Von Martin Stolzenau
21.04.2012

Eine couragierte junge Frau

Vor 70 Jahren wurde Olga Benario-Prestes von den Nazis ermordet

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Bis 1944 existierten in Hitlerdeutschland sechs zentrale Euthanasie-Mordstätten. Dazu gehörte auch die Anhaltische Nervenklinik in Bernburg, deren Komplex geteilt war. In einem Bereich wurden psychisch Kranke traditionell behandelt. Im abgeteilten zweiten Bereich wurde systematisch getötet. Geschichtswissenschaftler ermittelten bisher über 9000 Bernburger Opfer, die im Rahmen der sogenannten »Aktion T 4« vergast wurden. Nachdem Heinrich Himmler zu Beginn 1941 gefordert hatte, »Ballastexistenzen aus den KZ zu entfernen«, kamen zusätzlich zahlreiche politische Nazigegner, »rassisch Minderwertige« und Arbeitsunfähige in die »T 4-Einrichtungen«. Zu den Betroffenen der mörderischen »Sonderbehandlung« gehörte auch die deutsche Jüdin, Kommunistin und Antifaschistin Olga Benario.

Am 12. Februar 1908 in München als Tochter eines gesellschaftskritischen Anwalts geboren, wurde sie früh für soziale Ungerechtigkeiten sensibilisiert. Nach Besuch der Höheren Töchter- schule arbeitete sie in einer Buchhandlung. Dort lernte sie den kommunistischen Schriftsteller Otto Braun kennen, der an der Errichtung der Münchner Räterepublik beteiligt war. Sie wurden ein Paar und übersiedelten nach Berlin, wo die Anwaltstochter sich zur Jungkommunistin entwickelte, eine aktive Rolle im KJVD spielte und eine Anstellung in der sowjetischen Handelsmission erhielt. 1926 wurden beide unter der Anklage des Hochverrats verhaftet. Doch während Vater Benario Olgas Freilassung erwirken konnte, blieb Braun in Haft.

Im April 1928 befreite die couragierte junge Frau zusammen mit Gesinnungsgenossen ihren Lebensgefährten in einer spektakulären Aktion aus dem Gefängnis in Berlin-Moabit. Beide flohen nach Moskau. Braun absolvierte dort die sowjetische Militärakademie »Michail W. Frunse«, ging privat eine neue Beziehung ein und war dann in China als Militärberater von Mao Tse-tung tätig. Olga Benario wurde ins Führungsgremium der Kommunistischen Jugendinternationale (KJI) gewählt, erhielt eine militärische Grundausbildung, einschließlich der Unterweisung im Fallschirmspringen; sie wollte nach der Machtübernahme der Nazis in Deutschland in ihrer Heimat gegen den Faschismus kämpfen. Aber in Moskau hatte man mit ihr zunächst andere Pläne.

Die Kommintern stellte die junge Deutsche an die Seite von Luis Carlos Prestes, der nach Absolvierung der Militärakademie in Brasilien mit einem Offiziersputsch gegen die Macht der Großgrundbesitzer gescheitert und dann in die UdSSR geflüchtet war, wo er zum Kommunisten wurde. Prestes und Olga Benario wurden mit falscher Identität nach Brasilien geschickt, um einen neuen Umsturz vorzubereiten. Auf der Überfahrt wurden beide auch privat ein Paar. Doch auch der Aufstand im November 1935 gegen den Diktator Getulio Dornellas Vargas scheiterte. Prestes und Benario wurden nach Verrat verhaftet.

Die inzwischen schwangere Deutsche wurde nach Deutschland »abgeschoben«. Sie gebar im November 1936 im Berliner Frauengefängnis Barnimstraße eine Tochter, die ihr zunächst von den Nazis weggenommen wurde, jedoch auf Drängen der Familie Prestes mit internationaler Unterstützung freigegeben werden musste. Olga Benario-Prestes kam 1938 ins KZ Schloss Lichtenburg in Prettin bei Wittenberg, im Jahr darauf wurde sie nach Ravensbrück deportiert und im Frühjahr 1942 im Gefolge des berüchtigten Himmler-Befehls zur »Sonderbehandlung« in die Nervenklinik Bernburg verlegt. Hier wurde die junge Frau am 23. April 1942 »vergast«. Auch Olgas Mutter und ihr Bruder wurden andernorts von den Nazis in die Gaskammer geschickt.

Otto Braun wirkte später in der Nachfolge Erwin Strittmatters als Präsident des Deutschen Schriftstellerverbandes der DDR. Luis Carlos Prestes war jahrzehntelang Generalsekretär der KP Brasiliens. Die in Berlin-Moabit geborene Tochter Anita lebt in Brasilien. Der Schriftsteller Jorge Amado verarbeitete das Leben von Prestes im Buch »Der Ritter der Hoffnung«. In der DDR wurden viele Straßen sowie öffentliche Einrichtungen nach Olga Benario benannt. Es gab zudem eine Sonderbriefmarke, zwei Filme und eine Oper.

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