Von Martin Ling, Barcelona
26.04.2012

Die Rückkehr des Leidens ins Camp Nou

Trotz erdrückender Dominanz verpasst der FC Barcelona durch ein 2:2 gegen Chelsea das Finale der Champions League

In der Ära von Pep Guardiola schien die historische Formel aufgehoben zu sein: »Los culés somos sufridores.« - »Wir Barça-Fans sind Leidende.« 13 Titel in vier Jahren heimsten die Schützlinge des 41-jährigen Trainers ein. Darunter zwei grandiose Finalsiege gegen Manchester United in der Champions League. Doch auch Barça wird es dieses Jahr nicht gelingen, was noch keine Mannschaft seit Einführung des Wettbewerbs 1992 geschafft hat: den Titel zu verteidigen.

Am Dienstagabend kam im mit fast 100 000 Zuschauern gefüllten Camp Nou gegen Chelsea London das Leiden zurück. Ein Spiel auf ein Tor, in dem Barça alle Trümpfe in der Hand hatte, um sie dann doch zu verspielen. Allen voran Weltfußballer Lionel Messi, der seinen sagenhaften 63 bisherigen Saisontoren kein weiteres hinzuzufügen vermochte - trotz bester Gelegenheiten inklusive eines Elfmeters nach 49 Minuten.

Ein Spiel, das nach dem Spielverlauf nur einen klaren Sieger kennen konnte und doch 2:2 endete. Ein Spiel, das Fernando Torres, Schütze des Ausgleichs für Chelsea London in der Nachspielzeit, auf den Punkt brachte: »So ist der Fußball. Nicht immer gewinnt der Favorit oder die bessere Mannschaft. Wir mussten so spielen, weil wir sonst keine Chance gehabt hätten.«

So spielen, hieß, fast die ganze Zeit mit allen Mann den eigenen Strafraum zu verrammeln, um das 1:0 aus dem Hinspiel zu verteidigen. Und dennoch gab es klare Chancen und sogar eine 2:0-Führung durch Sergio Busquets (35.) und Andrés Iniesta (43.), der kurz nach dem Platzverweis für Chelseas Kapitän John Terry gegen nur noch zehn Londoner nachlegte. Barça schien schon im Finale zu stehen. Was sollte denn jetzt noch schiefgehen? Eine Frage, die sich unter Guardiola bisher nie gestellt hatte. Seine Lieblingsredewendung heißt auf Katalanisch »persistim«, auf Spanisch »persistimos« - auf Deutsch »wir beharren«.

Jenes Vermögen, bis zum Schlusspfiff Spiele noch drehen zu können, leitete im Halbfinale 2009 bei Chelsea mit dem Tor von Andrés Iniesta in der Nachspielzeit die Titelserie ein. Am Dienstag endete die Beharrlichkeit gegen denselben Gegner im Ausscheiden - mit zwei Gegentreffern in den Nachspielzeiten beider Hälften durch Ramires (45.) und Torres (90.).

Pep Guardiola lässt seit Monaten offen, ob er noch die Energie für eine weitere Saison verspürt. Nur die Zuneigung der Spieler und Fans hinderte ihn bisher wohl daran, seinen Abschied zu verkünden. Nach dem Spiel wurden die Mannschaft und der Trainer vom Publikum minutenlang gefeiert. Mit der Gelassenheit, nach langer Zeit mal wieder ein historisches Scheitern erlebt zu haben, traten die Culés den Heimweg an. Guardiola sprach ihnen aus der Seele: »Ich fühle eine unendliche Traurigkeit.« Ob er bleibt, will er bald bekanntgeben. Geht er, endet die erfolgreichste Ära der seit 1899 währenden Vereinsgeschichte.

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