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21.04.2012
10. nd-Lesergeschichten-Wettbewerb

Plötzlich packte mich doch Fernweh

Die Sultan-Ahmet-Moschee in Istanbul
Die Sultan-Ahmet-Moschee in Istanbul

Ich bin nicht reiselustig. Meine Welt waren zeitlebens die Bücher. Und immer habe ich nach dem Erlebnis verfilmter Literatur festgestellt, dass meine Kopfbilder stärker waren als die Filmbilder, weshalb ich schon in jungen Jahren auf solche verzichtet habe.

Nun kann man ja nicht alles vorbeugend lesen, wovon man annimmt, dass es einen hinterher noch interessieren könnte; und seit wir - die Ossis - neudeutsch wurden, wie ich zu sagen pflege, hat sich mir mit den ungezählten Dokumentationen über ferne Erdenräume eine Welt erschlossen. Ich bin zwar der festen Überzeugung, dass alle diese Filme unter dem Vorwand des Erfahrungsgewinns verkappte Reisewerbungen sind - aber ich habe sie eingesogen.

Zumal ich glaubte, dass man über die Menschen, Städte und Länder, die die lockenden Fernsehbilder vorstellen, mehr mitnehmen kann als aus der erlebten Wirklichkeit - zwischen schwitzenden Menschenmassen, konfrontiert mit eigenen nicht vorhandenen Sprachkenntnissen, auf der ständigen Suche nach bezahlbaren Lokalitäten und nach Toiletten. Wenn man nur will.

Doch dann, eines Abends, nach mehreren Filmen über Istanbul, da habe ich gewusst: Diese Stadt möchte ich auf meine alten Tage noch erleben. Mein Sohn, reiseerfahren, hat alles organisiert, die Zeit, den Flug und das Hotel. Ich habe die Tage gezählt und im Grunde meines Herzens nicht geglaubt, dass diese Reise wahr werden würde. Selbst an jenem wunderschönen Septembertag 2011, als morgens die Fahrt via Berlin begann, habe ich noch gezweifelt. Erst im Flugzeug, als die Welt unter mir immer kleiner wurde, habe ich angefangen, mich richtig zu freuen.

Istanbul. Nicht die Millionenstadt. Das uralte Byzanz oder Konstantinopel. Dessen quirliges Straßenleben, die Gaststätten, die nahezu rund um die Uhr geöffnet waren. Die proppevolle Straßenbahn, in der für eine alte Frau - ich bin 75 Jahre - immer jemand seinen Sitzplatz freigemacht hat. Der schier endlose unterirdische Bazar mit den wunderschönen Deckenverzierungen und einem unvorstellbaren Angebot. Die Hagia Sophia, vor der lange Schlangen auf Eintritt Wartender standen, die sich dann in dem riesigen Raum verloren - vor dem Bauwerk, das vor fast 2000 Jahren errichtet wurde auf Fundamenten aus vorchristlicher Zeit, mit seiner gewaltigen Halle, die in dem durchaus erdbebengefährdeten Land immer noch steht. Der Sultanspalast mit so vielen verschieden gestalteten Gebäuden in einem weitläufigen Park. Die wunderbaren Museen. Die große unterirdische Zisterne, die den Menschen in alter Zeit das Trinkwasser sicherte, heute zwar nicht mehr für die Versorgung genutzt wird, aber immer noch funktioniert. Die Suleiman-Moschee hoch über dem Bosporus, um 1600 erbaut in rund zehn Monaten. Was dem auftraggebenden Fürsten immer noch nicht schnell genug war. Die Reste der alten Stadtmauer, die noch heute ahnen lässt, dass dieser Wall einst unüberwindlich war. Und eine christliche Basilika, erbaut zu einer Zeit, als man hierzulande seinen Gott wohl noch unter freiem Himmel anrief.

All das war überwältigend. Die vergangenen Jahrhunderte waren allgegenwärtig. Das hatte ich noch nie erlebt. Noch nie habe ich mich so eins mit der Geschichte einerseits und der Menschheit andererseits gefühlt. Unvergesslich! Und diese Reise hat die Sehnsucht nach einer weiteren geschichtsträchtigen Stadt geweckt: Jerusalem.

Annette Mittenzwei
06729 Elsteraue

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