Von Thomas Cabral, AFP
25.04.2012

Schrägstrich statt gelb

Portugiesischer Designer entwirft Code für Farbenblinde

U-Bahnpläne mit verschiedenfarbigen Linien oder farbgestützte Leitsysteme im Krankenhaus: Was dem Normalbürger das Leben erleichtert, ist für Farbenblinde eine Herausforderung. Auch Kleiderwahl oder die Unterscheidung eines roten von einem grünen Apfel stellt Farbenblinde vor ungeahnte Probleme. Ein Designer im nordportugiesischen Porto hat ein System entwickelt, mit dem er Farbenblinden den Alltag erleichtert. In Porto findet sein Code langsam Verbreitung. Nun hofft er, dass er auch weltweit übernommen wird.

Erstmals beschrieb der englische Physiker John Dalton den genetischen Defekt, er heißt oftmals noch heute Daltonismus. Der Designer Miguel Neiva verbrachte viele Jahre damit, einen einfachen Farbcode mit einprägsamen Symbolen für Menschen mit solcher Farbsinnstörung zu entwickeln. Bis zu zehn Prozent der männlichen Bevölkerung sind nach seiner Darstellung zu einem gewissen Grad farbenfehlsichtig. Neiva selbst ist nicht farbenblind, doch prägten ihn Kindheitserfahrungen: »Ich hatte einen farbenblinden Freund in der Grundschule, der jahrelang von Kindern wie mir schikaniert wurde«, sagt er. Das ColorADD-System des 42-Jährigen basiert auf den Grundfarben rot, blau, gelb. Ein Schrägstrich steht für gelb, rot und blau werden von verschieden ausgerichteten Dreiecken symbolisiert. Wie auf der Farbpalette zusammengemischt ergeben ein »gelber« Schrägstrich und das »blaue« Dreieck dann die Farbe grün. Für andere Farbtöne werden weiße oder schwarze Quadrate um die Symbole plaziert. Rosa ist z. B. ein nach oben weisendes Dreieck für rot, umgeben mit einem weißen Quadrat.

Das Sao Joao-Krankenhaus in Porto, eines der größten des Landes, hat das System bereits mit großem Erfolg auf seinen Patientenarmbändern eingeführt. »Es gab schon vorher ein paar Versuche, den Farbenblinden bei der Orientierung zu helfen, doch dieses System ist ein völlig neuer Ansatz«, sagt der leitende Augenarzt der Klinik, Fernando Falcao Reis. Er bescheinigt dem Code »international großes Potenzial, weil er so einfach zu lernen und zu gebrauchen ist«.

Von den Betroffenen wurde das System laut Neiva begeistert aufgenommen. »Ich hatte keine Ahnung, wie groß dieses Projekt werden würde«, sagt er. Es begann mit seiner Diplomarbeit und wurde zu einer jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Daltonismus. Neiva zufolge bitten bis zu 90 Prozent der Farbenblinden um Hilfe bei der Auswahl von Kleidern. Wie peinlich die Farbsinnstörung sein kann, musste z. B. ein Polizist erfahren, der statt im blauen versehentlich im rosa Hemd zu seiner Feier für den erfolgreichen Ausbildungsabschluss erschienen war.

José Vieira, Geschäftsführer der Buntstift-Manufaktur Viarco bei Porto, ist ebenfalls begeistert. »Miguel hatte eine super Idee, die wunderbar simpel ist. Ich glaube, in ein paar Jahren wird seine Erfindung weit verbreitet sein.« Der Handel jedenfalls habe sich sehr aufgeschlossen gezeigt, sagt Vieira. Seit 2010 hat der Handwerksbetrieb etwa 8000 Kästen Buntstifte mit dem ColorADD-Symbol hergestellt.

Auch bei Stoff- und Farbmustern wird der Code verwendet, bei manchen Kleidern und Schuhen sowie im U-Bahnnetz von Porto. »Den Nutzungsmöglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt«, schwärmt Neiva. Er denkt an Computeranwendungen, bei denen Farbenblinde die Bildschirmfarben mit der Maus identifizieren können. Zurzeit verhandelt der Designer mit den Veranstaltern der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro um die Übernahme des Farbencodes. Das System ist seiner Ansicht nach »der einzige Weg, das Trauma und die Diskriminierung von Farbenblinden zu beenden«.

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