Von Hans-Dieter Schütt
17.04.2012

Das rote Lederjäckchen

Volker Kauder zu Gast bei »Gregor Gysi trifft Zeitgenossen« am Deutschen Theater Berlin

Gysi war ausgesprochen höflich. Denn man stelle sich vor, er hätte schon am Anfang des Gesprächs - und nicht erst zum Schluss - den Politikerkollegen Kauder von dessen Liebe zu roten Lederjäckchen plaudern lassen. Man halte sich das vor Augen! Kein Wort wäre doch von der Bühne gekommen, ohne dass man den Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion fortan ins rote Lederjäckchen geschnürt gesehen hätte. Vielleicht nicht geschnürt, sondern eher betont lässig, ja kühn oppositionell. Kühnheit freilich nur in dem Maße, wie ein Jäckchen das zulässt.

Es wäre dabei übrigens ein logischer Eindruck entstanden: vom Mühen des CDU-Mannes um einen sichtbaren Widerspruch zu sich selbst. Das rote Lederjäckchen, wahrscheinlich Bundjacke und hochgeschlagener Kragen - wir müssen jetzt noch eine Winzigkeit im neckisch Textilen verweilen - steht als eine Art Freizeit-Aufhilfe für jenes Bild des Abweichenden, das ansonsten in diesem ordentlichen Leben keinen Platz hat.

Ein ordentliches Leben, ja. Und ein wertbewusstes Leben, mit Sinn für Tempo. Bundeswehr: Grundwehrdienst, zack, Fähnrich - »war ganz gut für die Entwicklung des Pflichtgefühls«. Jurastudium: zack, zack; quasi kein Fehlsemester (»vom Vater hätte ich nach einer bestimmten Zeit Studium kein Geld mehr bekommen«). Immer irgendwie zack, zack, ohne dass dieses Wort fällt. »Wo ich bin, dort bringe ich mich ein.«

Großes Verständnis hatte Kauder für die Achtundsechziger; deren Aufbegehren war richtig, es richtete sich »gegen die Generation, die sich ihrer Verantwortung für das, was mit Deutschland geschehen war, nicht freiwillig stellte« - später im Gespräch wird Kauder ergänzen: »Weimar ging nicht an zu vielen Nazis zugrunde, sondern an zu wenig aufrechten Demokraten.« Viel Verständnis also für die rechenschaftsharten Achtundsechziger. Aber wenig Verständnis für deren »Bambule«. Proteste, »Kreidestückchen und nasse Schwämme werfen, bitte schön, aber nicht während der Vorlesungen und Seminare« - so was stand quer zum Zack, Zack. Der deutsche Zivilgesellschaftskampf hält Dienstzeiten ein!

Viel Strebsamkeit also. Bravheit des Geduldsweges. Ochsentour, sagen dazu manche. Vorwärts und nur nicht zu besessen. Frühe CDU-Mitgliedschaft wird dem Aufstrebenden zur Allwetterkleidung fürs ganze Leben. Jetzt fallen auch biografische Stationenbegriffe wie Referendariat, Dezernat, Landesverwaltung, stellvertretender Landrat, Kreisverband, Landesgruppe, Generalsekretär, Geschäftsführer. Wortschatz möchte man dazu nicht sagen. Wenig Glanz. Eher graues Vokabular - das ruft ja wirklich nach rotem Lederjäckchen.

Volker Kauder, am Sonntag zu Gast bei »Gregor Gysi trifft Zeitgenossen« am Deutschen Theater Berlin, erzählt locker und selbstüberzeugt von diesem Dasein eines (wirklich!) redlichen, wohl ganz und gar glücklichen Parteiorganisators. Der Wahlkreis als Heimat. Der Sitzungsmarathon als olympische Disziplin. Der Politiker reist nicht gern, aber so einer braucht vielleicht gar keine vier Himmelsrichtungen, wenn nur immer die jeweilige Beschlussrichtung stimmt.

Kauder, 1949 in Hoffenheim geboren, ist aber eher ein Fan des FC Bayern München. Manchmal geht er in Berlin zum 1 .FC Union - schön für den CDU-Mann, wie es da im Stadion transparentgroß prangt: »Eisern Union!« Er ist Sohn Vertriebener, die nach dem Krieg aus dem Grenzgebiet von Ungarn und Jugoslawien nach Deutschland kamen (man hat eine Verwandte, um sie sicher durch Gegenden und Zeiten der Massenvergewaltigungen zu bringen, sogar im geschlossenen Sarg transportiert). Die Mutter verwand den Verlust der Heimat nie. Angst vor den Russen, aber: »An allem, wirklich an allem sind die Nazis schuld!«.

