Von Hans-Dieter Schütt
21.04.2012

Thomas Oberender: Auch der Himmel ist nicht frei

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Pressend geordnete Welt: als stünde noch vorm offnen Meer eine Ampel.

Aus der mechanischen Physik ist die befriedigende Auskunft bekannt, etwas habe Spiel. »Dass etwas Spiel hat, bedeutet dem Wortsinn nach, dass es sich bewegen kann und ist eine der Grundbedingungen für das Theater als Kunst und freiheitliche Lebensform.«

So hat es Thomas Oberender notiert, in einem seiner schönsten Essays, »Das Sehen sehen. Über Botho Strauß und Gerhard Richter«. Das Spiel als Bewegung in Gegenden, wo die Versuchung zu Hause ist, also jene Abrückung von Gesetztem und pressend Geordnetem. Das Ohr hört hinter die Töne; der Blick schaut durchs Geschehende hindurch; das Spiel als Konsequenz aus jener Wahrheit, dass der Mensch das ausweglose Wesen ist - das aus sich selbst etwas anderes machen, das sich und anderen etwas vormachen muss, um besagte Ausweglosigkeit zu ertragen. Wenn Dasein heißt, immer in irgend eine Falle zu gehen, dann heißt das auch, die Falle frech als Welt zu bewohnen - »Fallensteller« nannte Diderot die Komödianten, die vorüberzogen und die Leute mitten im Schweren ins Leichte lockten, mitten im Ernst der Dinge ins Lachen …

Der Schriftsteller, Essayist, Herausgeber, Übersetzer, Dramaturg, Festspielleiter, Intendant Thomas Oberender, geboren 1966, mit den Leitungsstationen Schauspielhaus Bochum, RuhrTriennale, Schauspielhaus Zürich, Salzburger Festspiele und seit kurzem Chef der Berliner Festspiele - er schrieb vom »Prinzip der Verbrennung«, auf dem unsere Kultur beruhe. Gegen das man sich wehren müsse mit »einer Reserve gegen die Zeit«. Diese Reserve: das Spiel. Das sich stark macht im Abstand zu der Welt der Verlustanhäufungen. Aber just in diesem Abstand ziele Spiel doch ins tragische Wesen des wirklich einzigen Skandals: dass der Mensch sich schuldig mache und dass er sterben müsse.

Über das Spiel als Leben, über das Leben als Spiel, über die DDR als Experiment, über Botho Strauß und Peter Handke (»das Schuldgefühl, falsch zu leben, das manchmal aufsteigt, wenn ich ihn lese«), über das »Ressentiment als Hass der Ohnmächtigen«, über Prenzlauer Berg und Nahen Osten - darüber hat die Journalistin Andrea Schurian mit Thomas Oberender gesprochen, und entstanden ist mit dem Band »Das schöne Fräulein Unbekannt« eines der faszinierendsten Interviewbücher jüngster Zeit. Füllige Verteilung von weitem Geist und scharfem Eigensinn auf 200 Seiten, so dass intensive Lektüre zwingend, aber ein willkürliches Stationmachen in diesem Buch ebenso lohnend ist. Andrea Schurian ist das Buch zu danken, sie hat mit Grazie und Klugheit gefragt und geschrieben.

Theater, Subventionierung, Familie, Liberalismus, Sprache, Kunstbetrieb, Geschichte - Stichworte als jeweiliger Auftakt für Wortstiche ins Zentrum philosophischer Möglichkeiten, die ein Thema beherbergt. Das Buch birst vor Beschreibungsglück. Von Dichtern, Schauspielern, Regisseuren.

Es beginnt oft mit eindeutigkeitsglühenden Sätzen (»Humanismus ist kein Privileg der Linken«, »Mode macht unkenntlich«), um dann immer tiefer zu gehen in eine Szenerie, wo Erfahrung und Erkenntnis, Beweis und Ahnung, Fakt und Fantasie eine erregende Gedankenlandschaft bilden. Steigen, schauen, klettern, springen.

