Von Thomas Gesterkamp
27.04.2012

Cool, witzig und faul

Werden Jungen im deutschen Schulsystem mehr benachteiligt als Mädchen?

Männliche Kinder und Jugendliche wachsen in weiblichen Wertsystemen und mit wenigen gleichgeschlechtlichen Bezugspersonen auf. Dennoch sind nicht alle Jungen «Bildungsverlierer”: Die soziale Herkunft ist wichtiger als das Geschlecht.

Dritte Stunde in einer Grundschule: Die Kinder haben gerade die »große Pause« hinter sich. Dennoch herrscht große Unruhe, zu der vor allem die Jungen beitragen. Es hält sie nicht auf ihren Stühlen, sie toben durch den Klassenraum, raufen und schreien. Still wird es erst, als die Lehrerin die Rückgabe der Deutscharbeit ankündigt. Diese sei schlecht ausgefallen, sagt sie. Die männlichen «Störer«, die sie eben noch ermahnt hat, teilen sich die Fünfen und Sechsen.

Eine typische Geschichte, glaubt Frank Beuster, Lehrer in Hamburg und Autor eines Buches mit dem reißerischen Titel »Die Jungen-Katastrophe«. Der Pädagoge beobachtet eine große Ratlosigkeit gerade unter weiblichen Kolleginnen. Wenn Schüler sehr lebhaft sind und im Unterricht kaum zur Ruhe kommen, stecke oft Bewegungslust dahinter. Die aber ist im Schulalltag meist unerwünscht, für Prügeleien und Lärm gibt es »null Toleranz«. Das »pflegeleichte Mädchen« sei zur Norm geworden, so Beusters kritisches Fazit.

Schulprobleme sind heute vorrangig Probleme von Jungen: Sie zeigen schlechtere Leistungen, in den Lehrerzimmern gelten sie als renitent und wenig anpassungsbereit. Zwei Drittel der Schulabbrecher und drei Viertel der Sonderschüler sind männlich. In den Hauptschulen stellen Jungen die deutliche Mehrheit, in den Gymnasien sind sie dagegen zur Minderheit geworden.

Zum Selbstverständnis von Jungen gehört es, »cool, witzig und faul zu sein, weshalb sie häufig dem widerständigen und sozial auffallenden Schülertypus entsprechen«, analysiert der Berliner Geschlechterforscher Michael Cremers in einer Expertise für das Bundesfamilienministerium. »Kein Streber sein«, so der Wissenschaftler, verstehen Jungen als einen Teil von Männlichkeit, mit dem sie sich abgrenzen und von Frauen unterscheiden können.

In dem sinnvollen Bemühen, pädagogische Institutionen zu befrieden und zu demokratisieren, sind Lehrerinnen und andere Fachkräfte manchmal zu weit gegangen – etwa, wenn sie den Bewegungsdrang männlicher Schüler als lästig betrachten. Oder wenn sie das spielerische Ringen, das sportliche Kräftemessen unterbinden wollen, mit dem Jungen häufig spätere Qualitäten im Beruf einüben: ritualisierte Konkurrenz und Fairplay, wetteifern und kämpfen, dabei aber den Gegner achten; ihn besiegen wollen, ohne ihn zu vernichten.

In der »Basiskompetenz Lesen« beträgt der Vorsprung der Mädchen nach den PISA-Ergebnissen mehr als ein Lernjahr. Der Unterricht, so kritisiert der Frankfurter Bildungsforscher Frank Damasch, orientiere sich »an weiblichen Formen des Lernens und Gestaltens«. Sein umstrittener Vorschlag: Schüler und Schülerinnen sollten in bestimmten Fächern mit geschlechtsspezifischen Lehrmaterialien arbeiten und teilweise auch wieder getrennten Unterricht erhalten. In Deutsch zum Beispiel schlägt er vor, mehr Texte auszuwählen, die männliche Schüler besonders interessieren: Jungen lesen eher Comics, Fantasygeschichten oder Abenteuerbücher – Stoffe, die im Unterricht bislang die Ausnahme darstellen.

