Von Hans-Dieter Schütt
23.04.2012

Alles auf den ganz anderen Anfang

Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin: »Biografie: ein Spiel« von Max Frisch

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Hans Löw, Maren Eggert

Der Mensch lebt stets auf der Höhe seiner Möglichkeiten. Jeder Moment des Daseins ist exakt die Ausdrucksform, zu der sich all die inneren und äußeren Faktoren fügen, die auf eine Existenz einwirken. Sind wir schwach, sind wir stark - wir sind es, weil alles unweigerlich darauf hinauslief. Freier Wille? Komponentenballung. Die Rede, man könne auch anders, wenn … - das ist die Selbsttäuschung, mit der uns das träumende Bewusstsein darüber hinweghilft, dass besagte Höhe unserer Möglichkeiten oft einer Flachheit gleichkommt, die unglücklich machen kann. Daraus folgt die spielerische, quälend zwecklose Suche nach Scheidepunkten, wo wir, anders handelnd, vielleicht andere Lebenswege hätten einschlagen können.

Hans Kürmann, Professor, verheiratet - er verflucht offenbar jene Nacht, da er seiner künftigen Frau Antoinette begegnete. Wie hätte er damals reagieren sollen, um seiner Zukunft zu entgehen? Er - witzigerweise Verhaltensforscher - stellt sich einem Experiment. »Biografie: ein Spiel« heißt das Stück von Max Frisch, an den Kammerspielen des Deutschen Theaters hat es Bastian Kraft inszeniert, Bühne: Peter Baur.

Links ein Requisiten- und Kostümfundus für die Lebenspuzzleteile, die nach- und neuinszeniert werden, rechts der Tisch des Spielleiters, dem Kürmanns Biografie ein Karteikartenhaus ist, mit dem er Szene für Szene aufruft. In der Mitte ein drehbarer Pavillon mit durchbrochenen Wänden; der Spielort, aus dem per Video übertragen wird, was geschah, hätte geschehen mögen, nie geschah.

Kürmann und Antoinette. Immer wieder alles auf Anfang. Dann Stationen im Beruf. Seltsam auch da: Nicht mal spielend gelingt Kürmann die Alternative. Jeder Absprung ein Rücksturz. In die Langeweile des Gehabten. Das doch ein Abenteuer werden sollte. Aber Leben ist Entfremdung von der Absicht. Ist am Ende eine elende Wiederholungsschleife

Das ist die Tragik, die in knapp zwei Stunden nachdenkenswert erheitert. Hans Löw, der die schmierigen Elegiker so großartig spielen kann wie die traurig Durchtriebenen, ist dieser Kürmann. Man weiß früh: Hier steigt einer gern ins Spiel, weil er sich von vornherein als Sieger bestimmt. Löw parliert mit beinah tänzerischer Arroganz, um mit leichtathletischer Noblesse die Weichen seiner Vergangenheit in ein genehmeres Morgen zu stellen. Verliert sich aber zusehends nervöser, bebender an die Unabänderlichkeiten. Toll selbstsicheres Ausrollen des Egoteppichs - um patschig ins Stolpern zu kommen.

Maren Eggert als Frau, die hinausgelebt werden soll aus dieser Ehe, geht den umgekehrten Weg: eine Fremdbestimmte, die am Spiel-Schluss jene Freiheitsentscheidung trifft, vor der Löws Kürmann so aufgeladen einknickte. Helmut Mooshammer vervollständigt das Trio: ein hauchfein diabolischer Spielleiter, der mit zynischem Witz alle Hybris kommentiert, sich in der eigenen Biografie frei bewegen zu wollen.

Weil das nicht geht, erzählt Frischs Stück auch vom Mühen, dem Leben, so wie es lief, einen Sinn anzudichten, den es nie hatte. Im Privatleben wie in der politischen Geschichte: Um Herr des eigenen Denkens zu bleiben, um sich als ein Wesen des Durchblicks zu feiern, werden (da man schon nichts revidieren kann) im Nachhinein Logik und vermeintliche Gesetzmäßigkeiten aufgeboten, die es nicht gibt.

Eine heiter-intelligente Theaterunterhaltung. Auf die Bühne gestellt (die Personnage des Stückes radikal gekürzt) von einem Regisseur, der vielleicht noch über den Dingen steht, mit denen uns erst das Älterwerden unterwandert. Aber: die kühle Konstruktion des Stückes: stimmig gebettet in eine Konversation mit psychologischen Hitzegraden. Der herzliche Beifall hatte Fug.

Was wäre geschehen, hätte man in einer bestimmten Sekunde »Nein« statt »Ja« oder »Ja« statt »Nein« gesagt? Was, wenn man eine bestimmte Verabredung ausgeschlagen oder eingehalten hätte? Die Fragen ohne Lösung tragen das Leben - das aus Antworten entstand, von denen wir nie wissen, ob sie gut waren. Der Aphoristiker Horst Drescher schrieb: »Ich denke, jeder Mensch über fünfzig sollte einmal einen Abend oder eine Nacht darauf verwenden, darüber nachzudenken, wann sein Leben beendet war; man kommt bei angemessener Ehrlichkeit bis auf den Tag. So ein Abend oder so eine Nacht aber, die gehören noch zum Leben!«

Nächste Vorstellung: 24. April