Von Harald Loch
26.04.2012
Politisches Buch

Rosa Winkel

Homosexuelle als NS-Opfer

Die Geschichte der Ermordung der Juden Europas ist und wird weiterhin minutiös erforscht und beschrieben. Dass die Machthaber des »Dritten Reiches« daneben andere Bevölkerungsgruppen in ihr Repressions- und Vernichtungsprogramm aufgenommen hatten, ist bekannt, vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten, aber auch Roma und Sinti, Zeugen Jehovas und auch Homosexuelle. Deren Verfolgungsgeschichte wird erst jetzt dem Vergessen entrissen.

Der Medizinhistoriker Günter Grau hat sich seit seiner international beachteten Studie »Homosexualität in der NS-Zeit« als der führende Spezialist für ein Thema etabliert, das lange im Schatten der Shoah stand und nur zögerlich erforscht wurde. Schuld daran war sicher auch die Tatsache, dass Homosexualität unter Männern - um die geht es in erster Linie - noch lange Zeit in der Bundesrepublik und auch in der DDR strafbar war. Die von den Nazis erheblich verschärften Vorschriften blieben in der Bundesrepublik trotz ihres erkennbaren nationalsozialistischen Unrechtsgehalts in Kraft.

Vorgestellt werden Personen (Verfolger wie Verfolgte) und Institutionen der Unterdrückung sowie die Verfolgungspraxis auch in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten. Beleuchtet werden ideologische Begriffe wie das »gesunde Volksempfinden«. Die Karrieren einzelner Täter werden bis in die Zeit der Bundesrepublik nachgezeichnet. Für mehrere steht hier der Kriminalkommissar Oskar Wenzky, der während des Krieges in den besetzten Niederlanden an der Deportation von Juden beteiligt war und nach dem Krieg als Gutachter in dem Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht zu § 175 StGB im Jahre 1953 auftrat und es bis zum Leiter des Landeskriminalamts in Düsseldorf brachte.

Aus einzelnen Beiträgen des lexikalischen Teils ergeben sich auch so widersprüchliche Erscheinungen wie der propagandistische Vorwurf von Linksparteien während der Endzeit der Weimarer Republik, die Nationalsozialisten seien ein Haufen von Homosexuellen. Das sollte die Nazis in Verruf bringen, diskriminierte aber letzten Endes die Homosexuellen. Die Röhm-Affäre um den homosexuellen SA-Führer wird ebenso dargestellt wie der Schutz, den Hermann Göring seinem Lieblingsregisseur und Intendanten Gustav Gründgens angedeihen ließ.

Im Zentrum der Verfolgungsmaßnahmen der Nazis gegen männliche Homosexuelle standen die Konzentrationslager, in denen die Betroffenen zur Unterscheidung mit einem Rosa Winkel gekennzeichnet waren. In Einzelfällen wurden auch weibliche Homosexuelle in Konzentrationslager verschleppt - dort wurden sie mit einem Schwarzen Winkel, als »Asoziale« gekennzeichnet.

Leider dürfte der stattliche Preis selbst Institutsbibliotheken abschrecken, dieses Werk anzuschaffen. Warum gab es eigentlich keine Stiftungsmittel, um dieses überaus wichtige Buch zu subventionieren?

Günter Grau: Lexikon zur Homosexuellenverfolgung 1933-1945. Institutionen - Personen - Betätigungsfelder. LIT Verlag, Münster. 393 S., geb., 119,90 €.

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