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Von Lucía Tirado
23.04.2012

Geisteswürfelchen im schwarzen Loch

»Zwei Krawatten« wurden im im Heimathafen Neukölln zerschreddert

In der Pause hätten die Zuschauer flüchten können. Immerhin waren schon zwei Stunden der Premiere von »Zwei Krawatten. Eine echte Berliner Revue« durchgestanden. Aber was anfangen mit dem angebrochenen Abend? Es saß sich durchaus gemütlich im Heimathafen Neukölln an kleinen Tischen. Wohl immer noch besser als zu Hause bei schlechten Fernsehprogramm. Die geistigen Getränke waren auch noch nicht aufgebraucht.

»Musikalisches Sprech-Tanz-Theater auf Weltniveau« war angekündigt. Ein übler Tanz über alte Lorbeeren. Bei der Uraufführung des Revuestücks von Georg Kaiser (Text) und Mischa Spoliansky (Musik) im Jahr 1929 spielten Marlene Dietrich und Hans Albers mit. Die Inszenierung des DDR-Fernsehens in der Fassung des Deutschen Theaters mit Dieter Mann und Barbara Schnitzler von 1977 ist als lustige Geschichte im Gedächtnis.

Was nun in Neukölln wahrscheinlich eine Persiflage werden sollte - wenn nicht, ist es noch schlimmer -, muss künstlerisch unterwegs zu Trash verunglückt sein. Das gut dreistündige Ergebnis war fürchterlich, die Geschichte bis zur Unkenntlichkeit mit Albernheiten ausgeschmückt. Zuschauer kamen schnell ins Gespräch. Ich verstand akustisch kaum etwas. Was für ein Glück: die anderen auch nicht.

Die große Heimathafen-Bühne ist nicht einfach zu bespielen. Nicht das erste Stück würde deshalb hier durchfallen. Doch diesmal wurde schlecht gesprochen. Und damit ist nicht der auch gut singende Jamaicaner Errol Shaker gemeint. Sein Akzent ist normal. Doch allein Vlad Chiriac, der als Jean extrem kurze Szenen hatte - warum eigentlich? -, konnte sich allgemein gut verständlich machen. Gelernt ist gelernt. Wenn es danach geht, hätte man auch die erfahrene, hier unvorteilhaft ausstaffierte Schauspielerin Bärbel Bolle als reiche Mabel gut hören müssen. Sie hatte ein Mikro. War wohl Attrappe. Das Stück wurde gänzlich - sagen wir's anständig - äußerlich wie inhaltlich zur Klamotte gemacht.

Georg Kaiser, dessen Werke die Nationalsozialisten 1933 ins Feuer warfen, hat über 60 Stücke geschrieben. Im Spott unter Kollegen soll der Dichter Robert Musil über ihn gesagt haben, Kaiser schaffe figaroschnelle Kunst mit Zeitgeist. In jener läge ein Spieltrieb, »ein buntes Bauen mit fertigen Geisteswürfelchen«. Mal sei es ihm mehr, mal weniger gut gelungen, doch immerhin immer in amüsanten Linien.

Diese Geisteswürfelchen werden bei der Heimathafen-Inszenierung ins Nichts, ins schwarze Loch geschleudert, die amüsanten Linien sind zerhackt. Die Geschichte verliert damit ihren Witz und mutiert zum Panoptikum. Und was hat ein Zitat aus Ostrowskis »Wie der Stahl gehärtet wurde« darin zu suchen? Viele Fragen noch. Was soll's.

Ein seltsame Metamorphose durchleben wohl ansonsten in großen Häusern arbeitende Regisseure, wenn es ihnen ankommt, etwas Volkstümliches an volkstümlichem Ort anpacken zu wollen. In Rixdorf ist Musike? Genau so sah's aus. Andreas Merz ist ein gut ausgebildeter Profi. Man sagt ihm mitunter Brachiales in Inszenierungen nach. Dagegen ist nichts zu sagen. Doch was er hier vorlegte, spottet eigentlich jeder Beschreibung.

Ein verantwortungsvoller Regisseur sagte einmal zu mir, Schauspieler seien wie Kinder, voller Vertrauen. Das dürfe man nicht vergessen und müsse vorsichtig mit ihnen umgehen. Ist das hier eine Art Misshandlung? Unschuldige Laien und die Band »The Incredible Herrengedeck« sind auch involviert. Als Trost mag man nehmen, dass es ihnen Spaß machte. Komischer wird es davon leider nicht.

Die Reise zu den Reichen und von Berlin nach Amerika, die der Kellner mit der falschen Krawatte unternimmt, wurde auf dem Weg ins Triviale zum provinziellen Kreisverkehr und endet mit dem Song »Es wird schon geh'n, es wird schon geh'n«. Denkste.

Wieder ab 27.4., 20 Uhr, Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Str. 141, Neukölln, Tel.: 56 82 13 33, Informationen und Karten im Internet: www.heimathafen-neukoelln.de/

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