In Baden-Württemberg unterstützte das Landesinstitut für Schulentwicklung das Projekt »Kicken und Lesen«, das den starken Wunsch nach Bewegung unter männlichen Schülern aufgriff: Nach ausgiebigem Toben und Ballspielen ließen sich selbst notorische Leseverweigerer zum gemeinsamen Vortragen eines Fußball-Romans überreden. Hinterher, so beobachteten die Experten, klatschten sich die Jungs stolz ab wie ihre sportlichen Vorbilder – darunter Schüler, die sonst »freiwillig nicht eine Zeile gelesen hätten«.

In der aufgeregten öffentlichen Debatte kommt oft zu kurz, dass nicht alle Jungen »Bildungsverlierer« sind. Der männliche Nachwuchs aus Mittelschichtsfamilien füllt wie eh und je die Leistungskurse in Mathematik oder Physik; viele dieser Schüler erbringen weit über dem Durchschnitt liegende Leistungen. Die Chancen im deutschen Schulsystem hängen vorrangig vom Elternhaus und von der ethnischen Zugehörigkeit ab, erst als drittes Kriterium folgt das Geschlecht. Das katholische Arbeitermädchen vom Land, das einst als Prototyp der Bildungsverliererin galt, ist vom städtischen Migrantenjungen abgelöst worden. Pauschale Zuschreibungen und Ursachenanalysen sind also problematisch.

Zumindest einem Teil der heranwachsenden Männer droht in der Tat eine schwierige berufliche Zukunft. Denn früher konnten sie trotz schlechterer Noten auf einen Ausbildungsplatz (und später die Weiterbeschäftigung) in einem männlich strukturierten Arbeitsmarkt hoffen. Doch viele dieser Jobs in der Industrie sind wegrationalisiert worden; schlecht qualifizierte Männer sind die Hauptverlierer des Wandels zur Dienstleistungsökonomie.

Die von der Bundesregierung geförderte Initiative »Neue Wege für Jungs« möchte Spielräume für einen Wandel der tradierten Bilder von Männlichkeit aufzeigen: Lässt sich die männliche Rolle anders gestalten, wenn etwa wie am gestrigen »Boys' Day« soziale Kompetenzen im Beruflichen wie im Privaten gefördert werden? Seit Ende 2010 gibt es zudem das »Bundesforum Männer« als Pendant zum Deutschen Frauenrat. Der Zusammenschluss, in dem neben kirchlichen Gruppen und Sozialverbänden auch Jungenarbeiter, Väteraktivisten und Wissenschaftler mitarbeiten, versteht sich als Sprachrohr geschlechterdialogisch orientierter Männer. Diese klare Positionierung ist nicht selbstverständlich, denn gleichzeitig wenden sich rückwärts gewandte Männerrechtler massiv gegen Frauenförderung und staatliche Gleichstellungspolitik. Die weibliche Emanzipation sei längst erreicht, jetzt würden die Männer diskriminiert, heißt es in ihren Zirkeln; vor allem in Onlineforen dominiert ein aggressiv maskuliner Ton.

Die Stilisierung von Männern und Jungen zu Opfern »des Feminismus« ist wenig hilfreich. Dringend notwendig ist jedoch, auch die Nachteile männlicher Lebensentwürfe zu thematisieren. Kooperationsbereite Initiativen wie das »Bundesforum Männer« können hier eine wichtige Rolle spielen. Denn in den meisten Praxisfeldern (und auch in der Förderpraxis der Europäischen Union) überwiegt weiterhin ein Denken, das Gender-Fragen weitgehend mit Frauenpolitik gleichsetzt. Mitgemeint, aber nicht mitgenannt: Dass das Wort »Männer« in den Titeln der zuständigen Stellen, in den Bezeichnungen für Kommissionen oder Berichte nie auftaucht, ist keine Formalie. Darin drücken sich vielmehr (bei allem gutem Willen einzelner) inhaltliche Nachrangigkeit und eine strukturelle Missachtung aus. So betrachtet signalisiert das Referat »Gleichstellungspolitik für Männer und Jungen« im Familienministerium eine neue Richtung, dem praktische Konsequenzen folgen sollten: mehr Geschlechterforschung über Männer, mehr Bildungsprogramme für Jungen. Keineswegs muss das automatisch zu Lasten der (weiterhin sinnvollen) Frauen- und Mädchenförderung gehen.