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Oberender antwortet auf die Frage, ob er religiös sei: »Als vernünftiger Mensch muss man sagen: Ja.« Und umgehend kommt das Gespräch auf die Kunst. »Das mag mit der Bewegung der Romantik in die Welt gekommen sein und ist wohl nicht mehr aufzuhalten: Die Kunst wird zur Kirche.« Im Grunde habe das Konzept der Romantik vollständig gesiegt - »Kunst wurde zur letzten Heimat für unsere Glaubensfragen, und das in einem universellen Sinne, als eine Sprache, die jeder versteht.« Künstler seien »individuelle Deuter, Pilotfiguren einer Orientierungsleistung in unserer Zeit und Gesellschaft«. Um nicht »einzumünden« in den Weg einzig zu den Vernutzungen. Immer wieder Botho Strauß: dessen Entscheidung, sein Leben »in der Schrift zu tilgen«.

Die Religion des Kapitalismus »bietet uns keine Möglichkeit zur Entsühnung, und das Mittel, durch das sie uns darüber hinweg hilft, ist Konsum, Komfort und Unterhaltung«. Einzig die Kunst besitze ein »Verhältnis zu dieser Schuld«, die unwillkürlich entstehe. Politik nennt er in dem Zusammenhang eine »Entsorgungsstrategie«. Dass wir »Geschäfte machen, dass wir uns betrügen, unsere Begierden verbergen und unvernünftig sind: Daraus besteht unser Leben. Politik versucht, uns vor uns selbst zu schützen. Dieser hilflose Versuch, zu entsorgen, was uns sorgt, ist Politik.«

In der DDR war er in der Jungen Gemeinde, »ohne je etwas mit der Kirche am Hut zu haben«. Es ging ihm um die »Attraktion« eines »Bedeutungsraumes«. Als er noch Unteroffiziersschüler war, erbat er bei der Versetzung auf einen Militärflugplatz einen Ort, wo in der Nähe ein Theater lag. Dann der Herbst 1989: »Bis ins kleinste Dorf war die Unverbindlichkeit der Strukturen eines Staates spürbar, den man einstweilen zwar weiter bewohnte, aber man war bereits der Bürger einer anderen Realität, für die es noch keine Staatsbürgerschaft gab«. Bis heute ist es für Oberender undenkbar, einer Partei beizutreten. Alles Kollektivierende ist mir unheimlich.« Ein »kollektives Lächeln«freilich lag zu Wendezeiten über Land. Die DDR: »Rückblickend erkenne ich viele Formen der Utopie, aber auch der Heimtücke und der Bosheit in dieser auf Ewigkeit geplanten, infantilen Staatswelt. Sie hielt für ihre glücklichen Staatskinder sehr finstere Seiten parat.«

Von verstörender Anregung die daran sich anschließenden Gespräche über Freiheit. »Wenn man jung ist, sollte man Seefahrer sein wie Melville oder Conrad, sonst muss man im Alter so viel wandern wie Handke.« Freiheit an sich, so Oberender, erzeuge im Augenblick wohl eher Bürgerkriege. »Man weiß nicht, wohin Befreiung führt.« Freiheit sei oft eine Geißel. »Goethe hat seine Freiheit in einer ungeheuren Form von Bindung erlangt.« Der Himmel, sagt Oberender, sei nicht frei: »Er ist blau und kalt und außerdem verletzlich.« Freiheit sei »nur eine Metapher für das Fremde in uns.« Er selber folge keinem Imperativ, aber: »Das erste Gesetz des guten Tons ist für Schiller: Schone fremde Freiheit. Das zweite: Zeige selber Freiheit.« Dann spricht er über das Behütenswerte. »Ein trauriger Blick meines Sohnes erwischt mich mit einer Vehemenz, an die kein Gedanke von Freiheit heranreicht.«

Kürzlich starb Ivan Nagel. Oberender wirkt wie ein Folgender im Geiste; Geist, der sich geschliffen hat am Weltstein. Und einschneidet, wo die Seele am empfindlichsten ist für die guten Werke der Kunst, die närrischen Anmaßungen des Spiels.

Thomas Oberender, Andrea Schurian: Das schöne Fräulein Unbekannt. Gespräche über Theater, Kunst, Lebenszeit. Verlag Müry Salzmann Salzburg-Wien. 216 S., brosch., 19,50 €.

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