Von Jirka Grahl
23.04.2012

Was gesagt werden muss

Hertha BSC blamiert sich gegen Absteiger Kaiserslautern und spricht doch weiter von der Wende

Ein Mantra murmeln die Herthaner in diesen Tagen unentwegt, am vernehmlichsten Trainer Otto Rehhagel, zuletzt am Samstag: »Die Chance, ist immer noch da, wir müssen sie nutzen.« Zwei Punkte liegt Berlin (17.) nach einer - man muss es so sagen - bemitleidenswert schwachen 1:2-Niederlage gegen rührend unbedarfte Kaiserslauterer hinter Köln (16.). Noch zwei Spiele, zuerst auf Schalke gegen den Tabellendritten, dann am letzten Spieltag gegen Hoffenheim - Planspiele, an deren Ende die Herthaner am 1. FC Köln (erst in Freiburg, dann zu Hause gegen den FC Bayern) vorbeigezogen sein wollen. Auf einen Relegationsplatz.

Auch am heutigen Montag wird der dritte Trainer der Spielzeit 2011/2012 seine Spieler wieder mit allerlei Redensarten aus der Fußball-Kramkiste versorgen, vermutlich nachdem seine Assistenztrainer René Tretschok und Ante Covic die Mannschaft beim öffentlichen Training mit ein paar Aufgaben auf Trab gehalten haben. Kärrnerarbeit nach einer Riesenchance, die am Samstag leichtfertig vergeben wurde: Gut 50 000 Fans waren am Nachmittag ins Olympiastadion gekommen, um zu erleben, wie sich ihre Hertha schließlich über den Absteiger aus Kaiserslautern erhebt.

Was sich indes in den neunzig Minuten auf dem Rasen abspielte, war für die leidgeprüften Berliner Zuschauer nur eine erneute Zumutung: Dunkelfußball, Angstgekicke, Ratlosrennen. Als Schiedsrichter Wolfgang Stark nach all dem armseligen Getue schließlich abpfiff, trotteten alle Beteiligten mit hängenden Köpfen vom Platz. Lautern war der erste Sieg nach 21 gescheiterten Versuchen gelungen, dennoch bestand für die Pfälzer nach dem Remis der Kölner gegen Stuttgart (1:1) nun auch rechnerisch keine Chance mehr auf den Verbleib in der Liga.

Zum Heulen war auch den Verlierern aus Berlin. Sie hatten sich im eng gesteckten Rahmen des Möglichen (acht Spieler fehlten verletzt oder gesperrt) um einen Sieg im »Jetzt-gilt's-Spiel« bemüht, jedoch nur im absoluten Ausnahmefall mal einen Weg durch die dicht gestaffelten Lauterer Abwehrreihen gefunden. Genau genommen nur ein einziges Mal, nämlich als Peter Niemeyer nach einer Stunde einen Eckball per Kopf zum 1:2 in die Maschen versenkte. Kurz wehte Hoffnung durchs Olympiastadion.

Doch die Gäste hatten zuvor bereits durch Oliver Kirch (27.) und Andrew Wooten (38.) für klare Verhältnisse gesorgt und Hertha war außerstande, daran Grundsätzliches zu ändern, trotz zwei Stürmern zu Beginn (Adrian Ramos und Pierre-Michel Lasogga), trotz eines Torwarts, der in den Schlussminuten seinen Kasten verließ um im Angriff mitzuhelfen, trotz vermeintlich entschlossener Wechseltätigkeit von Trainerroutinier Rehhagel: Patrick Ebert für Tunay Torun(45.), Fanol Perdedaj für Ramos (45.), Ronny für Nikita Rukavytsya (66.).

Nach 78 Minuten sah schließlich auch noch Herthas einzig akzeptabler Defensivspieler Niemeyer Gelb-Rot, da wussten die meisten Fans, was die Stunde geschlagen hatte. Viele zogen vor dem Abpfiff davon. Ob sie die Haupttribüne verließen oder die berühmte Ostkurve oder den Familienfanblock - Entsetzen stand in den Gesichtern und die Gewissheit: So steigt Hertha BSC ganz sicher ab.

Womöglich gehen der Hertha in diesen Tagen Fans verloren, die schwer wieder zurückzuholen sind. Kaum vorstellbar, dass eben jene Kopfschüttler vom Samstag in der nächsten Saison wiederkommen, um sich Spiele gegen den FSV Frankfurt oder Sandhausen anzuschauen. Mit einer Hertha, bei der die Hauptverantwortlichen der Misere womöglich noch immer an der Vereinsspitze weiterwerkeln dürfen.

Dass im Hintergrund angeblich ein Scheich aus Abu Dhabi überlegt, mit 15 Millionen Euro bei der schlingernden Hertha einzusteigen, wird kurzfristig kaum messbaren Erfolg zeigen. Derlei Summen nutzen eher, um erstens die Gläubiger zu besänftigen und vor allem die Lizenzierungsverantwortlichen der DFL.

Der bis ins Mark distanzierte Otto Rehhagel wird dann gewiss nicht mehr Trainer sein. Ein Verlust? Am Samstag erklärte der Routinier den Reportern, dass er so etwas wie bei Hertha noch nie erlebt habe: So ein unterbesetzter Kader. So eine Serie, fast jedes Spiel in Unterzahl beenden zu müssen. So, als ginge ihn das alles herzlich wenig an. Oder bewahrt hier nur einer den kühlen Kopf?

73 Jahre ist Otto Rehhagel alt, mindestens ebenso alt wie jene Worte, mit denen er seinen Spielern Mut zusprechen will: »Die Hoffnung stirbt zuletzt.« Ein alter Mann sagt, was ihm dazu noch einfällt. Was gesagt werden muss.