. Vor etwa 50 Jahren mussten sie ihre Oasen verlassen, nachdem es jahrelang nicht mehr ausreichend geregnet hatte. In Kairo wies man ihnen einen Platz auf unterster sozialer Stufe zu. Die vorwiegend von Muslimen geleitete Stadtverwaltung erlaubte den Kopten, den Müll der Stadt einzusammeln und alles Brauchbare zu nutzen. Bis vor Kurzem war eine ihrer wichtigsten Einkommensquellen die Schweinezucht, denn anders als Muslime dürfen die Christen Schweine mästen. Aber dann verbreitete sich die Nachricht von den Gefahren der Schweinepest über die Welt. Daraufhin entschied die ägyptische Regierung, vorsorglich alle Schweine in Kairo zu schlachten.

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Schwester Maria (Bildmitte) in der grauen Tracht der sozial engagierten koptischen Nonnen

UNICEF-Studien besagen, dass 40 Prozent der Kinder, die in den Müllhütten geboren werden, im ersten Lebensjahr sterben. Auch die Erwachsenen haben nur eine geringe Lebenserwartung. Vor allem der Qualm, der vielerorts aufsteigt, wenn alte Plastiktüten verbrannt werden, greift die Atemwege und die Netzhaut der Augen an. Viele Menschen sind erblindet.

Die junge Schwester Monica hat sich noch nicht an die schlimmen hygienischen Verhältnisse in der Müllsammlergemeinde gewöhnt. Sie arbeitet seit drei Jahren im Salam Center: »Die Menschen hier sind sehr arm und oft deprimiert. Ich habe das Gefühl, dass sie traurig sind, nicht glücklich. Sie leiden ständig an Krankheiten, Augenkrankheiten, Magenproblemen, Lungenentzündung.«

Inzwischen gibt es auch immer mehr Muslime, die im Müll ihr Auskommen suchen. In Esbet el Nakhl leben Christen und Muslime meist friedlich zusammen. Doch Schwester Maria meint, seit das ägyptische Volk den Despoten Mubarak gestürzt hat, mache sich unter den Ärmsten ein Gefühl der Unsicherheit breit: »Anfangs waren alle glücklich über die Revolution. Sie haben die Freiheit gespürt. Sie glaubten, die Demokratie werde bald kommen. Aber nach einer Weile begannen sie, sich unsicher zu fühlen, Kopten und Muslime.«

Mit Billigung der Militärmachthaber nahmen sich manche Ägypter die Freiheit, ungestraft Kopten anzugreifen. Das schlimmste Ereignis war das Massaker auf dem Maspero-Platz am 9. Oktober 2011. Soldaten der Armee ermordeten 27 Kopten, die für ihr Recht auf freie Religionsausübung demonstrieren wollten. »Auch Christen aus dieser Gegend waren bei der Demonstration auf dem Maspero-Platz dabei«, erinnert sich Schwester Maria. »Einem Mann, der immer zu uns in den Konvent kommt, um den Müll abzuholen, wurde ins Bein geschossen. Das sind mutige Leute, die stolz darauf sind, Christen zu sein.«

Im Konflikt selbst mit dem koptischen Papst

Bald nachdem Mubarak gestürzt war, nahmen die Mitarbeiterinnen des Salam Centers das Fach »Demokratie« in das Lehrprogramm der Schule auf. Die Nonnen sind verantwortlich für die Verwaltung und die Konzeption der Arbeit des Zentrums. Das ist außergewöhnlich, denn die orthodoxe koptische Kirche weist der Frau die Rolle der Dienerin unter der Anleitung männlicher Würdenträger zu. Dass die Nonnen eigenständig ein Sozialprojekt leiten, sehen einige in der koptischen Hierarchie nicht gerne. »Wir werden nie Priester sein können«, klagt Schwester Maria. »Es gibt viele pflichtbewusste Frauen, die nie einen Platz in der Hierarchie einnehmen werden. In unserer Kirche können Frauen nur vollwertige Nonne werden, wenn sie in einem kontemplativen Konvent leben. Sie sollen nicht in die Welt gehen, um dort zu dienen. Aber dieses Denken ist falsch. Die Gesellschaft braucht die Arbeit engagierter Frauen.«

Aber selbst der unlängst verstorbene koptische Papst Shenouda III. hatte die Schwestern gebeten, in die Obhut der Kirche zurückzukehren und »normale« Nonnen zu werden. Für Schwester Maria war das eine Enttäuschung. »Einige Schwestern sagten: ›Wir müssen dem Papst gehorchen.‹ Ich habe geschwiegen und gebetet. Es wäre nicht gut gewesen, in diesem Moment etwas zu sagen. Einige der Schwestern sind in ein Kloster in Oberägypten gegangen. Doch von dort haben sie Briefe geschrieben, die dem Papst wohl nicht gefallen haben. Jedenfalls hat er nicht wieder mit ihnen gesprochen. Am Ende sind alle zurückgekommen.«

Die Schwester lächelt selbstbewusst. Sie weiß, dass ihr Handeln vielen Frauen neue Möglichkeiten öffnet, nicht nur innerhalb der koptischen Kirche. »Wir öffnen Türen für Frauen, die Verantwortung übernehmen wollen. Wir stärken ihre Identität. Es gibt hier Frauen, die den Müll völlig eigenständig verkaufen. Denen bringen wir Lesen und Schreiben bei. Wir ermutigen sie, einen eigenen Personalausweis zu beantragen, und machen ihnen bewusst, dass sie Rechte und Pflichten haben. Wir wollen erreichen, dass Frauen künftig auch in den Gemeinderat gewählt werden.«

Seit Beginn des arabischen Frühlings hat sich vieles verändert in der ägyptischen Gesellschaft. Alte Normen werden in Frage gestellt. Schwester Maria glaubt, dass sich auch ihre Kirche verändern wird: »Die Menschen haben begonnen, die Dinge anders zu sehen. Sie stellen selbst dem Papst Fragen und möchten, dass Bischöfe ihre Haltung ändern. Deshalb glaube ich, dass sich auch die Rolle der koptischen Frauen ändern wird.«

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