Von Klaus Tscharnke, dpa
25.04.2012

Rätsel um Kaspar Hauser

Spekulationen über den angeblich verstoßenen badischen Erbprinzen halten sich bis heute

Pfingstmontag 1828: Ein wild aussehender Jüngling wankt durch die Nürnberger Altstadt. Der jahrelang in einem Verlies festgehaltene Kaspar Hauser tritt in die Welt - und sorgt mit seinem Schicksal für eine Weltsensation. Am 30. April wäre er 200 Jahre alt geworden.

Spekulationen über seine Herkunft beschäftigten ganze Historiker-generationen. Aber selbst moderne Erbgutanalysen konnten das Rätsel um den 1828 plötzlich in Nürnberg aufgetauchten Findling Kaspar Hauser nie umfassend lösen. Inzwischen macht sich auch der Ansbacher Kaspar-Hauser-Experte Werner Bürger kaum noch Hoffnung, die genaue Herkunft des jahrelang in einem Verlies festgehaltenen und später ermordeten Jünglings zu klären. Nach jahrzehntelanger Forschung zieht der Leiter des örtlichen Markgrafenmuseums eine ernüchternde Bilanz: »Man kann immer wieder den Stein umdrehen - es kommt kein neuer Wurm zum Vorschein«.

Selbst ein - wenn auch umstrittener Jahrestag - scheint kaum noch Forscherdrang auszulösen. Der rätselhafte Sonderling wäre am kommenden Montag 200 Jahre alt geworden. Darauf lässt jedenfalls ein Brief schließen, den Hauser am Pfingstmontag des Jahres 1828 bei sich trug, als er auf dem Nürnberger Unschlittplatz von Passanten aufgelesen wurde. Ungelenk und wie ein Betrunkener war er am Morgen durch die Nürnberger Straßen gewankt. Auf einem ihm anscheinend zugesteckten Brief war sein Geburtstag mit dem 30. April 1812 angegeben.

Bürger hält die Datumsangabe derweil für genauso unglaubwürdig, wie das gesamte, angeblich von einer armen Magd verfasste Schreiben. Dieser »Mägdlein-Brief« dürfte genauso gefälscht sein wie ein zweites Begleitschreiben, schätzt der Kaspar-Hauser-Experte. Trotzdem werde Hauser wohl so um das Jahr 1812 geboren sein - »auf ein Jahr hin oder her kommt es nicht an«, meint Bürger.

Hatte schon das plötzliche Auftauchen Hausers in Nürnberg für Aufregung gesorgt, so machte ihn seine unklare Herkunft zur Weltsensation. Jahrelang, so berichtete Hauser später, sei er abgeschottet von der Außenwelt, bei Wasser und Brot, in einem Verlies groß gezogen werden. Den genauen Ort kenne er nicht. Versorgt habe ihn ein maskierter Mann, erzählt er, nachdem er das Reden erlernt hatte.

Die Salons im Deutschland der Romantik hatten jedenfalls ihren Skandal - und schon bald schossen Spekulationen ins Kraut, Hauser sei der legitime Thronfolger des badischen Großherzogs; als es darum gegangen sei, eine neue Linie der Zähringer-Dynastie zu etablieren, habe Hauser im Weg gestanden, sei ausgetauscht und beiseitegeschafft worden. Andere hielten ihn hingegen für einen Hochstapler oder einen gerissenen Gauner, der sich geschickt Zugang zur besseren Gesellschaft seiner Zeit verschafft habe.

Spekulationen über den angeblich verstoßenen badischen Erbprinzen halten sich dennoch bis heute - auch wenn sie im Jahr 1996 mit Untersuchungen im Auftrag des Magazins »Der Spiegel« widerlegt schienen. Der Münchner Gerichtsmediziner Professor Wolfgang Eisenmenger hatte damals Blutspuren an einer Unterhose Hausers mit Erbgut von Astrid von Medinger untersucht - einer Nachfahrin von Stephanie de Beauharnais aus dem Hause Baden; manche halten sie für die Mutter von Kaspar Hauser. Das Ergebnis bereitete der Erbprinz-Theorie erst einmal ein Ende: Die Übereinstimmung des Erbguts war zu gering.

Als sich das ZDF damit nicht zufriedengab und ein paar Jahre spät zwei Haare von Hauser mit moderneren Methoden gentechnisch untersuchen ließ, waren die Übereinstimmungen zwischen den Erbinformationen zwar größer, aber für Fachleute noch immer nicht ausreichend. Das muss nach Einschätzung des inzwischen emeritierten Gerichtsmediziners Eisenmenger aber nicht unbedingt bedeuten, dass Hauser kein Abkömmling des Hauses Baden ist. Erbinformationen könnten sich über die Jahrhunderte verändern, gibt er zu bedenken. Auch der Umstand, dass der DNA-Vergleich anhand der Blutspuren an Hausers Unterhose keine Übereinstimmung brachte, mache Hauser keineswegs zum entzauberten Erbprinzen. »Was wäre, wenn die Unterhose irgendwann ausgetauscht wurde?« so der Rechtsmediziner. Schließlich sei diese erst seit 1973 im Ansbacher Markgrafenmuseum verwahrt. Vorher habe sie seit der Ermordung Hausers im Jahr 1833 in der Asservatenkammer der Ansbacher Staatsanwaltschaft gelegen. Aber wer könnte sie denn dort vertauscht haben? »Das ist jedermanns Fantasie überlassen«, meint Eisenmenger vieldeutig.

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