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Von Hans-Dieter Schütt
17.04.2012

Der Balancierende

Heute wird der Schriftsteller Rolf Schneider 80

Er ist als Schriftsteller Feuilletonist. Und als Feuilletonist stets ein Schriftsteller geblieben. Mit dem Band »Von Paris nach Frankreich« schrieb er einen der schönsten Reise-Essays, die in der DDR erschienen. Seine Erzählungen unter dem Titel »Das Glück« werfen erschütternde Blicke in die katastrophischen Prüfungen des Menschen im 20. Jahrhundert. Seine Hörspiele, vielfach ausgezeichnet (Sammlung »Stimmen danach«), gehören zum deutschen Kanon des Genres, klügst gebaute Dialoge, spannend, scharf, zugleich leicht.

Im Jahre 1972 schrieb er das Stück »Einzug ins Schloss«, eine Komödie quasi im FDGB-Milieu; der Witz dieser erfolgreichen Theaterarbeit bestand in der raffiniert-intelligenten Anwendung einer Schablone. Nach den Mustern eines Tschechow-Schauspiels entstand der Beweis, dass die fast mechanische Übernahme äußerst produktiv sein kann. Ein technischer Spaß. Eine freche Fingerübung. Ein DDR-Theatercoup. Und freilich: eine große Portion Eigenes war dem allem hinzugefügt, ohne die ja der Wert nicht wirklich einer gewesen wäre.

Rolf Schneider, 1932 in Chemnitz geboren, ist Arbeiterkind. Er hat seine Intelligenz, seine schreiberische Kraft im Staat der konsequent friedlich, antifaschistisch, arbeiternah sein wollenden neuen Ordnung ausleben dürfen, er hat Germanistik studiert, er ist Redakteur gewesen. Zu seinem hoch entwickelten Stil gehörte stets eine bewundernswerte Eleganz, mit den Bedingungen der Welt zu spielen. Er war DDR-Autor mit Fäden in den Westen, und dort blieb er mit hellem, wachem, wendigem Bewusstsein ein Ostdeutscher. Er stürzte nie auf etwas zu, er stürmte nicht, er balancierte. Er protestierte gegen die Biermann-Ausbürgerung, sein Roman »November«, der das Ereignis verarbeitete, durfte nicht erscheinen im Osten; 1979 gehörte Schneider zu jenen, die aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurden.

Nach dem Fall der Mauer Wiederaufnahme, er trat dann aus eigenem Entschluss wieder aus - ab einem bestimmten Punkt des »gemeinsam« Erfahrenen kann nicht jedes Gesicht mehr so ohne weiteres jedes Gesicht sehen. Der Balancierende flog insofern vom Seil, als er nun merklich bitterer von jenem Staat schrieb, in den er selber sich doch auch sehr tatkräftig eingeschrieben hatte. Freilich nie hoffärtig, nie in der Weichkultur des Bücklings. Einmal sprach er, was sein langes Aushalten in der und für die DDR betraf, von »Trotz, Sentimentalität und Selbsttäuschung«.

Zu seinen besten Texten nach dem Herbst 1989 gehören zwei Anekdoten- oder Tagebücher, darin die Notiz: »Es wurde zu Recht befunden, dass mit dem Ende der DDR eigentlich die von den Vätern des Marxismus verheißene höchste Stufe des Sozialismus erreicht sei: der Staat habe sich aufgelöst, und es gebe keine Arbeit mehr.«

Rolf Schneider verfasste großartige Essays über Musil, er war ein bildungssicherer Schwärmer in den morbiden Melancholien des alten Österreich; wer mit einem Schneider-Aufsatz in der Tasche nach Wien fährt, betritt die Stadt als Eingeweihter. Seine lächelnde Skepsis hat sich nach der Wende eine größere ostablehnende Deutlichkeit geleistet - das ist die praktizierte Freiheit des Wortes, die sich als Teil der ewigen, furchtbaren, fruchtbaren Schwankungen der Existenz versteht. Und sie für sich nutzt.

Heute wird der Schriftsteller und Publizist Rolf Schneider, Schöneiche bei Berlin, 80.

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