25.04.2012

Brosamen statt Konzept

Kommentar von Silvia Ottow

Am Umgang mit den Pflegebedürftigen zeigt sich deutlich das ganze Dilemma, in dem die deutsche Sozialpolitik steckt. Eigentlich ist hinlänglich bekannt und ausreichend wissenschaftlich untersucht, wie kranke, altersverwirrte Menschen betreut werden müssten. Individuell, mit großem Zeitaufwand, durchaus kostenintensiv, am besten in der Mitte der Gesellschaft, absolut transparent und möglichst wenig in unpersönlichen großen Pflegeheimen mit Fließbandbetreuung und Krankenhauscharakter. Dennoch sind diese Einrichtungen überall dort das Rückgrat der Pflege, wo es sich Angehörige nicht erlauben können, rund um die Uhr für ihre Verwandten zu sorgen, genau gesagt: fast in der Hälfte aller Fälle. Und sowohl in diesen Pflegeheimen als auch bei mobilen Diensten, die ins Haus kommen, geht es in erster Linie ums Geschäft, und man möchte sich nicht in die Karten schauen lassen.

Ein Geschäft mit Menschen? Wir wissen, wie schlecht das geht. Funktionieren kann es eigentlich nur, wenn möglichst wenig Personal in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Patienten versorgt. Dann springt was dabei raus für den, der es betreibt. Es ermöglicht ihm, in eine Finca in den mallorquinischen Bergen zu ziehen und gar nicht mehr selbst arbeiten zu müssen. Die Oma im Fichtelgebirge aber kann gar nicht so schnell schauen, wie ihre Pflegekraft wieder aus dem Zimmer im Heim verschwunden ist, nachdem sie in Minutenschnelle die Morgenwäsche erledigte. Mit etwas Glück kommt zweimal in der Woche eine Ehrenamtliche zum Vorlesen oder Unterhalten. Ist das die Selbstbestimmung, die gestern der Ethikrat zu Recht auch für Demente einforderte?

Selbstbestimmung für Pflegebedürftige kann es in einem System gewinnmaximierter Heime gar nicht geben, auch wenn sich nach Bekunden des medizinischen Dienstes einiges verbessert hat. Die Prüfer führen das vorrangig auf das große öffentliche Interesse zurück. Doch dieses Interesse ist die eine Seite, die andere ist eine an neuen Konzepten vollkommen desinteressierte Politik, die sich einer längst überfälligen Debatte um neue Parameter in diesem Bereich einfach verweigert und stattdessen glaubt, wer eine bessere Pflege haben will, soll halt mehr bezahlen. Man wirft den Menschen ein paar Brosamen in Form von Geld hin. Die machen schöne Schlagzeilen über staatlich geförderte Pflegewohngemeinschaften, können aber kein einziges Pflegeloch stopfen.

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