Von Thilo F. Papacek
17.04.2012

Unmut über den saudischen Chaco

Der arabische Ölgigant will in Argentinien Land pachten, um Lebensmittel für seine Bevölkerung zu produzieren

Im Norden Argentiniens möchte die Provinzregierung riesige Flächen an ein saudi-arabisches Unternehmen verpachten. Die Bevölkerung befürchtet Schlimmstes.

Der Name des Orts klingt nicht gerade einladend: El Impenetrable, der Undurchdringliche. Das Departamento in der Provinz Chaco im Nordosten Argentiniens bekam den Namen für den scheinbar undurchdringlichen Chaco-Buschwald, der hier überall wächst. Doch wenn es nach Jorge Capitanich und der Al-Khorayef-Gruppe geht, soll sich das bald ändern.

Jorge Capitanich ist der Gouverneur der argentinischen Provinz Chaco und Al Khorayef ein Unternehmen aus Saudi-Arabien. Zusammen wollen sie in El Impenetrable, einem besonders armen Teil der ohnehin armen Provinz Chaco, ein riesiges Latifundium aufbauen, um Lebensmittel für Saudi-Arabien produzieren. Über 200 000 Hektar Land sollen dem saudischen Unternehmen geliehen werden, damit es Saudi-Arabien mit Sorghum, einer Hirseart, sowie Weizen und Rindfleisch versorgen kann.

400 Millionen US-Dollar will das Unternehmen investieren, die von der Saudischen Entwicklungsbank kommen sollen. Dies entspricht dem Gedanken der »König-Abdullah-Initiative für Ernährungssicherheit«. Die saudische Regierung rief diese Initiative 2010 ins Leben - als strategische Reaktion auf den zu erwartenden Anstieg der Lebensmittelpreise in den nächsten Jahrzehnten. Um die Ernährungssicherheit des von Lebensmittelimporten abhängigen Landes in der Zukunft zu garantieren, fördert die saudische Regierung langfristige Investitionen saudischer Unternehmen in die Landwirtschaft in anderen Teilen der Welt. Insbesondere in Ostafrika hat dies bereits soziale Probleme und Konflikte verursacht. Nun also auch in Südamerika, in Argentinien. Gegen das argentinisch-saudische Vorhaben wehrt sich die Bevölkerung von El Impenetrable. Verschiedene Gewerkschaften, Gruppierungen von Kleinbauern und Indigenen sowie Menschenrechtsorganisationen verfassten eine gemeinsame Protestnote gegen das Abkommen ihrer Regierung mit dem saudischen Unternehmen und kündigten Widerstand an.

Viele Aktivisten im Chaco kritisieren, dass das Abkommen gegen ein argentinisches Gesetz verstoße, dass im Dezember verabschiedet wurde. Es beschränkt den Landbesitz von ausländischen Firmen und Privatpersonen auf höchstens 1000 Hektar. Da das Staatsland in El Impenetrable nicht verkauft werde, sei dies aber kein Problem, so die Verteidiger des Abkommens. Ramón Vargas, Geologe und Aktivist sieht das anders. »Effektiv wollen sie den Chaco dem Königreich Saudi-Arabien überlassen«, schreibt er in einer Presseerklärung.

Das Hauptargument der Kritiker ist, dass die Flächen, die die Provinzregierung verleihen will, bearbeitet werden und daher einen Besitzer haben. Dass sie noch keine Landtitel hätten, läge an der Untätigkeit der Regierung, die es versäume, Dokumente auszustellen. Ebenso ungeklärt ist, wie viel des Staatslandes eigentlich den indigenen Ethnien des Chaco zusteht. Die Ethnien der Quom, Toba und Wichi verlangen über 600 000 Hektar Land von der Chaco-Regierung, da es historisch ihnen gehöre.

Ob das Projekt überhaupt funktionieren würde, ist fraglich. In der Region regnet es meist nur einige Wochen im Jahr, im Sommer können die Temperaturen auf bis zu 60 Grad ansteigen. Zudem ist die Bodenqualität extrem unterschiedlich. Doch selbst im Falle eines Nichtzustandekommens des Vertrages wären die Folgen für die Region fatal. Es drohen Vertreibung und Umweltzerstörung. Angesichts dieser Gefahren können die Bewohner des Chaco nicht einfach hoffen, dass die saudischen Investoren scheitern und wieder abziehen. Die sich häufenden Treffen von Interessenten in der Provinz zeigen jedoch, dass sie das offenbar auch nicht vorhaben.

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