Der Baden-Württemberger entwickelte - Gysi staunt - sehr, sehr früh ein Gefühl fürs Nationale. Was bei anderen Politikern eher Altersreflex ist (»die Deutschen in Ost und West sind eine Schicksalsgemeinschaft«), das war Kauder ein Jungbrunnen; einmal, im Bus an einem Thüringer DDR-Grenzübergang, wollte er schon »Freiheit« rufen, ließ es aber. Das wäre so was wie ein Rotjäckchen der Rhetorik gewesen ...

Die deutsche Einheit also. Dankbarkeit, im Westen aufwachsen zu dürfen; immer die Sorgenfrage, warum »denen drüben« die Freiheit verwehrt wird und sie »ein aufgezwungenes Leben« führen müssen. Volker K. kämpfte für die Einheit, »wir hatten eben Ideale«. Eine Frau im Publikum: »Wir auch!« Klar erkennbar: eine Stimme aus dem Osten. Kauder wird als seinen Grundsatz benennen: »Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit«, aber er kann den Hochmut nicht verbergen, der davon ausgeht, alle DDR-Bürger seien schon immer heimliche Bundesbürger gewesen.

Der Hochmut lächelt, ist nicht mal unsympathisch, offenbart aber dennoch eine Begrenztheit der Ansichten, die in Kopplung mit der Macht für klare Ansagen sorgt: Die wohlhabende politische Klasse lebt ihre Welt, und selbst wenn Kauder von seinen Verwaltungslehrjahren sagt, er habe »alles kennengelernt, was Leben heißt« - es war badisches, württembergisches Leben, es war eine Einübung (zack, zack) ins Ordentliche, Normtreue, Fleißige, Betriebsame, Folgsame westlicher Provenienz. Alle Wege nur, um im Rahmen zu bleiben. So bekommt jeder gestandenen Politiker irgendwann auch etwas von einem abgestandenen Politiker.

Von der CDU sagt er, sie sei »keine christliche Partei«, sondern eine Partei, deren Politik auf einem »christlichen Menschenbild« beruht. Als die Frage der Kanzlerkandidatur stand, Stoiber oder Merkel, ging Kauder zur Kandidatin und teilte ihr mit, seine Zweifel in sie seien zu groß: eine Frau, eine Ostdeutsche. »Schade«, habe Merkel geantwortet. Als sie Kanzlerin wurde, machte sie ihn trotzdem zum Generalsekretär. »Wahrscheinlich, weil ich ehrlich zu ihr war. Es geht immer um Offenheit, gerade im Widerspruch zu einer anderen Position.« Was ihn am Politikbetrieb stört: »Zu viele Fragen, denen Wichtigkeit unterschoben wird, sind nur Ablenkungsfragen, also Machtfragen.«

Gysi und Kauder. Ein Gespräch über politische Unverträglichkeiten hinweg. Kauder stichelt, Gysi reagiert sanft; wenn er annimmt, jetzt selber etwas zu heftig zu sein, will er sogar den Arm Kauders berühren. Ein Friedenswunschdisput. Aber der CDU-Politiker kann nicht vermeiden, dass er, über seine Arbeit redend, ganz selbstverständlich auch ins Phrasieren gerät. Er, der Jurist, hat sich nie vorstellen können, als Anwalt zu arbeiten. »Mir lag es nicht, mich übermäßig in die Details einer einzigen Sachfrage zu vertiefen, ich wollte gestalten.« So kann man Politik auch erklären: sich sesshaft machen auf den Allgemeinplätzen.

Und der Ton kommt immer wieder ganz unangestrengt aus der Gewissheitsgegend. Ja, Christuskreuze in den Schulen. Nein, der Islam gehört nicht zu Deutschland (was stimmt, wenn man Sprache genau nimmt: Was zu einem »gehört«, ist quasi Geist- und Leibteil - wer kann das schon vom Islam sagen?). Beifall, als Kauder sagt, Kinder seien am ungeschütztesten in diesem Land. Und traurig, dass viele in einer »vaterlosen« Gesellschaft aufwachsen. Daher ist er auch gegen die Adoption von Kindern in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Es sei doch schlimm, wenn zum Beispiel ein Kind in einer solchen Beziehung in der Schule gestehen müsse, es habe keinen Vater. Aufgebrachter Zwischenruf aus dem Publikum: »Hauptsache, ein Kind wird geliebt!« - »Sag ich doch!«, sagt Kauder. Weit weg jetzt von der Sorge von Menschen, die sich als Außenseiter fühlen müssen und denen dieser Politiker des 21. Jahrhunderts erscheinen muss als Vertreter einer Macht des kalten, Traditionalismus, des klerikal angehauchten Gesetzgebenden, des maßgebend Biederlichen. Da etwas zu mildern im Eindruck - es hülfe wohl nicht einmal ein Lederjäckchen.

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