17.04.2012

Alle erwarten die perfekte Show

Olympiasieger Jonathan Edwards kümmert sich in London um die Athleten

Der gebürtige Londoner Jonathan Edwards ist immer noch Weltrekordler im Dreisprung, obwohl der erste 18-Meter-Springer der Welt schon 2003 seine Karriere beendete. Mittlerweile ist der Olympiasieger von 2000 Athletenvertreter im Organisationskomitee der Olympischen Spiele Londons. 100 Tage vor der Eröffnungsfeier sprach Oliver Händler mit ihm.

nd: Herr Edwards, spüren Sie derzeit mehr Stress oder mehr freudige Aufregung?
Edwards: Das kommt ganz auf den Tag an. Es ist vergleichbar mit meiner Olympiavorbereitung als Athlet vor einigen Jahren. Vier Jahre plant man alles, und kurz vorher beginnt die Zeit plötzlich wegzufliegen. Jetzt bin ich allerdings Teil eines großen Teams, das sich um Millionen Dinge kümmern muss. Früher waren es immer nur Hop - Step - Jump. Der Druck ist sehr groß. Von uns wird nicht weniger als die perfekte Show erwartet.

Haben Sie mal daran gedacht, wieder ins Training einzusteigen?
Vor fünf Jahren hätte ich noch meinen rechten Arm dafür gegeben, vorm Heimpublikum zu springen. Ich habe Cathy Freeman 2000 in Sydney erlebt. Der Sieg der Aborigine über 400 Meter war inspirierend. Nun habe ich über Jahre an einem großen Projekt gearbeitet. Da will ich nirgendwo anders sein. Auch im Organisationskomitee LOCOG fühle ich mich als Teil des britischen Teams.

Können Sie als Athletenverantwortlicher versprechen, dass sich die Sportler in London wohl fühlen werden?
Der größte Teil meiner Arbeit lag im Athletendorf. Die Sportstätten werden von den Fachverbänden betreut. Da wird alles klappen. Am Ende ist ein Schwimmbecken ein Becken und eine Radrennbahn nur eine Radrennbahn. Die meiste Zeit verbringen die Athleten aber im Dorf, und da haben wir auf jedes Detail geachtet. Vom Transport ab Flughafen bis zum W-LAN-Empfang auf dem Zimmer. Jeder bekommt einen Fernseher, auf dem er den Olympiakanal sieht. Wir haben die Matratzen getestet, die Stühle und das Essen. Dazu kommt die Nähe zu vielen Stadien und einem tollen neuen Einkaufszentrum. Dem Olympischen Dorf wurde noch nie so viel Aufmerksamkeit gewidmet wie in London.

Indien hatte gegen einen großen Sponsor der Spiele, Dow Chemicals, protestiert. Der Konzern hat die Firma Union Carbide gekauft, die für die Giftkatastrophe in Bhopal 1984 verantwortlich war. Wie groß ist Ihre Sorge vor einem Boykott indischer Athleten?
Die ist nicht sehr groß. Ich denke ohnehin, dass die Spiele eines der größten Weltereignisse sind, in deren Umfeld die Leute ihre Bedenken äußern können. Das passiert ja bereits. Ich glaube trotzdem, dass die Inder kommen.

Der Protest eines Mannes während des Ruderrennens zwischen Oxford und Cambridge hat die Sicherheitsdebatte wieder entfacht. Wird London zum Hochsicherheitsgebiet?
Die Sicherheit wird unser Hauptaugenmerk sein. Athleten und Fans sollen aber auch keine Angst haben. Deshalb werden nicht überall sichtbar Polizisten und Armee patrouillieren. So machen wir das nicht in Großbritannien. Es wird diskreter ablaufen.

Das LOCOG steht in der Kritik, da die Gesamtkosten von 2,4 Milliarden Pfund (etwa 2,9 Milliarden Euro) in der Planungsphase mittlerweile auf fast 10 Milliarden gestiegen sind. Manche Posten seien sogar herausgerechnet. Was entgegnen Sie?
Wir gehen verantwortungsvoll mit dem Geld um. Jüngsten Prognosen zufolge bleiben wir sogar um eine halbe Milliarde unter unserem Budget. Die ursprünglichen Planungen galten im Wesentlichen nur für die Durchführung der Spiele. Nun kamen große Investitionen in der Neugestaltung des East Ends von London hinzu. Diese werden sich in den kommenden Jahren im Tourismus, der Bildung und im Sport noch rechnen. Außerdem: Das Gesundheitsministerium gibt jährlich 110 Milliarden Pfund aus. Ein besseres Werbeprogramm zu mehr Sportlichkeit unter Jugendlichen als Olympische und Paralympische Spiele kann es gar nicht geben. Niemand bestreitet, dass 10 Milliarden viel Geld sind. Aber hier geht es um weit mehr als eine Sportveranstaltung.

Einer Studie zufolge wird Londons Transportsystem zu Beginn der Spiele zusammenbrechen, wenn viele Straßen für Fackellauf und Staatsgäste gesperrt werden.
Wir sagen nicht, dass es problemfrei wird. Aber in meinen Augen ist das Londoner Nahverkehrssystem eines der besten weltweit. Natürlich kommen zu den üblichen 3 Millionen Fahrgästen täglich noch einmal 3 Millionen hinzu. Aber dann müssen sich Londoner und Gäste eben auf ein paar Schlangen einstellen und Geduld mitbringen. Das ist doch bei keinem Konzert anders. Wir stehen vor einer riesengroßen Herausforderung, und jeder muss seinen Teil zum Gelingen beitragen.

Wie ist denn die Stimmung unter Londons Einwohnern derzeit? Viele bekamen keine Tickets.
Es ist wirklich schade. Der Vorverkauf läuft extrem erfolgreich, doch es sind nicht genügend Karten vorhanden. Das allein zeigt, wie populär die Spiele sind. Vor Olympia in Sydney gab es viel mehr Kritik in der Bevölkerung, und mit dem Tag der Eröffnung schwenkte das total ins Gegenteil. Auch wir sind ein sportbegeistertes Land und werden tolle Gastgeber sein.