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21.04.2012

Freibeuter als Spalter

Zur Urheberrechts-Debatte: Wie die Piraten dreist versuchen, Autoren und Verleger zu entzweien

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Piraten: auf einem Auge blind?

Die gerade im Aufwind befindliche Piratenpartei behauptet lautstark, das in Deutschland gültige Urheberrecht würde einseitig die Produzenten und Verleger begünstigen, weshalb es dringend reformiert, wenn nicht ganz abgeschafft werden sollte. So erklärte der Parteivorsitzende Sebastian Nerz am 29. März in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, das gegenwärtige Urheberrecht stelle die Produktionsfirmen und Verwertungsgesellschaften einseitig in den Vordergrund, wohingegen die Künstler benachteiligt würden. Enno Park, ein Netzaktivist der Piratenpartei, hatte bereits zuvor am 22. Februar im »neuen deutschland« verkündet, die Kreativen müssten üblicherweise »nahezu alle Rechte gegen ein pauschales Honorar abtreten«, ja es sei ihnen sogar wegen der Buchpreisbindung verboten, ihre E-Books im Netz zu einem frei wählbaren Preis anzubieten. »Das Urheberrecht begünstigt systematisch Content-Industrie und Verwertungsgesellschaften«, weshalb diese »immer weniger gebraucht werden«. An anderer Stelle des nd-Artikels ist sogar von der »Content-Mafia« die Rede, die es einzuschränken gelte.

Derart angesprochen, muss ich lautstark Widerspruch erheben, denn keine der hier zitierten Behauptungen stimmt, und als Mafiosi möchte ich mich natürlich auch nicht gern betrachtet und schon gar nicht behandelt sehen.

»Seit Anfang 2006 lebe ich überwiegend von klassischen Buchvorschüssen. Ich habe das Glück, dass mir Rowohlt Berlin immer sehr anständige Vorschüsse bezahlt hat (ein guter Agent ist dabei hilfreich). Das ist insofern ein bisschen hinderlich, als ich gern öffentlich behaupte, Verlage seien in Zeiten des E-Books und des Selfpublishing gar nicht mehr so dringend nötig, aber durch die schönen hohen Vorschüsse war meine Motivation bisher gering, das selbst auszuprobieren.« (Kathrin Passig (geb. 1970), Buch- und Blogautorin, im »Tagesspiegel« vom 16.4.2012)

Als unabhängiger Verleger eines mittelständischen Sachbuchverlages arbeite ich seit nunmehr 22 Jahren in der Branche, habe mehr als 500 Autoren zu ihren Büchern verholfen und dabei stets einvernehmlich mit ihnen gehandelt. Anders als behauptet, gibt es nämlich keine Wildwest-Erpressungen von Verlegerseite aus, denn wir verfügen über klare Regeln, nämlich die zusammen mit den Autorenverbänden ausgearbeiteten Normverträge für das Publizieren von Büchern, die zuletzt 1999 gemeinsam neu gefasst wurden und gegenwärtig gerade in gemeinsamen Gesprächen modernisiert werden. Zudem gibt es seit 2002 ein verändertes Urhebebervertragsrecht, das per Gesetz die »angemessene Vergütung« der Urheber festschreibt. Und das ebenfalls 2002 erlassene Preisbindungsgesetz sichert den Fortbestand eines flächendeckenden Buchhandelsnetzes im Land, bezieht sich bisher aber vor allem auf gedruckte Bücher, bei E-Books kann der Verlag oder der Autor durchaus einen anderen Preis festsetzen. Mit etwas Sachkenntnis stellen sich die Dinge also grundlegend anders dar.

