Von Reiner Oschmann, London
25.04.2012

Die Olympischen Sicherheitsspiele

Flugzeugträger auf der Themse, Drohnen am Himmel und mehr Soldaten als in Afghanistan – Olympia treibt auch das Militär zu Höchstleistungen

Die Olympischen Sommerspiele in London werden als rekordreife Sicherheitsspiele ablaufen. Knapp 100 Tage vor Eröffnung steht fest: Olympia an der Themse erlebt die größte Mobilisierung der militärischen und Sicherheitskräfte im Vereinigten Königreich seit dem Zweiten Weltkrieg.

Olympische Spiele heute haben nur noch wenig gemein mit denen, die dem Begründer der Neuzeitspiele, Pierre de Coubertin (1863-1937) vorschwebten. Das trifft auch auf London zu. Dort gehen ab 27. Juli Athleten aus 204 Ländern an den Start, und die Gastgeber, die 2008 einen vierten Platz im Medaillenspiegel (19 mal Gold, 47 Medaillen insgesamt) belegten, hoffen jetzt, aufs Treppchen zu kommen.

»Moderne Olympische Spiele«, schrieb der »Guardian«, »bedeuten eine Gesellschaft auf Doping. Und die Spiele verstärken Trends in anderen Bereichen. Weit entfernt von ihren Gründungsidealen, verkörpern die Wettkämpfe Veränderungen im Weltmaßstab: schnell zunehmende Ungleichheit, wachsende Macht von Konzernen, den Aufstieg der Sicherheitsindustrie und eine Hinwendung zu autoritäreren Regierungsformen.«

Briten sind sportbegeistert. Nicht nur, wenn’s um Fußball, Rugby oder Cricket geht. Bis heute sehen sie sich als Mutterland von Wettkampf, Nehmerqualitäten und Fair Play, selbst wenn der Stand für Letzteres auch auf der Insel nicht leichter geworden ist.

Nicht zuletzt deshalb ist die Nation kurz vor den dritten Olympischen Spielen in Britanniens Metropole gespalten. 100 Tage vor der Eröffnungszeremonie in Stratford, im ärmsten Bezirk Londons, fanden fast zwei Drittel der Steuerzahler, Olympia koste »zu viel«. Londons Einwohner, wie der Berichterstatter in vielen Gesprächen feststellte, sind hin- und hergerissen – fifty-fifty Vorfreude und Verfluchen der Olympics.

Viele Briten besorgt die Begleitmusik. Sie verheiße nichts Gutes. Das hört man von Olympiafeinden wie Olympiafans. Durchaus repräsentativ, was IT-Experte Garry Walker (55) im Hof der Anglikanischen Kirche von St. John’s im Stadion-Stadtteil Stratford sagte: »Die Olympia-Millionen sind verschwendet. Ich glaube nicht an bleibende Werte. Das Allerletzte jedoch, woran ich glaube, ist die Aufwertung unseres Viertels. Allenfalls werden Einheimische verdrängt, die sich das Leben hier nicht länger leisten können.«

Briten lieben Zahlen – und Wetten. Aktuell ist deshalb eine Prognose anerkannter Wissenschaftler von Sheffields Hallam University in vieler Munde. Sie prophezeien für »Team GB« 56 Medaillen, davon 27 goldene. Der Heimvorteil sei 15 Medaillen extra wert ist. Heftiger indes werden andere Zahlen diskutiert: Das Heer der Sicherheitsleute wächst permanent. Ihre Kosten haben sich in einem Jahr auf 553 Millionen Pfund verdoppelt, und jeder weiß, auch diese Ziffer ist nur ein Zwischenbescheid. »Olympia in London«, betont der »Guardian«, »wird die größte Mobilisierung von militärischen und Sicherheitskräften im Vereinigten Königreich seit dem Zweiten Weltkrieg erleben. Mehr Soldaten – rund 13 500 – werden eingesetzt als aktuell im Afghanistankrieg. Die wachsende Armee an Sicherheitspersonal wird auf Zahlen zwischen 24 000 und 49 000 taxiert. Die Geheimhaltung ist so groß, dass niemand Genaues zu wissen scheint.«

Britische Sicherheitsdemonstrationen führen sich nicht so provozierend wie in den USA, Russland oder China auf – Amerikaner in London staunen, dass viele »Bobbies« weiter unbewaffnet sind –, dennoch ist die gigantische Olympia-Aufrüstung unübersehbar: Ein Flugzeugträger soll auf der Themse festmachen, ein Schlachtschiff im Kanal. Raketenstellungen werden den Himmel über London durchleuchten, Drohnen die Wettkampfarenen und das Stadion zur Eröffnungs- und Abschlussfeier. Eurofighter der Royal Air Force steigen vom Stützpunkt Northolt auf ...

Den USA genügt das nicht. Sie stellen eigene Sicherheitskräfte ab, darunter 500 FBI-Agenten. London, schon heute eine der Metropolen mit der höchsten Dichte an Überwachungskameras, bekommt neueste Scanner, biometrische Ausweise und elektronische Kontrollpunkte. Das Westfield Shopping Centre in Stratford ist seit Herbst nicht nur das größte innerstädtische Europas, es ist auch das erste im Land mit Sprengstoff-Scannern an allen Eingängen.

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