Marcus Meier
13.04.2012
Urananreicherung

Katastrophaler Katastrophenschutz

Die Urananreicherungsanlage im münsterländischen Gronau birgt erhebliche Gefahren

Die Urananreicherungsanlage (UAA) im nordrhein-westfälischen Gronau beliefert AKW in aller Welt. Unter rot-grünen Landesregierungen wurde ihre Kapazität verdreifacht. Kritiker fordern ihre sofortige Stilllegung, da ihre Risiken nicht beherrschbar seien. Selbst die Betreiber-Firma Urenco räumt ein, dass die UAA nicht gegen Flugzeugabstürze gesichert sei. Ein Gespräch mit Anti-UAA-Aktivist Udo Buchholz über gefährliche Technik, drohende Katastrophen, veraltete Sicherheitspläne und allzu einflussreiche Konzerne.
UAA Gronau 1
Ostern 2011 demonstrierten 14.000 Menschen gegen die Urananreicherung in Gronau. Der Widerstand ist ein Dauerbrenner auf Sparflamme – mit gelegentlich lodernden Stichflammen.
nd: Deutschlands einzige Urananreicherungsanlage umgibt ein stacheldrahtbesetzter Maschendrahtzaun. Was passiert dahinter?
Buchholz: In der Gronauer UAA wird Natururan in Form von Uranhexafluorid für den Einsatz in Atomkraftwerken vorbereitet. In Zentrifugen wird der Anteil des Isotops Uran 235 von 0,7 auf fünf bis sechs Prozent in der gesamten Uranmenge erhöht. Das Zentrifugenverfahren zur Urananreicherung ist wirtschaftlicher als das alte Diffusionsverfahren der Amerikaner und Franzosen. So konnte sich der Betreiberkonzern Urenco, der unter anderem auch in den Niederlanden eine Urananreicherungsanlage betreibt, einen guten Weltmarktanteil sichern – mittlerweile stammen rund zehn Prozent des angereicherten Urans aus Gronau. Rund drei Dutzend AKWs kann die Gronauer UAA mit Brennstoff versorgen. Die deutschen Urenco-Anteilseigner sind RWE und E.ON. Als Abfallprodukt entsteht bei der Urananreicherung das sogenannte abgereicherte Uranhexaflorid, das nicht nur radioaktiv ist, sondern auch chemisch sehr brisant. Wird es frei gesetzt, kann es mit Wasser reagieren und Flusssäure bilden. Flusssäure ist extrem giftig und ätzend, bei bestimmten Konzentrationen kann sie tödlich sein.

Was müsste bei einem größeren Unfall in der Anlage geschehen?
Dann müsste die gesamte Nachbarschaft evakuiert werden – weiträumig und eigentlich binnen Minuten. Doch das wäre für die Hilfskräfte sehr schwierig, zumal sie nicht auf eine solche Situation vorbereitet sind.

Was war der bisher schwerste Unfall?
Vor zwei Jahren wurde ein UAA-Arbeiter verstrahlt. Dabei wurde offensichtlich, dass der Katastrophenschutz katastrophal vorbereitet ist. Der Betroffene konnte erst im vierten Krankenhaus abschließend behandelt werden. Das Krankenhaus in Gronau konnte ihm nicht helfen. Eine weitere angebliche »Notfallklinik« in Gronau war mittlerweile für alte Leute und psychiatrische Kranke zuständig, tauchte aber immer noch im Katastrophenschutzplan auf.

Die Menge des Urans, das in Gronau jährlich angereichert werden darf, hat sich etwa verdreifacht. Die Genehmigung erteilte die allererste rot-grüne Landesregierung im Jahr 2005.
Jetzt wird immer ins Feld geführt, eine Stilllegung sei aus juristischen Gründen schwierig. Befürchtet werden horrende Schadensersatzforderungen. Rot-Grün mangelt es an Kreativität. Man könnte externe Fachleute für Atomrecht engagieren, die einfach mal durchdeklinieren, wie solch eine Anlage dicht gemacht werden könnte, und das ohne Zahlung von Schadensersatz. Der Spielraum besteht, das haben wir vor einem Vierteljahrhundert in Hanau gesehen. Dort wurden mehrere Atomanlagen stillgelegt.

Unter einem grünen Minister übrigens: dem Oberrealo Joschka Fischer.
Was in Hessen möglich war, muss auch in NRW möglich sein. Das ist meine Hoffnung. Das Ziel bleibt klar: Die UAA muss stillgelegt werden, die Urantransporte gehören verboten. Das Ziel ist erreichbar. Jenseits der Parteiarbeit bleibt das Engagement in Bürgerinitiativen wichtig – in und um Gronau, aber auch in anderen Regionen.

Wohin führen die Urantransporte aus Gronau?
In Deutschland nur noch nach Lingen, wo das angereicherte Uranhexafluorid in der Brennelementefertigungsanlage weiter verarbeitet wird zu Brennelementen, die dann in AKWs zum Einsatz kommen. Ziel des angereicherten Urans sind aber auch weltweit verschiedene Brennelementefabriken. Der Abfall, das abgereicherte Uran, wurde in großen Mengen nach Russland exportiert und geht derzeit massig nach Frankreich. Insgesamt sind die Transportwege des Urans schwer zu ergründen und oft unlogisch.