Dass wir Verlage die Autoren übervorteilen und uns einseitig bereichern würden, ist eine reine Behauptung, die bisher von keinem Piraten belegt wurde. Interessanterweise ist dies auch nicht vom Schriftstellerverband bei ver.di je vorgetragen worden. Dort werden - ganz im Gegenteil - die abgeschlossenen Normverträge begrüßt, da sie die Rechtsstellung von Autorinnen und Übersetzern gegenüber den Verlagen geklärt und erheblich verbessert haben, wie man auf der Webseite des Verbandes deutscher Schriftsteller nachlesen kann. Geschätzt werden dort auch die so geziehenen Verwertungsgesellschaften, denn die VG Wort ermöglicht den Autoren Einnahmen aus den in Deutschland völlig legalen Privatkopien.

»Ich machte, was jeder Esixtenzkrisler macht, ich schrieb von morgens bis abends Texte, aber: Die Aufmerksamkeitsökonomie hatte sich gegen uns verschworen. Im Internet konkurriert das Blog nicht einfach mit anderen Blogs, wir mussten ankämpfen gegen Spiele, soziale Netzwerke, Pornographie, und zwar: aus aller Welt. Bevor ich einen Hirninfarkt bekam, erlöste mich ein Buchverlag.« (Malte Welding (geb. 1974), Buch- und Blogautor, in der »Frankfurter Allgemeinen« vom 17.4.2012)

Das Urheberrecht ist in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach an die neuen technischen Entwicklungen angepasst worden. Als elektronische Vervielfältigungen über Kopiergeräte, Computer, Brenner und Drucker möglich wurden, war Deutschland das erste Land in Europa, das eine Pauschalabgabe auf Kopiergeräte und Leerdatenträger einführte, um so die Autoren und ihre Verleger für entgangene Verkäufe von Originalwerken zu entschädigen. Die Gründung der entsprechenden Verwertungsgesellschaft geht auf eine Initiative des Autorenverbandes selbst zurück. Der Verteilerschlüssel bevorzugt eindeutig die Autoren: Sie erhalten 70 Prozent aller Einnahmen, an die Verlage gehen 30 Prozent - so die letzte Fassung vom 21. Mai 2011.

Ähnlich sieht es in den Verlagsverträgen aus. Bei Zweitverwertungen eines Buches, wenn also das Originalwerk bei einem anderen Verlag noch mal als Taschenbuch erscheint oder eine Zeitschrift größere Auszüge daraus druckt oder es im Rundfunk eine Lesung davon gibt, erhält der Autor in der Regel 60 oder 65 Prozent der Einnahmen. Bei der Vergütung für die Originalausgabe müssen die Autoren keineswegs »nahezu alle Rechte gegen ein pauschales Honorar abtreten«, sondern sind in unserer Branche gemäß Normvertrag Tantiemen üblich, also eine prozentuale Beteiligung des Autors an jedem erfolgten Verkauf, worauf bereits bei Vertragsabschluss Vorschüsse gezahlt werden und nach Erscheinen des Werkes halbjährlich abgerechnet wird. Die Höhe liegt üblicherweise zwischen acht und zehn Prozent vom Ladenpreis, da der größte Teil im Handel verbleibt, der über seine beteiligten Dienstleister (Vertreter, Auslieferer, Zwischenhändler, Einzelhändler) etwa 60 Prozent absorbiert. Weitere 20 Prozent werden für die technische Herstellung (Satz, Layout, Druck) benötigt. Die Höhe der in der Tat nicht besonders üppigen Autorentantiemen bei der Erstveröffentlichung eines Buches haben keineswegs die Verlage diktiert, sondern die entsprechende Spanne ist 2005 gemeinsam mit den Autorenverbänden im Rahmen der Verhandlungen zu einer »angemessenen Vergütung« unter Regie des Bundesjustizministeriums vereinbart worden.

Das Grundprinzip des Urheberrechts in Europa ist seit der Französischen Revolution die Anerkennung des Naturrechts des Autors, über die Verwendung seines geistigen Eigentums selbst entscheiden zu können. Es steht ihm frei, ob er sein Werk kopieren und verschenken oder kostenlos ins Netz stellen will oder aber, ob es dazu beitragen soll, seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Wählt er die letztere Variante, kann er wiederum frei entscheiden, ob er das Werk selbst vermarkten will, indem er einen Eigenverlag gründet oder es über seine Webseite an Interessierte zum digitalen Direktverkauf anbietet, wodurch seine Autorentantieme auf ca. 90 Prozent hochschnellen dürfte, denn es gibt niemanden sonst, der an dem Geschäft beteiligt wäre.

