Von Rudolf Hickel
23.04.2012

Aggressive Exportstrategie

Kurz, Nick, Luft & Hickel

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»Auf Dauer ist eine Ausfuhrexpansion zu Lasten der Importländer nicht möglich.«

Für den Monat Februar verkündete das Statistische Bundesamt kürzlich eine schnell auch regierungsoffiziell verbreitete Siegesmeldung: Nach eher flauem Verlauf in den Vormonaten sind die Warenexperte im Vorjahresvergleich wieder deutlich um 8,6 Prozent gestiegen. Allein in diesem Monat hat Deutschland knapp 12 Milliarden Euro mehr ex- als importiert. Der Außenhandelverband erwartet über das gesamte Jahr bei den Exporten von Gütern und Dienstleistungen mit 1124 Milliarden Euro das absolute Spitzenergebnis. Deutschland hat zwar 2009 die Position des Exportweltmeisters an China abgeben müssen und lag mit einem Anteil von 8,3 Prozent an den weltweiten Ausfuhren auch knapp hinter den USA. Dennoch bleibt die aggressive Exportwirtschaft die Triebkraft der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit ist für andere Länder bedrohlich stark. Gleichzeitig ist Exportwirtschaft anfällig - durch die Nachfrage aus den Importländern und damit durch deren wirtschaftliche Entwicklung. Gegenüber den nach wie vor starken Expansionsregionen der BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China gehen die Ausfuhren in die EU zurück. Im Februar stiegen die Exporte außerhalb der EU viermal so stark wie gegenüber den Euroländern. Die Ursache ist die den Krisenländern verordnete Einsparpolitik. Die deutsche Politik schießt hier auch noch ein Eigentor.

Klar ist: Die deutsche Exportstärke wird für die Importländer zur Entwicklungsbelastung. Deren Produktion wird auf dem heimischen Markt und auf Drittmärkten verdrängt. Außerdem führen Exportüberschüsse am Ende spiegelbildlich zur steigenden Verschuldung der Importländer. In diesem Jahr wird mit einem Außenwirtschaftssaldo von knapp 140 Milliarden Euro gerechnet. Bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt ergibt sich ein außenwirtschaftliches Ungleichgewicht von über fünf Prozent. Die gewaltigen Überschüsse führen zum Vorwurf einer »Beggar my Neighbour«-Politik, der Ausplünderung der Nachbarn, um den eigenen Wohlstand zu erhöhen. Auf Dauer führen derartige Ungleichgewichte im internationalen Handel zu einem wechselseitigen Protektionismus. Weil der gesamte Welthandel in Mitleidenschaft gezogen würde, wäre dieser Weg falsch.

Abgesehen von den einäugigen Gewinnern in der Exportwirtschaft und deren Lobbyverbänden müsste die Politik ein großes Interesse an einem Konzept zum Abbau der Exportaggressivität haben. Denn einerseits ist auf Dauer eine Ausfuhrexpansion zu Lasten der Importländer nicht möglich, schon gar nicht im Euroland. Andererseits wird seit Jahren in Deutschland die gesamtwirtschaftliche Entwicklung durch eine Spaltung zwischen Außen- und Binnenwirtschaft belastet. Natürlich wäre es unsinnig, Obergrenzen für die Ausfuhren gar noch einzelnen Betrieben vorzuschreiben. Vielmehr müssten die Erfolge in der Exportwirtschaft an die Binnenwirtschaft weitergegeben werden: durch Stärkung der Arbeitseinkommen, was die konsumtive Binnennachfrage erhöht, sowie durch Ausbau der öffentlichen Infrastruktur. Mit einer expandierenden Binnenwirtschaft würden zugleich die Importe steigen, womit sich die Außenwirtschaftsüberschüsse abbauen ließen. Auch hier geht es vor allem um eine gerechte Verteilung.

In der wöchentlichen nd-Wirtschaftskolumne erläutern der Philosoph Robert Kurz, der Ökonom Harry Nick, die Wirtschaftsexpertin Christa Luft und der Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel Hintergründe aktueller Vorgänge.

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