Von Kerstin Yvonne Lange
23.04.2012

In Büchern üben wir die Welt

Zu Besuch bei dem Schriftsteller Albert Wendt

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Steig, mein Sohn, auf hohe Bäume; klettre dir die Arme stark. Und wachs mit ihnen in die Wetter. Sieben Zweige jeden Tag.« Das Vaterlied aus seinem Frühwerk »Hexenhaus« hat Albert Wendt seit 1980 wohl oft seinen fünf Söhnen in Kleinpösna vorgesungen. Während er ihnen beim Großwerden zusah.

Bäume gibt es um sein Haus herum, Tannen, Weiden und Linden, kraftvoll schützend, und Obstbäume, die die große Familie nähren wie der üppige Garten. Albert Wendt achtet und liebt dieses Anwesen, das seine Eltern lange gesucht und für das sie mühsam gespart haben. Denn es ist ein lebendiger Organismus, der, verwoben mit den Bewohnern, wächst und sich verändert, wie sich Gedanken verändern.

Ein Ort, der wie ein Gemälde, Schicht um Schicht aufgebaut, vom Sichtbaren aus das darunter Liegende ahnen lässt. Wie es auch seine Geschichten sehr schön macht, wenn in ihnen das Unscheinbare zutage tritt - wie bei seiner legendären Prinzessin Wachtelei, die in ihr goldenes Herz all das hineinlegen kann, was sie liebt.

Ja, das Zuhause von Albert Wendt ist in über 50 Jahren durchwirkt worden von seinem eigenwilligen Geist - der Wirklichkeit und Poesie in zahlreichen Theaterstücken, Hörspielen, Aphorismen und Kinderbüchern verknüpft hat. Es könnte erzählen von der Weltoffenheit seiner Freunde, die sich seit 1994 in der kleinen, urgemütlichen Küche zur Mittwochsrunde treffen: Gespräche, Geständnisse, Fragen, Denken, Lachen. Wendts Geschichten sind maßgeblich durch diese Runden beeinflusst worden. »Denn gesunde Seelennahrung«, lässt er Liese in seinem Stück »Die Dachdecker« sagen, »muss aus drei etwa gleichen Teilen bestehen: Menschen, Bücher und Natur«.

Sein Arbeitszimmer im »verbotenen Garten« ist auch der Geburtsort von »Adrian und Lavendel«, von dessen Erlebnissen Albert Wendt zum Welttag des Buches heute in der Buntstift-Schule in Strausberg, vor den Vor- und Grundschulkindern, lesen wird. Er wird auf sie schauen, wenn er ihnen von Lavendel, der geflügelten Dampfwalze erzählt, und er wird dabei seinen jüngsten Sohn Richard vor sich sehen, und er wird in über hundert erwartungsvolle Augenpaare blicken, und man darf träumen: Ein tiefes gegenseitiges Verstehen wird den Raum erfassen. Und die Kinder werden ihm dann vielleicht von ihrer Faszination erzählen, die sie bei ihrer Inszenierung seines Buches »Vogelkopp« für den außergewöhnlichen Helden dieses Namens empfanden, der sich nicht auf eingefahrene Wege einließ, nur auf sich selbst.

Und dann wird Albert Wendt von dem erzählen, was auf viele seiner Bücher zutrifft: dass er seinen Helden in eine vertrackte Situation hinein manövriert, aus der er heraus muss, aber: ohne dass er sich selbst verrät. Denn das will das Leben in den Büchern Wendts nicht. Das Leben in diesen Büchern will Zugriff, Tatkraft, das Mitmachen an der richtigen Stelle.

Also wirft er seinen Helden in einen Kampf, er treibt ihn bis an die Grenzen, damit er zeigen kann, was er wirklich taugt. »Ich will, dass meine Söhne stolze, starke Männer sind«, bekennt Cornelia, seine Frau.

»Meine Geschichten tragen das Bekenntnis zum Lebendigen als das Höchste und Beste, und das ist immer mit Störungen verbunden, mit Kummer, Aufregung, Freude. Aber darin besteht das Leben: beteiligt, verantwortlich sein. In diesen Rhythmen fließt das Leben vor sich hin, in den wohltuenden, jahrtausendealten Rhythmen. Wenn Großmutter frühzeitig aufstand und am Herd hantierte, die war immer in ihrer Mitte, hatte ein Seelenpolster für mühevolle Zeiten. Wenn ich krank war, schnappte sie ihre Tasche und lief zehn Kilometer über die Dorfstraße mit ihren krummen Füßen, und wenn ich gesund war, wieder zurück. Und wenn man später nachdenkt, es war eine gute Zeit.

Und genau darüber schreibe ich, wenn ich über und für Kinder schreibe. Ich schreibe nicht über die Situation, in der sie sind, sondern über das Leben, das ihnen später begegnen wird. Meine ganze Poetik ist da drin. Denn es ist ein Verlangen in uns Menschen, diese fremden Muster schon im Kopf vorweg zu nehmen. Glück suchen und finden, Geheimnisse - alles üben wir mit diesen Geschichten, damit wir auf das Leben vorbereitet sind. Was ich also bei den Kindern erreichen möchte, ist die Lust auf ein gutes Werk.«

Als Albert Wendt gefragt wurde, was er denn so lieb hätte, dass er es in sein Herz schließen möchte, kam die prompte Antwort: »Die Kinder, die gerade vor mir sitzen.«