Trotzdem entscheiden sich die meisten Autoren für die Inanspruchnahme der professionellen Leistungen eines Verlages. Warum eigentlich, wenn sie dort von einer »Content-Mafia« nur ausgenommen werden? Weil das Zerrbild der Piraten einfach nicht stimmt.

Verlage leisten nämlich weit mehr, als den jungen Netzaktivisten bewusst ist. Es beginnt damit, dass sie den eingereichten Rohtext kritisch durchsehen, dem Autor Vorschläge unterbreiten, um ihn inhaltlich, dramaturgisch und sprachlich zu verbessern. Bei politisch kritischen Werken gibt es zudem eine juristische Prüfung und Absicherung, denn der Verleger haftet für die Verbreitung problematischer Aussagen genauso wie der behauptende Autor. (Dieses Prinzip der Verbreiterhaftung hat sich übrigens seit mehr als hundert Jahre bewährt, denn es sichert eine Qualitätskontrolle, soll nun aber nach den Vorstellung der Piraten im Netzt abgeschafft werden, denn Plattformen für falsche Tatsachenbehauptungen und die Verbreitung gestohlenen geistigen Eigentums will man nicht belangt sehen, das käme einer Zensur gleich.)

Der Verlag tut aber noch mehr. Er erhöht mit seinem Lektorat nicht nur den Wert der geistigen Schöpfung, indem er manchen Text »veredelt«, er sorgt mit seiner Herstellungsabteilung auch für ein gutes Erscheinungsbild das Ganzen, beschafft ergänzende Abbildungen oder Illustrationen, erstellt Tabellen oder lässt Karten zeichnen. Schließlich soll der Ursprungstext für den Leser so ansprechend und wirkungsvoll wie möglich aufbereitet und produziert werden. Und er soll vor allem möglichst viele Leser erreichen, mehr als die sogenannten Freunde im sozialen Netzwerk des Autors selbst. Dazu braucht es einen guten Vertrieb, der nicht nur Zugang zum bundesweiten Buchhandel hat, sondern der auch all die Datenbanken im Internet pflegt, die für die Verbreitung heutzutage notwendig sind. Damit es dann aber auch guten Absatz gibt, unterhält der Verlag eine professionelle Presseabteilung, die dafür sorgt, dass unter den knapp 100 000 Neuerscheinungen pro Jahr das Werk des Autors auch tatsächlich wahrgenommen wird und nicht im Rauschen des weltweiten Netzes untergeht. Hilfreich sind hierfür Talkshows, Lesungen und öffentliche Diskussionsveranstaltungen, von denen allein unser Verlag jährlich mehr als 200 organisiert. Hinzu kommen die Bemühungen um Übersetzungen und eine Verbreitung im Ausland.

Jeder Autor hat das Bedürfnis, mit seinem Schaffen möglichst viele Menschen zu erreichen. Das kann er allein versuchen oder er kann sich nach erfahrenen Partnern umsehen. Dabei hat er die Wahl. Wenn ihm einer der Verleger mit seinen Vorstellungen nicht zusagt oder ihm dessen Angebote nicht seriös erscheinen, kann er sich an einen anderen wenden. Unsere Branche ist trotz aller Konzentrationsprozesse der letzten Jahre noch keineswegs monopolisiert. Das Statistische Bundesamt verzeichnet knapp 2800 Verlage im Land, etwa 1800 davon sind professionell im Berufsverband, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, organisiert.

Erpresst werden Autoren von ihren Verlegern in der Regel nicht, sie haben in ihnen eher Anwälte, die sich dafür einsetzen, dass man ihnen ihr geistiges Eigentum nicht stiehlt, und das auch noch mit technischem Fortschritt zu rechtfertigen versucht.

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