Das heißt: Es besteht ein völliger Mangel an Transparenz. Wie gefährlich sind die Transporte?
Hochgefährlich. Sie fahren in aller Regel ohne Polizeischutz über Autobahnen und mit der Bahn durch zum Teil dicht besiedelte Gebiete. Es ist ein Wunder, dass bisher kein größerer Unfall passierte. Mindestens zwei Mal schrammten wir haarscharf an einer Katastrophe vorbei: Vor einigen Jahren passierte ein Uran-Transport einen Bahnübergang zwischen Münster und Gronau. Doch die Schranke war defekt, sie ging nicht runter. Es war nachts, der Zug war seitlich nicht beleuchtet. Beinahe wäre ein Auto in den Zug gefahren. Und in den Niederlanden wurde ein LKW-Konvoi mit Uranhexafluorid auf dem Weg vom Hafen in Rotterdam zur niederländischen UAA in Almelo in einen Auffahrunfall verwickelt – zum Glück ohne Uranfreisetzungen.

UAA und Udo Lindenberg
Zwei Udos aus Gronau, beide UAA-Gegner: Udo Buchholz, 48, ist seit 1981 als zentrale Figur im Widerstand gegen die Urananreicherung aktiv. Der einstige Grünen-Politiker fungiert zudem als Fraktionsvorsitzender der parteiunabhängigen Grün Alternativen Liste im Rat der Stadt Gronau und ist Pressereferent des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU). Der andere Udo heißt mit Nachnamen Lindenberg, ist von Beruf Rockstar und mittlerweile wohnhaft in Hamburg. Sein Motto: »Das Übel an der Wurzel packen: Atommüll verhindern, bevor er entsteht! Urananreicherung in Gronau stoppen!«
Münster hat rund 280.000 Einwohner. Der Hauptbahnhof ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Wie könnte sich ein Transportunfall dort auswirken?
In bestimmten Situationen kann ein Transportzug Feuer fangen und Urancontainer könnten bersten. Dann wird Radioaktivität frei gesetzt. Ich habe großen Respekt vor der Feuerwehr. Aber auf solch eine Katastrophe ist sie nicht vorbereitet. Wie sollte sie auch?

Die Feuerwehr versprüht dann natürlich Löschwasser, das mit dem Uranhexafluorid reagiert. Also entstünde Flusssäure.
Das kann durchaus passieren. Die Hilfskräfte an der Strecke wissen nicht, welcher Transport da unterwegs ist. Sie werden schlicht nicht vorab informiert. Wenn es brennen sollte, sehen sie einen brennenden Güterzug im Hauptbahnhof – und halten möglicherweise mit Wasser drauf.

Gibt es denn keine Gefahrenzeichen?
Doch, und sie zeigen an, dass nicht mit Wasser gelöscht werden darf. Aber die Schilder sind aus Kunststoff – und in Sekundenschnelle verbrannt. Aber selbst wenn die Feuerwehr die Gefahr erkennen sollte, gäbe es ein weiteres Problem: Das Feuer müsste mit Schaummaterial bekämpft werden. Das ist aber nicht überall vor Ort vorhanden.

Das heißt unter dem Strich?
Bei einem solchen Transportunfall ist eine Großkatastrophe vorprogrammiert.

Wie viele Uran-Transporte von und nach Gronau finden pro Jahr statt?
Das ist uns nicht ganz genau bekannt. Wir kriegen es oft nur durch Zufall mit. Beobachtungen der UAA und die Auswertung von Parlamentsanfragen runden das Bild ab. Meine Schätzung: Es gehen etwa im Zweiwochen-Takt Transporte mit Sonderzügen rein oder raus. Dazu kommen noch zahlreiche LKW-Transporte.

Die UAA taucht im schwarz-rot-grünen Atomausstiegs-Kompromiss nicht auf, obwohl die rot-grüne NRW-Landesregierung das forderte. Warum nicht?
Ich vermute, dass der Einfluss des Betreibers zu groß war. Immerhin stecken RWE und E.ON dahinter. Das Motto lautete wohl: Wir können auf ein paar Alt-AKWs verzichten, aber nicht auf die Urananreicherung. Die hat schließlich eine enorm hohe Bedeutung für die Energiekonzerne: Sie liefert Uran für die eigenen AKW, sie liefert Uran in alle Welt und sichert damit Profite.

Wenn alles gut geht, wird das letzte deutsche AKW 2022 abgeschaltet. Wie lange wird noch Uran in Gronau angereichert?
Das ist eine schwierige Frage. Prinzipiell bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Anders als bei den AKW gibt ja es keinerlei Laufzeitbegrenzung für die UAA. Rot-Grün hatte in NRW zwei Jahre lang Zeit, die UAA dicht zu machen. Wenn Rot-Grün die Landtagswahl gewinnt, muss man sehen, wer Wirtschafts- und Energieminister wird. Der bisherige Amtsinhaber, der Sozialdemokrat Harry Voigtsberger, hat sich nicht gerade mit Stilllegungsplänen hervor getan, auch wenn er sich öffentlich als UAA-Kritiker aufspielt. Die Anti-AKW-Bewegung muss weiter Druck erzeugen, und das wird sie auch garantiert machen – unabhängig von der Farbmischung der nächsten NRW-Landesregierung.

