Von Heidi Diehl
14.04.2012

Berliner Schnauze und Berliner Leibgericht

Eine Stadtrundfahrt durch Deutschlands Hauptstadt hält auch für Einheimische so manche Überraschung parat

1
Vor dem Brandenburger Tor geht's zu wie im Disneyland, gegenüber Erinnerungsfotos mit den fahneschwenkenden »Allierten« ...

»Berliner reden schnell und viel«, begrüßt Daniela die Gäste, die sie auf einer Stadtrundfahrt als Guide begleiten wird. Sie hätte nicht anfügen müssen, dass sie eine echte Berlinerin ist - denn Daniela redet sehr schnell und sehr viel. Als hätte sie sich vorgenommen, die fast 1000-jährige Geschichte der Stadt in drei Stunden komplett zu erzählen. Selbst eine seit fast drei Jahrzehnten hier lebende Wahlberlinerin kann darüber nur stauen.

2
... hat der Berliner Bär das Nachsehen.

Los geht's auf dem Kudamm, der (West)Berliner Luxusmeile, vorbei an der Gedächtniskirche, die »außen keene Schönheit, aber innen eener der meditativsten Orte der Stadt« ist. Ein Stückchen weiter macht Daniela auf den U-Bahnhof Wittenbergplatz aufmerksam. »Det is nich nur een schöner Bau, sondern ooch eene von die ältesten U-Bahn-Stationen«, plaudert sie flink. Und erzählt, dass die elektrische U-Bahn in Berlin erfunden wurde, von Werner Siemens, der 1880 den Vorschlag machte, eine Hoch- und Untergrundbahn zu bauen. Doch unter die Erde traute man sich nicht gleich, »wejen det viele Jrundwassar«. Erst 1902 ging die erste Linie zwischen Stralauer Thor und Zoologischem Garten in Betrieb. Heute gibt es zehn Linien mit 146 Kilometer Länge und 173 Bahnhöfen, von denen 139 unterirdisch liegen.

f0acbecbe9b4d44bb951705f013f3a63.jpg
Im Currywurst Museum tickt die Uhr die - großzügig geschätzten - »verputzten« Currywürste weg...

Schräg gegenüber der U-Bahn-Station steht das KaDeWe, mit 60 000 Quadratmeter das drittgrößte Kaufhaus der Welt. Die Attraktion des 1906 erbauten Gebäudes ist die Feinschmeckeretage im 6. Stock. »Da ham se de Wahl zwischen 200 Brot- und Tortenarten, 1200 Sorten Wurst, 1300 vaschiedenen Käsearten, 3400 Weinen, 100 Kaffee- und 350 Teesorten.«

23b3f2c1dd79ad2145263b16f5d3f546.jpg
... da dürften die Kostevarianten aus dem Museum mit eingeschlossen sein.

Ham wa nich, jetzt jedenfalls nicht, weil der Bus weiterrollt in Richtung Tiergarten, »Berlins jröste jrüne Lunge«, 210 Hektar groß. Einst als königliches Jagdrevier genutzt, verfügte Friedrich II. 1742, die Zäune niederzureißen und einen Lustpark für die Bevölkerung anzulegen. Das ist der Tiergarten bis heute, »nur ihre Bratwurst müssen se jetzt woanders grillen, det is dort ab 2012 nämlich vaboten«.

Nur ein paar Minuten von hier liegt das »Neue Kulturforum«, dessen Existenz der Teilung Berlins geschuldet ist. Denn nach dem Mauerbau war Westberlin »über Nacht jewissermaßen kulturlos«, weil das kulturelle Zentrum im Osten Berlins lag. Philharmonie, Kunstgewerbemuseum, Gemäldegalerie, Nationalgalerie - alles entstand im Westen neu. »Heute ham wa janz viel doppelt, Opernhäuser sogar dreie. Keene Stadt der Welt kann sich so wat leisten. Wir ooch nich, aver wir ham se«, erzählt Daniela. Und schon sind wir am Potsdamer Platz. Einst war er eine der belebtesten Ecken Berlins, nach dem Bau der Mauer totes Niemandsland, ab 1995 wurde er neu bebaut und ist heute eine Art Musterbaukasten für moderne Architektur. »Viele Stadtführer bezeichnen ihn als ›The Place to be‹, avar det hat sich wohl noch nich durchjesetzt.«

