Von Tom Mustroph
27.04.2012

Nachwuchs ohne Lobby

Zentraler Standort der Schauspielschule Ernst Busch steht in Frage

Die Emotionen schlagen hoch, seitdem bekannt wurde, dass die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus den Beschluss, einen Zentralstandort für die Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« zu bauen, wieder kassieren will. Anlass ist eine vergleichsweise geringfügige Erhöhung der geplanten Baukosten von 33 Millionen Euro auf 34,85 Millionen Euro.

»Wir sind schockiert«, lautet der Kommentar der Pressesprecherin der Hochschule, Claudia Kießling. »Seit 15 Jahren kämpfen wir um einen Zentralstandort. 2011 gab es die Entscheidung für ein Architekturmodell. Bis letzte Woche schien noch alles klar. Und jetzt das«, empört sich Kießling.

Auch der Rektor Wolfgang Engler versteht die Welt nicht mehr. »Es gibt zwei wesentliche Gründe für den zentralen Campus: Zum einen die aktuelle Zersplitterung der Schule in vier Standorte. Das ist für die alltägliche Arbeit sehr aufreibend. Schauspieler brauchen schließlich Regisseure, auch die Dozenten sind eine Stunde und länger in der ganzen Stadt unterwegs. Ein zentraler Standort würde die verschiedenen Abteilungen enger zusammenbringen und auch zu einem besseren Austausch unter den Lehrenden führen. Das hätte sicher gute Effekte für die Arbeit. Der andere Grund ist die bauliche Verfassung vor allem des alten Hauptstandortes Schöneweide. Dort gibt es immer wieder kleinere Havarien. Da kann man nicht verlässlich arbeiten«, sagt Engler »nd«. Eine Abkehr vom zentralen Standort bezeichnet er als »völligen Unsinn«.

Auch auf den Fluren der Senatsverwaltung ist man überrascht. »Die sind verrückt geworden, die Abgeordneten«, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Aus Sicht der Verwaltung macht der Umbau der alten Opernwerkstätten in Mitte in einen Schauspiel-Campus Sinn. Beim vom Senat ausgelobten Architekturwettbewerb hatte sich neben dem siegreichen Büro Ortner & Ortner auch die Prominenz von Gerkan, Marg und Partner beteiligt.

Der Um- und Anbau der früheren Opernwerkstätten in der Chausseestraße hätte der Theaterstadt Berlin in unmittelbarer Nähe zu einigen Theaterstandorten ein neues Kleinod beschert. Der Standort war in einem Vergleich mit Alternativen in Adlershof und auf dem Tempelhofer Feld als Favorit hervorgegangen.

Die SPD-Parlamentarier mag ehren, dass sie im Zuge der Haushaltsberatungen darauf achten, dass Baukosten nicht über den geplanten Rahmen hinaus wachsen. Dass sie die Notbremse nun aber ausgerechnet bei der Schauspielschule treten, stimmt allerdings merkwürdig. Das löste dann auch Kritik bei der Opposition aus. Als »Trauerspiel« und »Zumutung für die renommierte Hochschule« bezeichnete die Grünen-Sprecherin Clara Hermann die Entscheidung. Die haushaltspolitische Sprecherin der LINKEN, Manuela Schmidt, vermutete, dass die »Schauspielschule den Prestige-Objekten der SPD zum Opfer fallen« solle.

Ob der aktuelle Rückzieher vom Baubeschluss sich in den Konflikt zwischen Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) und Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) um die Liegenschaftspolitik einordnen lässt, ist bisher unklar. Nußbaum setzt auf maximale Verwertung durch Verkäufe, Müller will eher Nutzungen zum Gemeinwohl. Eine Sanierung der alten Standorte würde - allerdings nach alten Rechnungen - nur etwa 20 Millionen Euro kosten.

Das vordere Grundstück der Chausseestraße ist Auskünften des Liegenschaftsfonds zufolge bereits an einen Investor gegangen, der dort ein Hotel errichten will. Ob der Begehrlichkeiten auf das hintere Grundstück - also den geplanten Standort der Schule habe - sei nicht bekannt. Einen Auftrag zum Verkauf habe der Liegenschaftsfond nicht erhalten. Und auch die Stiftung Oper, die noch Eigentümer des Grundstücks ist, ist nicht an einer anderen Verwertung interessiert.

Nach Lage der Dinge wird wohl nur an einer Schule ohne große kulturpolitische Lobby ein Exempel statuiert. Die Vorentscheidung über den Neubau wird am heutigen Freitag bei einer Sitzung der Regierungsfraktionen im Abgeordnetenhaus getroffen. Die endgültige Entscheidung fällt bei der Verabschiedung des Haushalts Mitte Juni. Wenn die Hochschule »Ernst Busch« dabei geopfert würde, wäre dies ein klares Signal, wie wichtig den Abgeordneten die Ausbildungsstätte für viele frisch gekürte Lola-Preisträger ist.

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