Von Martin Hatzius
26.04.2012

Kennen Sie Leonard Howell?

»The First Rasta« von Hélène Lee

Jedes Leben hinterlässt Spuren. Mit der Zeit verwischen sie, wenn niemand sie in erzählter, geschriebener, fotografierter Geschichte nachzeichnet und konserviert. Dass Hélène Lees Dokumentarfilm »The First Rasta« eine Spurensuche ist, demonstrieren schon die ersten Bilder: Die Handkamera folgt einem Mann, den Dreadlocks und Bart als Rastafarian ausweisen. Auf den belebten Straßen einer jamaikanischen Stadt, vermutlich Kingston, fragt er Passanten und Händlerinnen nach einem Namen: Leonard Percival Howell, genannt Gong. Nein, nuscheln sie, nie gehört.

Howell (1896-1981) war der Begründer der Rasta-Bewegung, erklärt die Sprecherin aus dem Off: »der Mann, der Bob Marley seine Botschaft gab«. Howell propagierte aufrührerisch die Selbstachtung der unterdrückten Schwarzen, er lehrte die Göttlichkeit des äthiopischen Kaisers Haile Selassie (dessen Krönung Marcus Garvey, den Howell gut kannte, vorausgesagt hatte) und entwarf in seinem hinduistisch beeinflussten Buch »The Promise Key« eine spirituelle Heilslehre. Die einzigen Filmaufnahmen, die es von ihm gibt, stammen von Howells Beerdigung. »Sein Vermächtnis«, heißt es, »ist mitbegraben worden«.

Die Französin Hélène Lee hat sich als Regisseurin, Journalistin, Autorin und Übersetzerin jahrzehntelang mit jüngerer afrikanischer und karibischer Kultur und Geschichte befasst. Ihrem Film »The First Rasta« ging ein gleichnamiges Buch über Howell voraus, der seiner spirituellen und politischen Botschaften wegen geächtet, verfolgt und unzählige Male inhaftiert oder zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen worden war. Spätestens durch den weltweiten musikalischen Durchbruch des Rasta-Mannes Bob Marley haben sich mit dem Reggae auch Lebensgefühl (einschließlich Marihu-ana-Rauch), Gedankengut und Kultur der Rastafarians über den Erdball verbreitet. Von den Wurzeln der Bewegung aber ist wenig bekannt. Hélène Lees Arbeiten sind Versuche, das zu ändern.

Der Film nähert sich Howell von zwei Seiten. Zum einen erzählt er, was biografisch überliefert ist, und untermalt es mit historischen Aufnahmen, die den globalen Umbruch des frühen 20. Jahrhunderts vergegenwärtigen: der Bau des Panama-Kanals ist zu sehen (wie viele schwarze Jamaikaner war Howell dabei), Bilder aus der blutjungen Sowjetunion (als Seemann wollte Howell das Land Lenins, dessen Ideen ihn begeisterte, persönlich sehen und landete in Wladiwostok) und des multikulturellen Lebens in New York (wo er sich von schwarzen Juden, Jüngern der schwarzen Bibel und Gandhi-Anhängern inspirieren ließ). Zum anderen kommen vom Leben gezeichnete Zeitzeugen zu Wort, die Howell persönlich erlebt haben, die sich von seiner Lehre mitreißen ließen und an seiner Seite in der Rasta-Kommune Pinnacle ein selbstbestimmtes Dasein probierten. Howells Sohn führt die Filmcrew durch die Ruinen des Rasta-Dorfs, das seinen Gegnern keine zwei Jahrzehnte lang standhielt. Dann zerstörten Soldaten die Plantagen, brannten die Hütten nieder und inhaftierten viele Bewohner.

Leonard Howell starb einsam, nachdem er jahrelang asketisch in einem Höhlenversteck im Wald gelebt hatte. Hélène Lees Film nimmt seine Spur auf und entdeckt Verästelungen, die bis in die Gegenwart reichen. Ihren von Howell inspirierten Lebensentwurf verstehen die Rastas als spirituell und widerständisch gelebte Alternative zu jenem modernen »Babylon«, als das sie die zerstörerische Welt des globalen Kapitals bezeichnen. Auch Rasta ist vielerorts zum marktförmigen Ding geworden. Nicht aber da, wohin Hélène Lee der Spur folgt.

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