Wo denn die Mauer gewesen sei, möchte eine japanische Touristin wissen und guckt ganz ungläubig, als ihr Daniela erklärt: »Wir fahrn jetzt jenau uff de Mauer lang. Wenn se jradeaus kieken, sehn se nüscht, kieken se uff de Straße, sehn se ne Pflastersteinlinie. Da ist de Mauer jewesen.«

Eine Weile quält sich der Bus durch den zähen Vormittagsverkehr der Leipziger Straße in Richtung Check Point Charlie. Der ehemals berühmt-berüchtigte Grenzübergang »is heute nur noch een jroßer Rummelplatz«. Hier stoppt der Bus kurz und entlässt die Gäste ins Berliner Disneyland. Zwei mit Uniformen aus dem Fundus stehen vor einem ehemaligen Kontrollhäuschen, davor liegen Sandsäcke. Für gutes Geld kann man sich mit den zwei Typen fotografieren lassen, wenn man noch etwas drauflegt, erhält man sogar noch einen echten Tagesstempel vom Check Point in den Reiseführer. Der Andrang hält sich in Grenzen, ganz anders als im benachbarten Mauermuseum. Dort stehen vor allem Jugendliche bis auf die Straße nach Eintrittskarten Schlange. Keine Ahnung, was sie sich erhoffen.

Durch die Friedrichstraße, wo es »mal mehr Kneipen als Hausnummern jab«, die aber heute leider zur teuren Einkaufsstraße mutiert ist, geht's weiter zum Gendarmenmarkt, der in Reiseführern gern als »schönster Platz der Stadt« bezeichnet wird. Dass er im Zweiten Weltkrieg vollkommen zerstört war, will man kaum glauben. In alter Schönheit wurden das Konzerthaus sowie der Deutsche und Französische Dom wieder aufgebaut. Hier würde man sich gern eine Pause gönnen, doch der Bus rollt weiter zum Brandenburger Tor, dem bekanntesten Berliner Wahrzeichen. Wer hier nicht war, war nicht in Berlin, und so wundert es nicht, dass es ähnlich rummelig zugeht, wie am Check Point Charlie, Uniformierte, mit denen man für Geld Fotopose stehen kann, eingeschlossen. Da hat's der Berliner Bär schwer. Nur ein paar kleine Kinder bevorzugen ihn fürs Erinnerungsfoto.

»Unter den Linden« entlang führt die Reise weiter Richtung Alex, vorbei am abgerissenen Palast der Republik, in dessen riesigen Scheiben sich der Berliner Dom so schön spiegelte. Mit dem übrigens wollte sich der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II., ein Denkmal setzen lassen und hoffte, einst dort begraben zu werden, woraus bekanntlich nichts wurde. Er starb 1941 im holländischen Exil, nicht ohne vorher verfügt zu haben, erst nach Deutschland zurückkehren zu wollen, wenn dort wieder die Monarchie herrscht. »Da kanna wohl ewich warten«, so Daniela, und wendet sich dem Berliner Fernsehturm zu. 365 Meter hoch war er, als er in den 60er Jahren gebaut wurde. »Für jeden Tag des Jahres een Meter, det wollte Ulbricht so, damit sich jeder die Höhe merken kann.« In den 90er Jahren wuchs er noch mal um drei Meter, höchstes Gebäude Deutschlands war er aber schon zuvor.