Gronau 4
Vor 25 Jahren legte eine rot-grüne Landesregierung im hessichen Hanau mehrere Atomanlagen still. Rot-Grün in NRW hingegen verdreifachte die Produktionskapazität der Gronauer UAA.
Haben Sie eigentlich schon mal Einblick in Urencos Sicherheitspläne nehmen können?
Vor einigen Jahren fand in Gronau ein Vorstandstreffen des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz statt, dem ich auch angehöre. Das Tagungshotel lag in der Nähe der UAA. Also entschlossen sich einige Vorstandsmitglieder zu einer spontanen Aktion. Urenco muss als Anlagenbetreiber jederzeit seinen Sicherheitsbericht vorweisen können. Den kann sich prinzipiell jeder anschauen. Also sind wir einfach spätabends zur Anlage spaziert und haben beim Pförtnerhaus geklingelt.

Der Wachdienst war bestimmt begeistert vom späten Besuch.
Nicht wirklich. Er ließ uns nicht rein, rief stattdessen die Polizei. Unverrichteter Dinge gingen wir zum Hotel zurück. Da kamen uns Streifenwagen entgegen. Die Polizisten wollten uns kontrollieren. Nun war ich aber persönlich bekannt mit dem Einsatzleiter, dem ich unser berechtigtes Anliegen erklären konnte. Wir kehrten mit der Polizei zurück zur UAA, wo dann quasi mit Polizeischutz zwei Leute von uns den Sicherheitsbericht einsehen durften. Einer der beiden ist Mitglied der Kommission für Anlagensicherheit beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.

Was war das Ergebnis der Lektüre?
Der Sicherheitsbericht war veraltet und schlicht nicht auf dem neuesten Stand. Urenco versuchte das später in der Lokalpresse damit zu entschuldigen, dass der Pförtner bei spätem Besuch schon mal versehentlich den falschen Bericht heraus geben könnte.

Wären Sie mal besser tagsüber vorbei gekommen...
Wenn es nachts zum Ernstfall kommt, muss die Feuerwehr auch an die aktuellen Informationen kommen. Unser Besuch hat uns nochmals eindrücklich verdeutlicht, wie nachlässig Urenco die Sicherheit handhabt.

Als ich vor zwölf Jahren zum ersten Mal vor Ort recherchierte, schwankte ich zwischen Staunen und Entsetzen. Direkt neben der UAA ist beispielsweise die Kleingartenanlage Ostland e.V. beheimatet. Dort wird Obst und Gemüse angebaut, im Vereinsheim genießen die Kleingärtner ihr Pilsken, als wäre es das Normalste auf der Welt. Warum ist das so?
Nicht nur die Kleingärtner, sondern viele Gronauer Vereine bekommen Spenden von der Firma Urenco. Ein paar hundert Euro sind nicht viel Geld für Urenco, für einen kleinen Verein durchaus. Der Ostland e.V. bekam laut Presse eine Gartenpumpe geschenkt. Soziale, kulturelle, Sport-Vereine – sie alle nehmen Geld von Urenco, fast keiner lehnt es ab. Ich kann mir vorstellen, dass mancher Vereinsvorsitzende seinen Vereinsmitgliedern davon abrät, allzu UAA-kritisch zu sein. Auch deswegen hielt sich der Protest der Gronauerinnen und Gronauer bisher in Grenzen.

Der Widerstand gegen die UAA sei ein »Dauerbrenner auf Sparflamme«, schrieben Sie vor ein paar Jahren. Ist das immer noch der Fall?
Wir organisieren ständig Aktionen, Mahnwachen, Ostermärsche und Unterschriftensammlungen. Udo Lindenberg, der aus Gronau stammt, solidarisiert sich mit unserem Protest. Insofern sind wir weiterhin ein Dauerbrenner – und den Widerstand gibt es kontinuierlich seit 1976! Neu ist: Zunehmend kommen lodernde Stichflammen hinzu. Nach der Fukushima-Katastrophe verzeichnen wir einen großen Zulauf: Zum Ostermarsch 2011 kamen 15.000 Menschen nach Gronau, um für die sofortige Stilllegung der UAA und aller Atomanlagen weltweit zu demonstrieren. Selbst Minister Voigtsberger will dabei gewesen sein, auch wenn ich persönlich das nicht glaube. Zum Fukushima-Jahrestag am 11. März kamen immerhin 4000 Demonstranten. Nach einem Störfall würden auch wieder viele Menschen auf die Straße gehen.

Moment: Sie sehnen sich einen Störfall herbei?
Nein, natürlich nicht. Ich wohne nicht weit von der Anlage entfernt. Ein Störfall könnte auch für mich tödlich sein.

Surftipps: