Von Lucía Tirado
21.04.2012

Zieht euch gut an!

»Kleider machen Leute« als Musical im Theater an der Parkaue

Schulstoff, 7. Klasse. Gottfried Kellers »Kleider machen Leute«. Beim einen kommt's an, beim anderen nicht. Als Musical-Fassung von norton.commander.productions im Theater an der Parkaue ist es jedenfalls eine überaus muntere Sache. Da werde sie wohl lieber ihr Hörgerät herausnehmen, meinte die Begleiterin einer Schulklasse an der Theaterkasse vor der Vorstellung. Hat sie wahrscheinlich nicht. Das Stück ist kein Ohrenbetäuber.

Logisch aufgebaut und schnell ist dieses Musical, die wesentlichen Aussagen der Novelle in 50 Minuten inhaltlich und optisch verstärkend. Wie im Comic gestaltet, wird alles Besungene vor Augen geführt auf der großen Videoleinwand. Ist von Kartoffeln die Rede, fliegen auch welche durch die Luft. Das ist nur das Geringste.

Ein Erzähler fliegt auch herum. Gut sichtbar. Nur nicht für den, um den es hier geht. Zeitweise fassungslos schildert dieser echte, vom Reichtum gelangweilte Graf, der sich durch seine Drogenexperimente für alle Personen des Stücks unsichtbar gemacht hat, was in der Stadt Goldach geschieht.

Schein und Sein hatte der Schweizer Dichter Keller in »Kleider machen Leute« 1874 aufs Korn genommen. Das Musical zeigt, dass die Zeit dem Thema inhaltlich nichts anhaben konnte. Spießertum und Eitelkeit haben sich frisch gehalten. Oberflächliches Urteil auch. Zieht euch gut an! Alles klar. Deshalb ist nicht sicher, ob am Ende des Stücks der kurze Schlenker zu Markenklamotten und ihrem Preis überhaupt nötig ist. Das wirkt angeklemmt.

Steht arm da und sieht toll aus, der arme Schneider aus Seldwyla, den die Goldacher Bürger ob seiner guten Kleidung für einen Grafen halten und so schnell und fleißig hofieren, dass er gar nicht dazu kommt, zu widersprechen. Der Sänger und Musiker Namosh singt und tanzt tadellos diese Rolle. Begleitet wird er auf der Bühne von der sich ebenso gut bewegenden Corinna Mühle als aufreizendes Mädchen Nettchen. Bügeleisen, Gitarren - alles, was sie anfassen ist übergroß. So wird der Comic-Stil bis ins Kleinste durchgehalten.

Natürlich gibt es in dieser Fassung ins Aktuelle gebrachte Details. Gelungen die anstelle eines Kartenspiels in Szene gesetzte Wissens-Spielshow, in der heutige Fragen auftauchen. Auch hier zeigt sich die Perfektion, mit der norton.commander.productions Musik und Video mit dem Bühnengeschehen zu vereinen wissen.

Alles wie aus einem Guss. Dafür ist die Gruppe schließlich bekannt und bewies das auch in Koproduktion mit dem Jungen Staatstheater Berlin an der Lichtenberger Parkaue bei »Die grüne Wolke« oder »Peter und der Wolf«. Das aktuelle Stück von Harriet Maria und Peter Meining (Textfassung, Bühne, Regie) ist noch besser als die Vorgänger. Nikolaus Woernle schuf die Musik, Andy Besuch die Kostüme. Für die Kameraführung und rasend schnelle Schnitte und Effekte im Video sorgte René Liebert, für die Animation Sebastian Stuertz. Krass geschminkt und ausstaffiert sind außer Corinna Mühle und Namosh neun Schauspieler als Goldacher Bürger und als drei weitere Schneider aus Seldwyla im Spiel. Auf der Leinwand. Sie sind also nicht da. Es sieht nur so aus. Kleider machen im Video die Leute. Besonders komisch Ole Wulfers als Goldacher Koch. Als echter Graf lässt sich Lutz Blochberger auf den Kopf stellen und in Luft auflösen.

Das war nun die erste Vorstellung nach der Premiere. Schulstoff. Drei Mal in die Hände geklatscht - und die Schüler trotteten aus dem Saal. Das sah nicht gut aus, sagt aber noch gar nichts. Sie haben schließlich das Recht, erst einmal darüber nachzudenken, was Theater aus einer Novelle so machen kann.

Vorstellungen im April und Mai, Theater an der Parkaue, Bühne 2, Parkaue 23, Lichtenberg, noch Einzelkarten unter Tel.: 557 75 20 und an der Abendkasse, www.parkaue.de

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