Der Bus fährt noch zu manch anderer Sehenswürdigkeit: zur East-Site-Galery, dem bunt bemalten Mauerreststück mit dem berühmten Honecker-Breshnew-Kuss; zum alten Reichstag und zum neuen Kanzleramt, »det acht Mal so jros wie's Weiße Haus is«; zum Schloss Charlottenburg, das Friedrich III. seiner Gemahlin Sophie Charlotte schenkte, »die war eine Party-Queen und hat hier schon mal drei Wochen am Stück jefeiert«; zum Messegelände und zum Funkturm, »Langer Lulatsch jenannt«, von wo aus 1935 das weltweit erste Fernsehprogramm ausgestrahlt wurde; vorbei am Denkmal des nackten olympischen Reiters auf dem Steubenplatz, »im Volksmund ooch als letzter flüchtender Steuerzahler bezeichnet«, hin zum Olympiastadion und zurück über die Avus, die einst schnellste Rennstrecke der Welt wieder zum Kudamm.

Hier endet die Tour, Daniela hat endlich »Sendepause«, und ihre Gäste können sich den Rest des Tages das genauer anschauen, was ihnen bei der rollenden »Katalogpräsentation« zu kurz gekommen war.

Zum Beispiel das Berliner Currywurst Museum, eine Hommage an das angebliche Leibgericht der Berliner. Es liegt nur zwei Querstraßen vom Check Point Charlie entfernt, doch anders als dort, geht es selbst in der besten Mittagszeit hier sehr entspannt zu. Das im Sommer 2009 auf 600 Quadratmetern eröffnete Museum bezeichnet sich ganz unbescheiden als »interaktive Erlebnisausstellung«, was insofern stimmt, dass man sich Songs um die Kultwurst aus Ketchupflaschen anhören, die Nase in Gewürzdosen stecken, eine Imbissbude sehen, sich Filmausschnitte angucken kann, in denen die Leute Currywust futtern - oder, auf einem Riesenwurstsofa sitzend, auf einem Monitor verfolgen kann, wie die Wurst entsteht. Da es aber bekanntlich vor allem auf die Soße ankommt, ist deren vermeintlicher Erfinderin, Herta Heuwer, ein Teil des Museums gewidmet. Die Charlottenburgerin soll am 4. September 1949 eine Soße aus Tomatenmark und zwölf indischen Gewürzen zusammengerührt und mit einer kross gebratenen Brühwurst mit Darm serviert haben. Bald war die Mischung in aller Munde, zehn Jahre später ließ die geschäftstüchtige Frau ihr »Chillup« (abgeleitet aus Chili und Ketchup) beim Münchner Patentamt registrieren. Dass Herta Heuwer die Erfinderin der Currywurst ist, bestreiten andere aber, in Hamburg soll es diese schon 1947 gegeben haben.

Dieser Streit interessiert eingefleischte Fans des Kult-Fast-Foods indes nicht die Bohne. Sie schwören eher auf ihre Lieblingsimbissbude. Im Osten Berlins ist wohl »Konnopke« im Prenzlauer Berg nach wie vor die angesagteste Adresse, im Westen sind es »Curry 36« in Kreuzberg, »Krasselts« und »Zur Bratpfanne« in Steglitz, »Wittys Imbiss« in Schöneberg und »Bier's Kudamm 195« in Charlottenburg. Im Museum selbst gibt es die Wurst in zig Varianten. Für Einsteiger empfiehlt sich die Dreiervergleichskollektion. Und für Vegetarier die Tofu-Currywurst. Ist eben alles Geschmackssache.

  • Infos: Visit Berlin, Am Karlsbad 11, 10785 Berlin, Tel.: (030) 25 00 23 33 (kostenfrei), E-Mail: info@visitberlin.de, www.visitberlin.de
  • Stadtrundfahrten: Info-Hotline: (030) 880 41 90, www.berlinerstadtrundfahrten.de
  • Currywurst Museum: Schützenstr. 70, 10117 Berlin (U-Bahn U 6 bis Kochstr., U 2 bis Stadtmitte), geöffnet täglich 10 bis 20 Uhr (letzter Einlass), Tel.: (030) 88 71 86 47, E-Mail: info@currywurstmuseum.com, www.currywurstmuseum.com
  • Man kann die Stadtrundfahrt incl. Currywurstmuseum auch bei DERTOUR über den Städtereisenkatalog buchen, Tel.: (01805) 33 76 66 (0,14/min aus dt. Festnetz), www.dertour.de

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken