Von Jürgen Amendt
25.04.2012

Das Ich-Kollektiv

Aufstieg der Piratenpartei: Wenn alle mit allen über alles reden

Gibt es eigentlich noch jemanden, der die Gebühreneintreiber von der GEZ oder die Musikrechteverwerter von der GEMA sympathisch findet? Die Zahl derer, die solcherart positive Empfindungen haben, dürfte gering sein. GEZ und GEMA stehen für die Krake der »Contentmafia«, die die Freiheit des Konsumenten, aus einer Vielzahl von Möglichkeiten zu wählen, bedroht. Wie nie vorher ist der Konsument zum Inbegriff einer Gesellschaft geworden, die - scheinbar - auf der freiwilligen Assoziation gleichberechtigter Individuen fußt. Insofern ist der Erfolg deren politischer Vertretung, der Piratenpartei, bei Umfragen und Wahlen nicht verwunderlich.

In ihrem Selbstverständnis wie in der Fremdwahrnehmung sind die Piraten eine Freiheitspartei. Ihre Anziehungskraft besteht u.a. darin, dass einzelne Mitglieder in ihren Äußerungen keinerlei Beschränkungen auferlegt sind; die freie Rede genießt Vorrang vor der Parteidisziplin und ähnlichen Prinzipien des kollektiven Zwangs. Zudem versprechen die Piraten Transparenz: Ihre Fraktionssitzungen können live via Internet nachverfolgt werden, Debatten werden über Twitter geführt, Entscheidungen nach dem Prinzip der »liquid democracy« getroffen. Dieser Freiheitsbegriff aber ist eine Chimäre. Im Ruf, ein jeder solle sich individualisieren, zeigt sich der Geist des kollektiven Zwangs.

Das System der »liquid democracy« fußt auf dem Prinzip der permanenten Rückkoppelung von politischen Entscheidungen mit der Basis. Wirklich alle und nicht nur ausgewählte Parteitagsdelegierte können sich an Debatten beteiligen. Eine schöne Utopie: Alle reden mit allen über alles. Die Piraten feiern es als Neuerfindung der Demokratie durch das Internet. Demokratie in Echtzeit, nicht jene virtuelle Debatten, wie wir sie aus dem Bundestag kennen.

Doch ist das bedingungslos von Vorteil? Demokratie heißt auch, dass ihre Repräsentanten für Entscheidungen einstehen, die vielleicht nur mit knapper Mehrheit beschlossen wurden und in einer Partei oder politischen Gruppierung weiterhin umstritten sind. Besteht der Nachteil dieser »flüssigen Demokratie« nicht darin, dass im Konzert der Meinungen Beliebigkeit zum Grundton wird? Und: Die Abstimmungen im Internet sind allenfalls bindend für Partei- und Politik-Gremien, nicht zwingende Handlungsaufforderung. Für Abgeordnete etwa gibt es kein imperatives Mandat, sie sind vom Grundsatz her bei Entscheidungen im Parlament nur ihrem Gewissen unterworfen, bleiben also - im Prinzip - wirkliche Individuen. Ganz anders die Piraten. Wer sich hier aus dem Kollektiv herausheben will, erweckt das Misstrauen der anderen.

In der Science-Fiction-Serie »Star Trek« gibt es eine Spezies, deren Wesensart in Teilen denen der Piraten vergleichbar ist: die »Borg«. Diese kybernetischen Kreaturen funktionieren und denken in einem Kollektiv, in dem die Stimmen der Vielen zu einer Stimme werden. Eines Tages wird ein einzelner Borg vom Kollektiv getrennt und entwickelt hierdurch ein Ich-Bewusstsein. In die Gemeinschaft der Gleichgeschalteten zurückgekehrt, infiziert er andere mit dem Virus der Individualität. Als ein Teil der Borg sich gegen das Kollektiv wendet, werden diese verstoßen. Die so Individualisierten beklagen daraufhin den Verlust an Geborgenheit und Sicherheit. Ihm fehle der ruhige, sanfte Klang der Stimmen des Kollektivs, sagt einer von ihnen. Eins sein mit den Anderen, das verleiht Halt.

Mit den Piraten verhält es sich ähnlich: Ein Austreten aus dem Kollektiv der Schwarmintelligenz ist gleichsam Austritt aus dem digitalen, Unschuld verheißenden, von Pseudonymen bevölkerten Debatten-Paradies. Piraten-Politiker wie der parlamentarische Geschäftsführer der Partei im Berliner Abgeordnetenhaus, Martin Delius, der in einem »Spiegel«-Interview den Aufstieg seiner Partei mit dem der NSDAP verglich, sind wie jener Borg, dem der Sinn für Individualität gegeben wurde: Er wird zum Irrläufer.

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