24.04.2012
Meine Sicht

Neigung und Pflicht

Klaus Joachim Herrmann über die Berliner SPD

Der Rivale Michael Müllers im Streben nach dem Parteivorsitz der Berliner SPD hat nach längerem Zögern seine Deckung verlassen. Das war von Amtsinhaber Müller gewünscht und gefordert. Jetzt begrüßt er »Klarheit« und kann erst einmal erleichtert sein. Ein konkreter Widersacher ist allemal besser als eine diffuse Anti-Stimmung auf Farbbeutel-Niveau.

Natürlich aber ist die Kandidatur von Jan Stöß eine Kampfansage. Die reicht über die höflich vermiedene Verheißung, »ich kann es besser«, weit hinaus. Denn die SPD-Linke sucht mit Stöß als Frontmann den schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Verheißung oder Pflicht und Neigung. Was sonst bedeutet das Kernargument gegen den aktuellen SPD-Vorsitzenden, er könne als Senator nicht mehr ordentlich SPD-Politik betreiben, weil er ja Kompromisse mit dem Koalitionspartner eingehen müsse.

Es geht also einmal mehr um den Gegensatz zwischen Regierung und Opposition, zwischen Wunsch und Möglichkeit. Dieses Elend trifft aber gewöhnlich die ganze Partei, wie auch die LINKE beweist. Sie wird damit nicht einmal fertig, wenn sie nicht mehr regiert. Was auf Dauer aber schon gar nicht zu machen sein dürfte, ist hier eine SPD, die regiert - dort eine SPD, die gegen sich opponiert.

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